Pharmazeutische Zeitung online
200. Geburtstag von Carl Frederking

Historiker und Lehrer der Pharmazie

13.07.2009  13:34 Uhr

PZ-Originalia

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Nach dem Gehilfenexamen, das er 1828 in Dorpat ablegte, blieb er zunächst noch bei Praetorius. Am 20. Oktober 1830 immatrikulierte er sich aber an der Universität Jena (4), wo er allgemeine Naturgeschichte, reine Mathematik, Phyto- und Zoochemie belegte. Im Sommersemester 1831 widmete er sich außerdem der Physik, der allgemeinen Chemie, der Pharmazie, der Botanik und der Mechanik. Seine Lehrer waren in Jena vor allem die Apotheker und Professoren Heinrich Wilhelm Ferdinand Wackenroder (1798-1854) und Johann Wolfgang Döbereiner (1780-1849) (5). Wackenroder, der auch Geschichte der Pharmazie las, dürfte Frederking angeregt haben, sich später auch mit historischen Studien zu beschäftigen. 1831 konditionierte er bei Apotheker Keller in Bonn, wo er Ludwig Clamor Marquardt (1804-1881) und den Apotheker und Botaniker Theodor Friedrich Ludwig Nees von Esenbeck (1787-1837) kennenlernte, mit dem er bald »in ein inniges Freundschaftsverhältnis« trat. Er ordnete von Esenbecks botanische Sammlung, begegnete in Bonn aber auch dem Dichter Ernst Moritz Arndt (1769-1860). 1832 wandte er sich nach Heidelberg, wo er nähere Kontakte zu dem Apotheker und Botaniker Gottlieb Wilhelm Bischof (1797-1854) knüpfte. Auf der Rückreise nach Riga besuchte er Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837) und wohl auch Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760-1833).

 

In Riga konditionierte er in der Brandt(Oppelt)schen Apotheke, und 1833 bestand er sein Provisorexamen in Dorpat. 1837 wurde er Besitzer der Deringerschen Apotheke in der Mitauer Vorstadt (2). Bereits 1834 gab es auf seine Anregung hin innerhalb der Pharmazeutischen Gesellschaft Riga einen Unterricht für Lehrlinge, aus dem dann 1835 die Pharmazeutische Schule zu Riga hervorging, die bis 1915 bestand (6). Der Lehrplan, den Frederking entworfen hatte, wurde von Ernst Ludwig Seezen (1799-1881) und Wilhelm Deringer (1800-1876) überarbeitet. Der Unterricht umfasste neben Chemie Botanik und botanische Exkursionen, Pharmakognosie, Physik, Pharmazeutische Propädeutik, Dosologie (die Lehre von den Dosen), Zoologie und später noch Stöchiometrie. Während Frederking Pharmazeutische Technik, Physik, Pharmakognosie und Pharmazeutische Chemie lehrte, widmete sich Seezen vor allem der Botanik und der Physik (7).

 

1837 heiratete Frederking Pauline Charlotte Schmölling, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte. Der Zweitälteste, Alexander (1841-1904), übernahm 1866 seine Apotheke (2).

 

Wissenschaftliches Werk

 

Frederking veröffentlichte 1859 »Tabellen über die Zusammensetzung anorganischer, pharmazeutisch und technisch wichtiger Präparate« sowie 1870 ein »Lehrbuch der Pharmazeutischen Chemie«. Das Buch fand eine positive Aufnahme, wobei hervorgehoben wurde, dass Frederking seine 40-jährige praktische Erfahrung als Apotheker und Lehrer mit einfließen lassen konnte. Es wurde daher vor allem »angehenden Lehrlingen« besonders empfohlen. Beginnend mit den Grundlagen der allgemeinen Chemie folgten Erläuterungen der chemischen Prozesse, der physikalischen und chemischen Eigenschaften der Stoffe, die Einteilung der Verbindungen und schließlich die spezielle pharmazeutische Chemie mit ausführlicher Behandlung der wichtigsten Präparate und Reagenzien.

 

Insgesamt konnten 55 Zeitschriftenbeiträge Frederkings ermittelt werden, die im Archiv der Pharmazie, der »Pharmaceutischen Zeitschrift für Russland«, im »Nordischen Zentralblatt«, im »Pharmaceutischen Centralblatt« sowie im »Correspondenzblatt des Naturforscher-Vereins« erschienen. Die Aufsätze widmen sich sowohl Arzneistoffen und deren Herstellungsvorschriften (Goldschwefel, Jodkalium) als auch Fragen der allgemeinen und angewandten Chemie. So beschäftigte sich Frederking mit der Verfälschung der Butter, mit Schnupftabak, Bier, Leuchtstoffen und mit dem Schulunterricht in den Naturwissenschaften.

