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Designerdrogen

Dem Gesetz einen Schritt voraus

19.07.2011  13:30 Uhr

Von Conny Becker / Neue synthetische Drogen imitieren die Wirkung illegaler Drogen, sind aber selbst noch legal zu haben. Die Substanzen stellen ein wachsendes Problem für die Behörden dar. Denn zurzeit sind die Hersteller dem Gesetz immer einen kleinen Schritt voraus.

Für Mechthild Dyckmans bleibt viel zu tun, auch wenn laut aktuellem Drogen- und Suchtbericht der regelmäßige Konsum von Alkohol, Nicotin, Cannabis, Heroin und Cocain in Deutschland zurückgeht. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sieht sich nämlich seit einiger Zeit mit einem neuen Problem konfrontiert: legale Designerdrogen. Diese werden aus verkehrsfähigen Ausgangssubstanzen oder illegalen Drogen gewonnen, sind selbst aber noch nicht gelistet und fallen somit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz (BtmG). Vergangene Woche berichtete die Europäische Kommission über das Ausmaß der misslichen Lage: 2010 hat die EU 41 neue psychoaktive Substanzen registriert, ein deutlicher Anstieg verglichen mit 24 im Jahr 2009 und 13 im Jahr 2008. Die EU-Kommission beabsichtigt deshalb eine Verschärfung der Vorschriften zur Bekämpfung neuer synthetischer Drogen, konkrete Vorschläge sollen im Herbst folgen.

Eine neue Droge zu »designen«, um eine dem BtmG unterstellte Substanz zu ersetzen, ist kein neuer Ansatz. Früher wurden Designerdrogen jedoch illegal produziert und auch illegal vermarktet, so etwa Derivate von Fentanyl in den 1980ern, von Tryptaminen in den 1990ern oder von Piperazin und Cathinon in den 2000ern. Heute dagegen werden die Stoffe über legale Vertriebswege angeboten. Die sogenannten »Legal Highs« oder auch »Research Chemicals« imitieren häufig die altbekannten Party- und Leistungsdrogen Ecs­tasy und Cocain. Name und bunte Verpackung suggerieren, sie seien vergleichsweise harmlos. Sie sind jedoch wegen der mangelhaften Kennzeichnung unkalkulierbar und bergen ähnliche Gefahren wie die verbotenen Substanzen. Nach Angaben der Drogenbeauftragten und des Bundeskriminalamts kam es deutschlandweit zu »teilweise schweren, mitunter lebensgefährlichen Intoxikationen«. Die Auswirkungen reichten von Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen, Muskelzerfall bis hin zu drohendem Nierenversagen. Auf die Horrortrips durch »Legal Highs« macht aktuell auch »Spiegel Online« aufmerksam (http://tinyurl.com/6f62wsn). Bis jetzt scheint allerdings die Gefahr, die von den neuen Designerdrogen ausgeht, geringer zu sein als die traditioneller illegaler Drogen.

 

Die neuen Rauschmittel werden nach dem Bericht der EU-Kommission in kommerziellen Laboratorien, möglicherweise in Asien, hergestellt und sind verglichen mit illegalen Drogen meist billiger. Das könnte einen weiteren Anreiz zu ihrem Konsum darstellen. Der Vertrieb findet häufig über das Internet oder den Fachhandel für legale Freizeitdrogen, die sogenannten Smart- oder Headshops statt. In immer mehr Ländern der EU eröffnen solche Geschäfte, die sich auf den Verkauf neuer psychoaktiver Substanzen spezialisiert haben, welche auch als »Badesalze«, »Raumduft« oder »Kräutermischungen« deklariert werden. Um weder mit dem Lebensmittel- noch mit dem Arzneimittelrecht in Konflikt zu geraten, wurde Mephedron, für das seit Dezember 2010 unionsweit Kontrollmaßnahmen gelten, gar als »Pflanzendünger« angeboten. Insgesamt wurden 2010 laut EU-Bericht 136 Online-Shops ermittelt, von denen sich die meisten in den Niederlanden, Großbritannien sowie in Deutschland befanden.

 

Unbekannte Dunkelziffer

 

Dem Frühwarnsystem der EU-Drogenstrategie 2005 bis 2012 bescheinigt der Bericht angesichts gestiegener Meldungen an die Europäische Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) zunächst eine gute Wirksamkeit. Dabei wurden allerdings drei Viertel der insgesamt 115 neuen synthetischen Drogen von nur fünf Ländern ermittelt, allen voran Großbritannien sowie Finnland, Schweden, Deutschland und Dänemark. Grund dafür ist, dass nicht alle EU-Länder mithilfe von Testkäufen aktiv nach neuen Designerdrogen suchen. Somit ist von einer zusätzlichen Dunkelziffer auszugehen.

»Das größte Problem ist, dass die Substanzen in einer regulatorischen Grauzone entwickelt und gehandelt werden, die irgendwo zwischen Drogenkontrolle, Lebensmittelsicherheit, Verbraucherschutz, Arzneimittel- und Chemikalienrecht angesiedelt ist«, bringt der EU-Bericht das Dilemma auf den Punkt. Die Behörden wissen daher oft nicht, mit welchen Rechtsvorschriften sie am effektivsten gegen diese Substanzen vorgehen können. Bemängelt wird auch, dass es auf EU-Ebene nicht möglich ist, mehrere psychoaktive Substanzen gleichzeitig anzugehen – so konnte etwa das Kombinationsprodukt »Spice« nicht EU-weit verboten werden. Ebenso wenig konnte Meta-Chlorphenylpiperazin (m-CPP) als illegal eingestuft werden, obwohl es Berichten zufolge als Ecstasy-Tabletten oder deren Bestandteil auf dem Markt ist. Der Grund dafür ist, dass m-CPP auch legal für die Herstellung von Arzneimitteln verwendet wird.

