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Serie AMTS

Rote Karte für riskante Arzneien

26.07.2013
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Von Iris Hinneburg, Berlin / In Alten- und Pflegeheimen ist eine sichere Arzneimitteltherapie keine Selbstverständlichkeit. Das sogenannte AMPEL-Projekt untersucht, ob eine intensive Zusammenarbeit von Ärzten, Apothekern und Pflegepersonal das Risiko für Nebenwirkungen bei älteren Patienten in der Langzeitpflege verringern kann.

Multimorbide ältere Patienten, die eine Vielzahl an Medikamenten einnehmen: So sehen die typischen Bewohner eines Alten- und Pflegeheims aus. Bei solchen Patienten sind Nebenwirkungen und andere arzneimittelbezogene Probleme keine Seltenheit. Eine Verbesserung der Pharmakotherapie in diesem Umfeld ist das Ziel des Modellprojekts »Arzneimitteltherapiesicherheit bei Patienten in Einrichtungen der Langzeitpflege« (AMTS-AMPEL). 

Das Projekt stellte Dr. Stefan Wilm, Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Düsseldorf und niedergelassener Hausarzt, auf einem Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie in Berlin vor.

 

Viele Bewohner sind dement

 

»Wir haben es mit einer Dreifachproblematik zu tun«, konstatierte Wilm. Risiken der Pharmakotherapie entstehen seiner Einschätzung nach im Alten- und Pflegeheim durch die spezielle Popula­tion, das besondere Umfeld und die eingesetzten Medikamente. Neben der alterstypischen Multimorbidität leiden etwa zwei Drittel aller Pflegeheim­bewohner zusätzlich an einer Demenz in verschiedenen Schweregraden und bekommen deshalb häufig Psychopharmaka verordnet. Diese Substanzen lösen aber bei älteren Patienten besonders oft Nebenwirkungen aus. Auch die Verordnung anderer für ältere Patienten ungeeigneter Medikamente (potenziell inadäquate Medikation, PIM) ist in Alten- und Pflegeheimen an der Tagesordnung, so Wilm. Dafür sind auch die Betreuung durch verschiedene Ärzte – etwa Hausärzte, Neurologen, Psych­iater und Urologen – und mangelhafte Absprachen verantwortlich. »Im Altenheim klappt es nicht immer mit der Kommunikation«, resümierte Wilm.

 

Aus dieser speziellen Konstellation entstehen Probleme für die Arzneimittel­therapiesicherheit: In der Vorläufer-Studie AMTS-I hatten Wilm und Kollegen ermittelt, dass in den untersuchten Alten- und Pflegeheimen etwa acht unerwünschte Arzneimittelereignisse pro 100 Bewohnermonate auftreten. Da die Probleme durch eine Vielzahl von Faktoren entstehen, ist für eine verbesserte Therapiesicherheit eine multimodale Intervention notwendig, wie sie im Rahmen des AMPEL-Projekts vorgesehen ist.

 

Interprofessionelle Zusammenarbeit

 

Dazu gehören etwa interprofessionelle Fortbildungen, die gemeinsam für Ärzte, Apotheker und Pflegepersonal durchgeführt werden. Damit soll die Kooperation und Kommunikation zwischen den Beteiligten verbessert werden. Allerdings sind die Schulungen nur ein Baustein von mehreren, denn »Wissensvermittlung ändert nichts am Handeln«, betonte Wilm. Deshalb wurden weitere Instrumente entwickelt, um eine sichere Arzneimitteltherapie in besonders kritischen Situationen zu gewährleisten. Nach Wilm gehören dazu vor allem die Neuaufnahme in ein Pflegeheim sowie die Entlassung aus dem Krankenhaus. Problematisch sei auch die Situation, wenn das Pflegepersonal bei Bewohnern Symptome von Nebenwirkungen beobachte, sie aber nicht in einen Zusammenhang mit der Arzneimitteltherapie bringe. Dann können Verordnungskaskaden entstehen, die weitere Schwierigkeiten nach sich ziehen.