 

Lehrbuch der Pharmaziegeschichte

 

Bereits 1872 hatte Frederking in einem Beitrag zum Thema »Betrachtungen über pharmaceutische Gesetzeszustände« die Hauptperioden der Geschichte der Pharmazie beschrieben. 1874 erschien sein Buch »Grundzüge der Geschichte der Pharmazie und derjenigen Zweige der Naturwissenschaft auf welchen sie basirt«. Anlass für das Abfassen eines selbstständigen Werkes zur Geschichte der Pharmazie war, wie er in der Vorrede beklagt, die Tatsache, dass in den Lehrbüchern der Pharmazie von Trommsdorff, Geiger, Göbel oder Marquardt die Geschichte nur »dürftig behandelt« worden war. Die Notwendigkeit für eine, wie er schreibt, historische »Würdigung der Pharmacie« leitete er interessanterweise aus den zahlreichen Angriffen, die zu seiner Zeit von vielen Seiten gegen die Pharmazie und das Apothekenwesen geführt worden waren, ab. Frederkings Begründung klingt durchaus modern, wenn er bemerkt: »Zu keiner Zeit ist eine richtige Würdigung der Pharmacie nöthiger geworden, als heut zu Tage, wo Leute, die keine Idee vom Wesen derselben haben, den Stand des Apothekers zu verdächtigen suchen, wo man von enormen Procenten faselt, die der Apotheker weder hat, noch haben kann, da ein grosser Theil des Gewinns, namentlich bei kleinem Geschäftsumsatze, durch die Höhe der Unkosten absorbirt wird. Der Apotheker kann nicht wie der Kaufmann nach der Grösse seines Capitals oder Credits seinen Umsatz vermehren, selbst Nebengeschäfte zu betreiben, hält [!] oft schwer, da in der Apotheke ein nicht unbedeutendes Capital steckt, das erst nach und nach herausgeschlagen werden kann. Leider hat fast jeder Stand am Apotheker etwas zu modeln, dem Einen hat er zu geringe klassische Bildung, der Andere möchte ihn zum Krämer stempeln, der die Wissenschaft gänzlich entbehren könne, ein Dritter sieht ihn als Gewerker an und der gemeine Mann sucht im Apotheker den ärztlichen Handlanger«(8).

 

Sein Ziel war es, »nicht eine vollständige Geschichte der Pharmacie als Wissenschaft, sowie der socialen Verhältnisse derselben - sondern nur die Hauptperioden der Pharmazie dem Leser vorzuführen«. Zugleich wollte er demonstrieren, »wie sich die Naturwissenschaft nach und nach aufbaute, aber auch wie gerade die Pharmaceuten unter den fleissigsten Baumeistern desselben zu zählen sind«. Im Unterschied zu vielen nachfolgenden Werken bietet Frederking bereits eine moderne Konzeption, in der die Geschichte der Pharmazie als Teil der (Natur-)Wissenschaftsgeschichte begriffen wird. Die Gliederung des Buches erfolgte chronologisch in sogenannte Perioden, beginnend mit derjenigen, in der die Pharmazie von Ärzten ausgeübt wurde, über Galen, die Araber, die Gründung der ersten Apotheke in Italien, das Zeitalter der Iatrochemie, die Phlogistontheorie, Linné und die Entdeckung des Sauerstoffgases, das Antiphlogistische System und schließlich auch moderne Entwicklungen wie die Stöchiometrie, Elektrochemie, Isomorphie, die Entdeckung der Pflanzenalkaloide bis zur Neugestaltung der Organischen Chemie durch Liebig. Dabei werden auch Themen wie Geheimmittel, das Apothekergewerbe im 19. Jahrhundert und Apothekervereine nicht ausgespart. Die chronologische Darstellung schließt mit der »Pharmacie der Jetztzeit«, in der die »nöthigen Reformen«, aber ebenso auch die Behandlung chemischer Phänomene wie die homologe Reihe, [Hermann] Kolbes Ansichten, Strukturformeln und die Radikale Berücksichtigung finden. In einer zweiten Abteilung bietet Frederking kurze Lebensbeschreibungen der Pharmazeuten und Naturforscher, die wiederum in den zeitlichen Perioden abgehandelt werden. Dabei war es sein Ziel, den »jungen Fachgenossen Muster vorzuführen, denen nachzustreben sie sich bemühen sollen« (8).