 

In einigen EU-Mitgliedsstaaten ist es dagegen möglich, auch Gruppen chemisch verwandter Verbindungen gleichzeitig zu verbieten. National können also teilweise deutlich schneller Maßnahmen ergriffen werden als auf EU-Ebene. In Deutschland tagt der Sachverständigenausschuss für Betäubungsmittel zweimal jährlich. 2009 stellte er neun, 2010 13 Substanzen per Eilverordnung unter das BtmG (Aufnahme in die Anlage II, verkehrs-, aber nicht verschreibungsfähige Btm), im Mai dieses Jahres waren es weitere 15.

 

Cannabinoide beliebt

 

Die neu erfassten psychoaktiven Substanzen werden in der Regel nach ihrer chemischen Struktur klassifiziert. Eine Ausnahme bilden die synthetischen Cannabinoide. Diese seit drei Jahren auf dem Markt auftauchenden Stoffe werden nach ihrem Wirkungsmechanismus zusammengefasst und nicht nach ihrer chemischen Zusammensetzung, die stark variieren kann. Die lipophilen Verbindungen verflüchtigen sich beim Rauchen leicht. Alle wirken wie Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und der endogene Ligand Anandamid über die Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn und in anderen Organen und weisen eine hohe Affinität zum CB1-Rezeptor auf. Die Substanzen sind allgemein noch wenig pharmakologisch erforscht, scheinen aber längere Halbwertszeiten als THC zu haben. Da in den einzelnen Rauchmischungen mehrere Cannabinoide nebeneinander vorkommen können und auch deren Menge variiert, ist die Gefahr einer Überdosis höher als bei Cannabis.

 

Gehandelt werden die Cannabinoide in Rauchmischungen aus Kräutern oder sogenannten Räucherstäbchen beziehungs­weise Raumlufterfrischern unter zahlreichen Namen wie »Spice«, »Yucatan Fire« oder »Smoke«. Die Produkte enthalten keinen Tabak, sondern getrocknetes pflanzliches Material, auf das ein oder mehrere gelöste Cannabinoide aufgesprüht wurden. Die Kräutermischungen werden dann wie Cannabis geraucht, möglicherweise zudem gespritzt.

 

Stimulierende Cathinone

 

Mit 15 der 41 im vergangenen Jahr ermittelten neuen Substanzen machten synthetische Cathinone den Hauptanteil aus. Cathinon ist einer der psychoaktiv wirk­samen Inhaltsstoffe der pflanzlichen Droge Khat, den Blättern und frischen Trieben des blühenden, immergrünen Strauchs Catha edulis, die gekaut, geraucht oder als Tee getrunken wird. Zu den synthetischen Cathinonen zählen auch das Sympatho­mimetikum Amfepramon (Regenon®, Tenuate®) und das Antidepressivum Bupropion (Elontril®, Zyban®). Inzwischen gibt es jedoch immer mehr unkontrollierte, meist ringsubstituierte Substanzen. 2005 wurde der Europäischen Drogenbobachtungsstelle erstmals Mephedron gemeldet (4-Methylmethcathinon, 4-MMC), das bekannteste synthetische Cathinon-Derivat.

 

Cathinone ohne Ringsubstitution wirken wie Phenylethylamine als Stimulanzien des Zentralnervensystems, sind jedoch vergleichsweise weniger potent. Ring­substituierte Cathinone wie Mephedron scheinen dagegen ähnliche Wirkungen wie Cocain, Amphetamin oder Ecstasy (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin, MDMA) hervorzurufen, sie sind aber noch wenig pharmakologisch untersucht. Mephedron wurde wegen seiner Verbreitung und einiger Todesfälle in Deutschland und 17 anderen Ländern der EU Anfang 2010 verboten und unter das BtmG gestellt.

 

Abgesehen von synthetischen Cathinonen und Cannabinoiden beschrieb die EU-Kommission auch Substanzen aus mehr etablierten chemischen Familien als neue Designerdrogen, genauer fünf Phenyl­ethylamine, ein Tryptamin und ein Piperazin. Die Liste der neu gemeldeten Substanzen war sehr divers. Offenbar wissen die illegalen »Köche« genau, was sie tun. Sie scheinen dem Gesetz vorerst immer einen Schritt, das heißt eine kleine chemische Abwandlung, voraus zu bleiben. / 

Designerdrogen in der

Jeder zwanzigste junge Europäer hat bereits Erfahrungen mit legalen Designerdrogen gesammelt. Das ergab eine ebenfalls vergangene Woche veröffentlichte Eurobarometer-Studie. Bei der Befragung von 14- bis 25-Jährigen aus allen 27 Staaten der Europäischen Union zeichnete sich jedoch eine große Variation ab. Spitzenreiter war Irland mit mehr als 16 Prozent, gefolgt von Polen und Lettland mit je 9 sowie Großbritannien mit rund 8 Prozent. In Italien und Finnland gab dagegen nur 1 Prozent der jungen Menschen an, synthetische Drogen ausprobiert zu haben. Deutschland lag mit 3,7 Prozent der Befragten im unteren Mittelfeld. Die User, von denen etwa doppelt so viele männlich wie weiblich waren, wohnten meist in Großstädten und waren vorwiegend über 18 Jahre alt.

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