Pharmazeutische Zeitung online
Ernährung

Im Alter gesund bleiben

27.06.2016
Datenschutz bei der PZ

Von Hannelore Gießen / Lebensqualität und Lebenszeit werden im Alter häufig von chronischen Erkrankungen beeinträchtigt. Wie man das Eintreten oder den Verlauf von Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebserkrankungen und Demenz positiv beeinflussen kann, ­interessiert nicht nur Fachleute.

Die Daten des Gesundheitssurveys 2012 vom Robert-Koch-Institut zeigen es: In jeder Altersstufe erleiden heute weniger Menschen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als vor zehn oder gar 20 Jahren. Der Grund ist eine bessere Kontrolle der Risikofaktoren wie Bluthochdruck und erhöhtes LDL-Cholesterol. Noch deutlicher als die Zahl der Erkrankungen sinke die der Todesfälle, berichtet Professor Dr. Martin Smollich, Leiter des Studiengangs »Clinical Nutrition« an der Praxishochschule Rheine.

Auch an einer Demenz würden die Menschen erst in immer höherem Lebensalter erkranken, führt der Apotheker im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung weiter aus. Da die Menschen jedoch länger leben, bleibt die absolute Zahl etwa gleich. Welche präventiven Maßnahmen Alterungsprozessen entgegenwirken, ist nicht nur für jeden Einzelnen wichtig, sondern auch für die gesamte Gesellschaft: 2050 werden 40 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Sowohl Grundlagenforschung über die Ursachen als auch eine weitere Verbesserung der Therapieoptionen sind daher dringend notwendig (23).

 

Physiologie des Alterns

 

Weshalb und wie der menschliche Organismus altert, ist noch nicht vollständig verstanden, doch mehrere Theorien versuchen, den Prozess aufzuhellen. Die Enden der Chromosomen, sogenannte Telomere, dienen als Schutzkappen, werden jedoch bei jeder Zellteilung ein Stückchen kürzer. Bei einer kritischen Länge stoppt die Teilung der Zelle, und die Zelle stirbt. Das Hayflick-Limit beschreibt die biologische Obergrenze für eukaryotische Zellen. Bei menschlichen Zellen liegt es bei etwa 40 bis 50 Zellteilungen. Ein Zusammenhang zwischen der Länge der Telomeren und alterskorrelierten Erkrankungen ist belegt, kann jedoch noch nicht therapeutisch beeinflusst werden.

Die zweite Theorie wird als Inflamm-Aging bezeichnet, da der Körper mit höherem Alter mehr proinflamma­torische Botenstoffe wie TNF-α, IL1β und IL6 bildet, ausgelöst durch oxidativen Stress. Daran sind äußere Einflüsse wie UV- und radioaktive Strahlung, Ozon, chemische Noxen sowie Umwelt- und Ernährungseffekte beteiligt, aber auch körperliche Anstrengung, ­Erkrankungen oder lokaler Sauerstoffmangel. Dadurch häufen sich freie ­Radikale in der Zelle an, schädigen die Zellmembran, oxidieren das Low-Density-Lipoprotein (LDL) und begünstigen so beispielsweise eine Atherosklerose. Verschiebt sich das Gleichgewicht zur Radikal-Entstehung statt auf die Seite der Radikal-Inaktivierung, leiste dies sowohl dem Alterungsprozess als auch einer Karzinogenese Vorschub, fasst Smollich zusammen.

 

Ein dritter Aspekt des Alterungsprozesses rückt zunehmend in den Fokus: die mikrobielle Besiedlung des Darms, das Mikrobiom. Etwa 2 kg wiegen die 100 Billionen Mikroorganismen, die den menschlichen Darm besiedeln. Nahm man früher an, die Mikroorganismen seien nur an der Verdauung ­beteiligt, so wird zunehmend ihre Bedeutung für die Gesundheit erkannt. Sie tragen nicht nur zur Detoxifizierung und Immunmodulation bei, sondern steuern den Stoffwechsel über Metabolite, die sie aus der Nahrung abbauen. Je vielfältiger die Darmflora ist, desto effektiver verlaufen diese Prozesse. Doch mit zunehmendem Alter lässt der Variantenreichtum nach und einige wenige Stämme wie Escherichia coli, Lactobazillen und Clostridien behalten die Oberhand (5, 25).