 

Eine wichtige Einrichtung des AMPEL-Projekts ist die Bildung von AMTS-Teams in den Wohnbereichen. »Neu ist, dass der heimversorgende Apotheker eine stärkere Rolle bekommt«, erklärte Wilm. Das AMTS-Team besteht aus einer speziell geschulten Pflegekraft sowie dem heimversorgenden Apotheker, der im Idealfall über eine Weiterbildung in Geriatrischer Pharmazie verfügt. Das AMTS-Team trifft sich einmal pro Woche, um die Medikation von Bewohnern zu besprechen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Auswertung der Therapiebeobachtungsbögen, auf denen die Pflegekräfte Auffälligkeiten bei Bewohnern dokumentieren, die möglicherweise mit der Arzneimitteltherapie zusammenhängen. Auch die Medikation von Bewohnern in speziellen Situationen, etwa nach einer Therapieumstellung, wird besonders in den Blick genommen. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass Nebenwirkungen schnell erkannt und geeignete Maßnahmen eingeleitet werden.

 

Schneller Überblick dank AMTS-Merkkarte

 

Als zentrales Hilfsmittel zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit haben die Projektverantwortlichen eine sogenannte AMTS-Merkkarte entwickelt, die allen Beteiligten zur Verfügung steht. Im handlichen Format zeigt die laminierte Karte Medikamente mit hohem Nebenwirkungsrisiko, die bei Älteren möglichst vermieden werden sollten, sowie empfohlene Überwachungsmaßnahmen bei Verordnung bestimmter Arzneistoffe. Pflegekräfte erhalten auf der AMTS-Karte auch Hinweise, welche Arzneimittel möglicherweise Stürze, Verwirrtheit oder gastrointestinale Beschwerden auslösen können. Farbkodierungen, etwa in Rot für riskante Medikamente, sorgen für einen schnellen Überblick.

 

Die AMTS-Merkkarte enthält zwar keine neuen Erkenntnisse, erleichtert aber die Umsetzung des Wissens in die Praxis. « Das sind eigentlich alles selbstverständliche Dinge, aber im Alltag geht das dann doch unter«, erklärte Wilm. Um die Kommunikation zwischen Pflegepersonal, Ärzten und Apothekern zu verbessern, wurden auch standardisierte Fax-Vorlagen entwickelt.

 

Wie Wilm erläuterte, soll im Projekt vor allem untersucht werden, ob die Interventionen die Häufigkeit von Nebenwirkungen reduzieren können und die Effekte auch langfristig zu spüren sind. Dazu werden im Verlauf des Projekts drei Querschnittserhebungen durchgeführt. Das Projekt ist auf drei Jahre (2012 bis 2015) angelegt. In den zwei Modellregionen Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen sollen mindestens 15 Einrichtungen der Langzeit-Pflege mit etwa 1000 Bewohnern in die Untersuchung eingeschlossen werden. Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Rekrutierungsphase. / 

Das AMTS-AMPEL-Projekt


 

Das AMTS-AMPEL-Projekt (»ArzneiMitteltherapiesicherheit bei Patienten in Einrichtungen der Langzeitpflege«) untersucht den Einfluss einer multiprofessionellen Intervention von Ärzten, Apothekern und Pflegekräften auf die Häufigkeit unerwünschter Arzneimittelereignisse in Alten- und Pflegeheimen. Ziel dieses dreijährigen Projekts (2012 -2015) ist es, die in einer Vorläuferstudie entwickelte Intervention im Hinblick auf ihre Wirksamkeit und Nachhaltigkeit zu überprüfen. An dem Projekt nehmen Heime aus zwei Regionen in Deutschland (Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg/Vorpommern) teil.

 

Das AMTS-AMPEL-Projekt ist eine Maßnahme des „Aktionsplans zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Deutschland“ und wird vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) finanziell unterstützt.

 

Das Projekt wird von einem Konsortium von Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachdisziplinen durchgeführt. Beteiligt sind die Arbeitsgruppen von: 

 

  • Frau Prof. Dr. Petra Thürmann (Philipp Klee-Institut für Klinische Pharmakologie der Universität Witten/Herdecke, Projektleitung),
  • Prof. Dr. Ulrich Jaehde (Pharmazeutisches Institut der Universität Bonn),
  • Prof. Dr. Stefan Wilm (Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf),
  • Prof. Dr. Bernd Drewelow (Institut für Klinische Pharmakologie der Universität Rostock)
  • Prof. Dr. Attila Altiner (Institut für Allgemeinmedizin der Universität Rostock) und
  • Prof. Dr. Karl Wegscheider (Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikums Eppendorf).

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