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Masern-Impfung

Ministerium prüft verschärfte Regeln

26.07.2013  10:39 Uhr

Von Stephanie Schersch / In diesem Jahr grassieren die Masern in einigen Teilen Deutschlands besonders stark. Das Bundes­gesundheitsministerium (BMG) denkt nun über schärfere Impfregeln nach. In der Bevölkerung stößt das auf breite Zustimmung: Vier von fünf Deutschen fordern eine allgemeine Impfpflicht für Kinder.

Bereits 1043 Maserninfektionen wurden dem Robert-Koch-Institut seit Anfang Januar gemeldet, die meisten davon in Bayern und Berlin (Stand 10. Juli). Im gesamten Jahr 2012 waren es gerade einmal 165 gewesen. Allerdings schwanken die Zahlen zwischen den Jahren zum Teil deutlich. So hatte es 2011 mehr als 1600 Masernfälle gegeben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Erkrankungswelle zieht das BMG nun striktere Vorgaben für das Impfen in Betracht. Das Ministerium prüfe derzeit Änderungen im Infektionsschutzgesetz, bestätigte ein Sprecher auf Nachfrage der Pharmazeutischen Zeitung. Zuvor hatte bereits das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« über entsprechende Pläne berichtet.

 

Schule nur mit Impfschutz

 

Demnach könnten nicht geimpfte Kinder beim Ausbruch der Masern künftig vom Unterricht ausgeschlossen werden. Bislang ist dies nur bei bereits erkrankten Schülern möglich. Darüber hinaus erwäge das Ministerium, die Gesundheitsämter zu verpflichten, den Impfstatus eines Kindes bereits bei der Anmeldung in der Kita abzufragen, so der Sprecher. Derzeit passiert das erst beim Schulanfang. Die Änderungen könnten aber erst nach der Wahl durch den Bundestag auf den Weg gebracht werden.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hatte in den vergangenen Wochen auch eine Impfpflicht als letztes Mittel im Kampf gegen Infektionskrankheiten ins Gespräch gebracht. Wie eine Forsa-Umfrage unter 1002 Erwachsenen im Auftrag der DAK Gesundheit belegt, findet ein solcher Schritt viele Befürworter. Vier von fünf Deutschen sprechen sich demnach für eine allgemeine Impfpflicht bei Kindern aus. Als Grund für diese Forderung gaben die meisten (82 Prozent) an, konsequentes Impfen reduziere die Zahl der Krankheiten. Fast drei Viertel der Befürworter (73 Prozent) wollen eine Impfpflicht, weil viele Eltern aus ihrer Sicht zu leichtfertig mit dem Thema umgehen. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) sind der Meinung, dass Kinderkrankheiten generell unterschätzt werden.

 

Unterstützung gibt es dabei vor allem im Osten Deutschlands. In den neuen Bundesländern sprechen sich 93 Prozent für eine Impfpflicht aus. Verhaltener fällt die Zustimmung hingegen in Norddeutschland (72 Prozent) und Bayern (71 Prozent) aus.

 

Strikt gegen verpflichtende Impfungen sind 19 Prozent der Befragten. Sie verweisen auf das Selbstbestimmungsrecht der Eltern (76 Prozent) oder fürchten mögliche Nebenwirkungen einer Impfung (71 Prozent). Die tatsächlichen Risiken sind laut DAK Gesundheit allerdings gering. Demnach kommt es nur bei einem von einer Million gegen Masern geimpften Kindern infolge der Impfung zu schwerwiegenden Komplikationen. Fast jeder dritte Impfpflicht-Gegner (30 Prozent) ist der Ansicht, dass Kinderkrankheiten häufig dramatisiert werden.

 

Viele Erwachsene betroffen

 

Ärzteverbände warnen hingegen vor einem zu leichtfertigen Umgang mit diesen Erkrankungen. Die Gesellschaft für Virologie (GFV) zeigte sich angesichts der gehäuften Masernerkrankungen alarmiert. »Aktuell besorgen uns Ausbrüche bei Erwachsenen«, sagte GFV-Präsident Professor Thomas Mertens. Fast die Hälfte der Betroffenen seien zwanzig Jahre oder älter. Grund dafür sei vor allem eine zu geringe Teilnahme an der zweiten, seit 1991 von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Alle nach 1970 Geborenen sollten ihren Impfstatus daher dringend prüfen und eine verpasste Impfung unter Umständen nachholen. Für einen solchen Impfcheck wirbt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Es sei entscheidend, »Impflücken bei Jugendlichen und Erwachsenen zu schließen«, sagte BZgA-Direktorin Professor Elisabeth Pott. Den meisten Erwachsenen ist die Impfempfehlung gegen Masern einer Umfrage zufolge allerdings nicht bekannt.

 

Probleme sehen Ärzte aber nicht nur bei Masern. Besorgniserregend ist laut GFV-Präsident Mertens auch die Zunahme der Mumpserkrankungen. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) sieht darüber hinaus Nachholbedarf beim Schutz gegen Keuchhusten. Nur einer von zwanzig Deutschen ist demnach ausreichend immunisiert. Zwar verlaufe die Krankheit bei Erwachsenen vergleichsweise komplikationslos. Sie könnten jedoch Babys anstecken, für die ein Infekt lebensbedrohlich sein kann. Um die Impfquote zu erhöhen, fordert die DGIM daher eine Kombination von Keuchhusten und Tetanus-Impfung. Einen entsprechenden Impfstoff, der gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten gleichermaßen schützt, gibt es bereits. Laut DGIM kommt er bislang aber zu selten zum Einsatz. /

Kommentar

Mehr Aufklärung

Die steigenden Erkrankungszahlen bei Masern in diesem Jahr sind ein Armutszeugnis für Deutschland. Denn die Ausbreitung der mitunter lebensbedrohlichen Infektion könnte verhindert werden, wenn nur konsequenter geimpft würde. Die Forderung einer Impfpflicht ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Doch die Diskussion darüber wird sich vermutlich in ideologischen Grabenkämpfen verlieren. Zwang würde den bereits vorhandenen Widerstand zudem noch verstärken. Viel wichtiger ist daher, umfassender aufzuklären. Dass Masern beileibe keine harm­lose Kinderkrankheit sind, sondern schwerste Behinderungen nach sich ziehen und sogar tödlich verlaufen können, ist vielen heute nicht mehr bewusst. Nur wenige wissen zudem, dass eine Impfung auf im Erwachsenenalter erforderlich sein kann. Behörden und Ärzte müssen daher noch konsequenter informieren.

 

Stephanie Schersch

Ressortleitung Politik & Wirtschaft

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