 

KHK und Ernährung

 

Nach wie vor verursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (KHK) mit 40 Prozent die meisten Todesfälle in den ­westlichen Ländern (21). Die heute gut belegten präventiven Ansätze konzentrieren sich auf drei Aspekte:

 

  • Übergewicht vermeiden oder vermindern,
  • Kochsalzzufuhr begrenzen und
  • mediterrane Ernährung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt als optimalen Wert für die tägliche Menge an Kochsalz 5 g. Dieses Limit erreiche man bereits mit vier Scheiben Vollkornbrot, je zwei Scheiben Gouda und Kochschinken, zusammen mit 1,5 l Mineralwasser, gibt Smollich zu bedenken. Tatsächlich nehmen die Bundesbürger mit durchschnittlich 10 g Natriumchlorid täglich das Doppelte der empfohlenen Menge auf. Die gerade im European Heart Journal publizierten »European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice 2016« stufen sogar eine tägliche Aufnahme von weniger als 5 g als optimal ein.

 

Ablagerungen in den Gefäßen beginnen oft schon früh. Sie betreffen zwar das gesamte Arteriensystem, ­manifestieren sich jedoch besonders an den Herzkranzgefäßen, im Gehirn sowie an den unteren Extremitäten. Wie sich arteriosklerotische Veränderungen im Lauf des Lebens entwickeln und ob es zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall kommt, daran ist ein komplexes Wechselspiel aus Lebensstil und gene­tischer Ausstattung beteiligt (11, 13).

 

Präventiv: mediterrane ­Ernährung

 

Eine mediterrane Ernährung reduziere das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs und einen kognitiven Leistungsverlust ganz erheblich, lautet Smollichs Fazit aus den bisher bekannten Studien (14, 20). Damit sei jedoch die traditionelle Kost kretischer Bauern um 1960 gemeint, nicht die heute auf Kreta praktizierte.

 

Die »traditionelle« mediterrane Ernährung um 1960 entspricht ungefähr folgendem: zwei Portionen Vollkorngetreide pro Tag, viel Obst, Gemüse, Nüsse, 30 bis 40 Prozent der Gesamtkalo­rienzufuhr über Fette, vorzugsweise Olivenöl, mindestens drei Portionen Hülsenfrüchte und maximal drei Portionen Süßigkeiten pro Woche, überwiegend unverarbeitete Lebensmittel, viel Seefisch und wenig Fleisch, ein bis zwei Gläser Rotwein. Die heutige Ernährung in den mediterranen Ländern sei nicht immer optimal, betont Smollich. Auch dort werden Fast Food und viele Softdrinks konsumiert. Das Essen sei hyperkalorisch und enthalte zu viele Kohlenhydrate.

 

Die erste prospektive Studie zur mediterranen Ernährung – eine der wenigen Interventionsstudien zu diesem Thema – wurde 2013 publiziert. Die PREDIMED-Studie schloss 7500 spanische Frauen und Männer mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko ein, aufgeteilt auf drei Gruppen. Zusätzlich zu einer mediterranen Ernährung, die alle Studienteilnehmer zu sich nahmen, verwendeten die Probanden in Gruppe 1 eine Flasche Olivenöl pro Woche, die zweite Gruppe aß täglich 30 g gemischte ­Nüsse. Gruppe 3 sollte sich möglichst fettarm ernähren.

Fokus auf Folsäure

Dass eine gute Folsäureversorgung das kardiovaskuläre Risiko senken kann, ist in mehreren Beobachtungsstudien belegt. Doch die meisten Menschen in Deutschland sind gerade mit B-Vitaminen und Folsäure ­unterversorgt. 32 Prozent der Über-65-jährigen erreichen die empfohlene Zufuhr an den verschiedenen B-Vitaminen nicht. Und nur 10 Prozent der Bevölkerung nehmen mit ihrer täglichen Nahrung die optimale tägliche Menge von 300 µg Folsäure auf (11). Allerdings senkt nur das Nahrungsfolat das Risiko, während Supplemente das Risiko bei Menschen mit familiärer Disposition für kardiovaskuläre ­Erkrankungen sogar erhöhen. Gute Folsäurequellen sind grünes Gemüse, Blattsalate und Tomaten, aber auch ­Getreide. Folsäure alleine sollten nur Frauen mit Kinderwunsch und während der Schwangerschaft supplementieren, empfiehlt Smollich.

Innerhalb von 4,8 Jahren senkte die olivenölreiche Kost (Gruppe 1) das ­Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Herz-Kreislauf-bedingte Todesfälle im Vergleich zur Kontrollgruppe (Gruppe 3) um 30 Prozent, durch die nussreiche Diät (Gruppe 2) um 28 Prozent. Auch die Gefahr, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken, lag bei den ersten beiden Gruppen wesentlich niedriger. Qualität und Quantität der Nahrungsfette sind also von besonderer Bedeutung (8).

