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Adipositas

Keine Lösung in Sicht

04.07.2018
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Von Kerstin Pohl, Kassel / Experten aus den verschiedenen ­Berufsbereichen Medizin, Psychologie und Ernährungsberatung tun sich schwer mit einer Lösung, wie Adipositas effektiv und ­effizient behandelt werden kann. Eine alleinige schnelle Lösung für diese Erkrankung kann und wird es auch in absehbarer Zukunft nicht geben.

Die weitgehende Hilflosigkeit angesichts steigender Zahlen von Adipösen zeigte sich auf dem Ernährungskongress der Dreiländertagung zum Thema »Ernährung ist Therapie und Prävention« Ende Juni in Kassel. Spezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellten Modelle vor, mit denen versucht wird, die Adipositas effizient zu behandeln.

 

Die Energiebilanz ist nach wie vor ein zentrales Thema in der Adipositas-­Behandlung und wird von vielen Vari­ablen beeinflusst, die kleinere Effekte haben. Biomedizinische Parameter geben lediglich Hinweise für eine Behandlung. Das macht es so schwierig, eine einfache Lösung zu formulieren: »Adipositas passiert irgendwie«, wurde Professor Dr. John Blundell von der Universität Leeds zitiert.

 

Multifaktorielles Problem

Aktuell betrachten die Wissenschaftler Übergewicht als ein multifaktorielles und komplexes biologisches, psycho­logisches und soziales Problem. Die konservative Therapie der Adipositas umfasst eine Ernährungstherapie, die von einer Bewegungs- und Verhaltenstherapie begleitet wird, gegebenenfalls kurzfristig medikamentös unterstützt. Da so eine Therapie nur in einer langfristigen Anwendung erfolgreich ist, stellt eine chirurgische Adipositastherapie eine Alternative dar. Sie sollte aber nur bei Hochrisikopatienten zur Anwendung kommen.

 

Der Vorteil der bariatrischen Chirurgie: Eine Adipositas ist damit zwar nicht heilbar, aber durch einen Operation kann eine effektivere, schnellere und nachhaltigere Gewichtsreduktion erreicht werden als mit einer konventionellen Therapie. Problematisch ist jedoch, abgesehen von den chirurgischen Komplikationen, die oft fehlende Einsicht der Patienten, für den weiteren Behandlungsverlauf selbst verantwortlich zu sein. Viele Patienten hoffen, dass sich das Gewichtsproblem nach der Operation schnell von alleine löst. Eine adäquate Nachsorge und eine ernährungsmedizinische Betreuung vor und nach der Operation sind zwingend notwendig, um Komplikationen und Folgekosten zu vermeiden. Auch sind kaum wissenschaftliche Daten zum Langzeitverlauf nach zehn Jahren und mehr vorhanden, sodass eine abschließende ­Bewertung noch nicht möglich ist.

 

Das Körperbild, die Wahrnehmung des eigenen Körpers, ist bei vielen Adipösen verändert. Jedoch haben nicht alle Adipöse ein schlechteres Körperbild. Hier scheint eine Art Gewichtsschwelle zu existieren. Die größte Motivation für eine Gewichtsreduktion ist dabei eine »mittlere« Unzufriedenheit. Je höher das Gewicht ist, desto eher resigniert der Patient und wird eine Therapie abbrechen. Dieses Phänomen wird nach den zwei Psychologen, die es zuerst beschrieben haben, als Yerkes-Dodson-Gesetz bezeichnet. Aber auch bei einer erfolgreichen Gewichtsreduktion scheinen ehemals Adipöse ein ­negativeres Köperbild im Vergleich zu niemals Übergewichtigen zu haben. Forscher sprechen hier von einem »Phantom Fat«.

Viele Betroffene

Das Behandlungsproblem der Adipositas ist nicht neu. Seit mehr als 20 Jahren ist Übergewicht und Adipositas in Deutschland ein Thema. Gut 50 Prozent der Frauen und mehr als zwei Drittel der Männer in Deutschland sind übergewichtig mit einem BMI von mehr als 25 kg/m2 oder adipös (BMI über 30 kg/m2). Auch bei Kindern nehmen Übergewicht und Adipositas zu. Bei der Einschulung sind circa 10 Prozent der Kinder übergewichtig. Laut Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation werden sich diese Zahlen bis 2040 noch deutlich erhöhen. Dann ist damit zu rechnen, dass 50 Prozent der Bevölkerung adipös sein werden.

 

Petition gestartet

 

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation Adipositas als chronische Erkrankung wertet, wird das in Deutschland anders gesehen. Eine solche Einstufung wäre aber notwendig, um die Krankenkassen zu verpflichten, die Kosten für eine bedarfsgerechte ambulante medizinische Versorgung bundesweit einheitlich zu übernehmen. Per Petitionspapier wollen verschiedene Selbsthilfegruppen und Verbände versuchen, den Deutschen Bundestag dazu zu bewegen (www.adipositas-petition.de). Die Petition lief vom 29. Mai bis 26. Juni 2018. 50 000 Stimmen waren dazu notwendig. Ein Ergebnis steht noch aus. /

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