 

Berufspolitisches Engagement

 

Frederking war nicht nur ein aktives Mitglied der Pharmazeutischen Gesellschaft zu Riga, einige Jahre sogar als Vorsitzender, sondern zählt auch zu den Mitbegründern des Rigaschen Naturforschervereins und hielt zwischen 1852 und 1864 nachweislich 23 Vorträge. Innerhalb der »literärisch-praktischen Bürger-Verbindung zu Riga« gehörte er einem Komitee an, das sich 1841 mit der Anlage eines Blutegelteiches und dessen Bewirtschaftung beschäftigte. Dieses Projekt erwies sich als sehr erfolgreich, denn im Rigaer Adressbuch von 1852 erschienen mehrere Danksagungen, in denen die Qualität der Blutegel besonders gerühmt wird (9).

 

Bereits 1841 entwarf Frederking gemeinsam mit Seezen und einem weiteren Kollegen Statuten für eine zu gründende Witwen- und Waisenkasse, die aber erst nachdem 1854 ein Grundkapital von 2000 Rubel zusammengekommen war, realisiert werden konnte. Die Probleme der praktischen Pharmazie lagen Frederking sehr am Herzen. So forderte er 1863 eine Reform des Apothekenwesens in Russland, wobei er die Ansicht vertrat, dass diese aus dem Apothekerstande selber kommen müsse und nicht von »Professoren der Botanik, der Chemie oder der Medicin« initiiert werden dürfe. Seine Vorschläge betrafen unter anderem die Schaffung einer neuen Pharmakopöe, die vollständiger sein müsse als die Pharmacopoea Borussica, das preußische Arzneibuch, »denn es sollen in ihr die Mittel, die in Tiflis, Astrachan, Charkow, Moscau, Petersburg, Archangel, Odessa, Riga und Warschau gebraucht werden, enthalten sein, nicht allein die in der Receptur gebräuchlichen, sondern auch die Handverkaufsartikel« (10).

 

Die zu erarbeitende Pharmakopöe sollte in »Cruda«, also Pflanzen oder Pflanzenteile, »Präparate«, »rein pharmaceutische Präparate«, sogenannte »Geheimmittel« und schließlich die »Apothekertaxe« untergliedert werden. Bei den Präparaten unterschied Frederking solche, »die in Fabriken bereitet werden, ohne Angabe der Darstellung«, und bei denen »nur die Eigenschaften und die Prüfungen« sowie die chemische Formel angegeben werden sollten und solche, die von den Apothekern selbst anzufertigen waren, für die Frederking eine leicht ausführbare Darstellungsmethode forderte. Die »rein pharmaceutischen Präparate« sollten nur in Apotheken nach einer präzisen und genauen Zubereitungsvorschrift hergestellt und ihre Einfuhr aus dem Ausland verboten werden. In der Rubrik »so genannte Geheimmittel« führte Frederking nur solche auf, deren Zusammensetzung allgemein bekannt war, wie »Harlemmeroel, Wunderessenz, Brausepulver und Kiesov Lebensessenz« (10).

 

Sehr ausführlich beschäftigte sich Frederking mit der Taxe. Um zu realistischen Preisen zu gelangen, empfahl er, zunächst die Fixkosten eines Apothekers zu ermitteln und führte als Beispiel eine Berechnung an: »1.) Miethe des Lokals nebst Stosskammer 100 R[u]b[e]l, 2.) Gehülfe nebst Beköstigung 300 Rbl., 3.) Ein Knecht und sonst angenommener Arbeiter 150 Rbl., 4.) Für Glas, Reparatur und Abnutzung der Apparate, Papier, Renten für die Einrichtung u.s.w. 200 Rbl. und 5.) Brenn- und Leuchtmaterial 100 Rbl«. Als Summe dieser Kosten ergeben sich somit 850 Rubel.

 

Diese Ermittlung der Fixkosten bildete die Grundlage für die Arbeitspreise, wobei er die einzelnen im Labor anfallenden Arbeitsgänge nach ihrer Häufigkeit und Menge aufschlüsselte. Insgesamt gelangte er zu der Einsicht, dass die Arzneipreise zu gering waren, sodass der Apotheker »kaum das Holz und die Abkühlung bezahlt« bekam. Um dies zu beweisen, führte er detailliert die Kosten auf:

 

»Nach jahrelanger Berechnung habe ich bei einem Umsatz von 7000 Rbl. folgende Ausgaben im Durchschnitt in runden Summen gehabt.

Waare . . . . . . . . 2.500 Rbl.

Gagen . . . . . . . . . .600 Rbl.

Miethe . . . . . . . . . 750 Rbl.

(Geschäftswerth) Renten von

20.000 . . . . . . . . .1.200 Rbl.

Holz und Licht . . .225 Rbl.

Beköstigung . . . .1.300 Rbl.

Familienconto . . . .500 Rbl.« (11)

 

1864 reiste Frederking gemeinsam mit dem Rigaer Apotheker Adolf Julius Peltz (1817-1899), der von 1867 bis 1869 Sekretär der dortigen Pharmazeutischen Gesellschaft war, nach Petersburg zur Generalversammlung der russischen Apotheker. Hier hielt er ein Referat über die Pharmakopöe und die Apothekertaxe (2). Auch an der Generalversammlung des norddeutschen Apothekervereins in Braunschweig nahm er im gleichen Jahr teil, wo über die Ausbildung der Pharmazeuten, den Gehilfenmangel, die Gewerbefreiheit, Pharmakopöevorschriften und über den Geheimmittel- und Giftverkauf diskutiert wurde. Frederking hielt einen wissenschaftlichen Vortrag über die »Tinctura ferri acetici Radem[acheri]« sowie über die »Tinctura cupri acetici Radem[acheri]« (12). 1871 gehörte er zu den Delegierten der 50. Jahrfeier des norddeutschen Apothekervereins in Dresden, für die er eine Denkschrift mit dem Titel »Betrachtungen und pharmaceutische Zustände der Vergangenheit und Gegenwart« verfasst hatte (2).

 

Frederking, der von der Universität Dorpat zum Magister der Pharmazie honoris causa ernannt worden war und Ehrenmitglied der pharmazeutischen Gesellschaften zu Moskau, Petersburg und Philadelphia sowie des österreichischen Apothekervereins war, sollte 1864 auf Initiative von Rudolf Buchheim (1820-1879) eine Professur der Pharmazie in Dorpat übernehmen. Er lehnte diesen Ruf indes ab und schlug stattdessen Georg Dragendorff (1836-1898) vor (13), der 1864 zum Professor für Chemie und Direktor des Pharmazeutischen Institutes der Universität Dorpat ernannt wurde (14).

 

Frederking verstarb am 3. März 1892 in Riga. In einem in den Rigaischen Stadtblättern erschienenen Nachruf heißt es: »Als umsichtiger praktischer Apotheker hat Frederking in Segen gewirkt, hervorragende und bedeutende Verdienste jedoch auf pharmaceutischem Gebiete durch seine wissenschaftlichen Leistungen, wie bei einer fast fünfzigjährigen Lehrtätigkeit durch Unterweisung junger Apotheker aus dem reichen Schatz seines Wissens sich erworben«(15).

Quellen und Literatur

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Latvijas valsts arhivs (LVA) Fonds 4011; apr. 1; lieta 1460. 5 lps.

Lichinger, F., Aus Russlands pharmazeutischer Vergangenheit, Riga 1927, S. 356.

Lenz, W., Frederking, Karl Heinrich Wilhelm, in: Deutsch-Baltisches biographisches Lexikon 1710-1960. Köln, Wien 1970, S. 222 f.

Universitätsarchiv Jena (UAJ), Gedrucktes Studentenverzeichnis.

UAJ, Best. G, Abt. I, Nr. 35 und 37.

Rigasche Stadtblätter, Nr. 10, 1892, S. 75.

Sarmite Pijola, Vilhelms un Eduards Deringeri, Riga, 1999, S. 15.

Frederking, C., Grundzüge der Geschichte der Pharmazie und derjenigen Zweige der Naturwissenschaft auf welchen sie basirt, Göttingen 1874, S. IIIf.

Rigaer Adressbuch von 1852.

Pharmaceutische Zeitschrift für Russland, 2 (1863), S.15f.

Pharmaceutische Zeitschrift für Russland, St. Petersburg 2 (1863), S. 41 f.

Stadtarchiv Braunschweig: Signatur, Z 15: 14.09.1865.

Nachruf auf Mag. pharm. Carl Frederking, in: Düna Zeitung, 1892, 52.

Kokoska, U., Johann Georg Noel Dragendorff (20.4.1836-7.4.1898). Sein Beitrag zu Gerichtsmedizin, Pharmakologie und Pharmazie an der Universität Dorpat, Diss. Med. Berlin 1983.

Nachruf auf C. Frederking, in: Rigasche Stadtblätter 10, 12. März 1892.

 

Anschrift für die Verfasser:

Dr. Astrid Kaunzinger

Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker e.V.

Carl-Mannich-Straße 26

65760 Eschborn

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