 

Omega-3-Fettsäuren ergänzen?

 

Die mehrfach ungesättigten Omega-3- und -6-Fettsäuren sind essenziell, sodass der Körper auf eine kontinuierliche Zufuhr angewiesen ist. Die Fettsäurefamilien unterscheiden sich chemisch durch die Position ihrer Doppelbindung in der Fettsäurekette, die entweder am dritt- oder sechstletzten Kohlenstoffglied platziert ist. Beide Fettsäuretypen konkurrieren permanent um einen Platz in der Zellstruktur und die Bildung verschiedener Botenstoffe.

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) empfiehlt ein Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren von höchstens 1:5, wie es bei unseren Vorfahren vermutlich vorlag. Epidemiologische Studien zeigen bei den meisten Bundesbürgern einen Quotienten von 1:10, was auf ein deutliches Defizit an Omega-3-Fettsäuren in weiten Teilen der Bevölkerung hinweist. Durch diese Imbalance werden zum Beispiel proinflammatorische ­Prozesse unterhalten, die an der Entstehung und dem chronischen Verlauf verschiedener Erkrankungen beteiligt sind.

 

Das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren ist in den letzten Jahren besser geworden. Der Grund: Die Bundesbürger verwenden mehr Rapsöl und weniger Sonnenblumenöl. Die ideale Quelle für Omega-3-Fettsäuren stellen Kaltwasserfische wie Lachs und Makrele dar, die viel Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) enthalten. In pflanzlichen Lebensmitteln enthalten Leinöl, Walnuss- und Perillaöl beträchtliche Mengen an α-Linolensäure. Da der Körper jedoch nur rund 10 Prozent dieser C18-Fettsäure auf die 21 beziehungsweise 22 C-Atome langen Fettsäuren EPA und DHA verlängern kann, ist deren Wirkung ­begrenzt.

 

Ob Supplemente mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren präventiv wirken, stand in den letzten Jahren mehrfach auf dem Prüfstand. Eine randomisierte kontrollierte Studie untersuchte 12 000 Personen mit kardiovaskulären Risikofaktoren und Typ-2-Diabetes. Die Hälfte der Probanden erhielt täglich 1 g Fischöl, bestehend aus EPA und DHA, während die andere Hälfte die gleiche Menge Olivenöl zu sich nahm. Nach sechs Jahren unterschied sich die kardiovaskuläre Mortalität zwischen den beiden Gruppen nicht, obwohl die Probanden der ersten Gruppe deutlich niedrigere Serumtriglyceride aufwiesen.

Im Jahr 2009 erschien ein Cochrane-Review mit einer Metaanalyse, die 38 randomisierte kontrollierte Studien zu DHA und EPA sowie 41 Kohorten­studien zum Effekt von Fisch einschloss. Das Ergebnis: Die zusätzlich zugeführten Omega-3-Fettsäuren senkten weder Inzidenz noch Mortalität von Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch ein isolierter hoher Fischkonsum brachte ­Risikopatienten ebenso wenig Vorteile wie der Gesamtbevölkerung (3, 11, 20).

 

Kardioprävention durch ­Vitamine?

 

Die langfristige Ernährungsweise beeinflusse den Alterungsprozess, erläutert Smollich. Wenig sinnvoll sei es, auf hoch dosierte Einzelsubstanzen zu setzen. Mikronährstoffe brauche der Körper nur in kleinen bis kleinsten Mengen und der Zusammenhang zwischen ­Dosis und Wirkung folge häufig einer J-förmigen Kurve. Das Optimum für ­einen gesundheitlichen Nutzen liege bei einer mittleren Dosierung, während sowohl eine zu niedrige als auch eine zu hohe Menge ungünstig wirken.

 

Große Mengen an Einzelsubstanzen könnten prooxidativ wirken, warnt Smollich. Lange Zeit ruhten große Hoffnungen auf einer präventiven Wirkung von hoch dosiertem Vitamin E. Doch die wurden durch die 2005 publizierte HOPE-Studie jäh zerschlagen: Eine tägliche Gabe von 400 IU natürlichem Vitamin E, die durchschnittlich 7,2 Jahre lang eingenommen wurde, senkte weder die Gesamtmortalität noch die Zahl der neu aufgetretenen Herz-Kreislauf- oder Tumorerkrankungen. Bei einer höheren Vitamin-E-Dosierung könne der antioxidative Effekt sogar in einen prooxidativen um­schlagen, warnt Smollich. Dann fehle der für die Reaktion notwendige ­Redox­partner.

 

Auch eine Supplementierung mit Vitamin C konnte nach einer mittleren Beobachtungszeit von acht Jahren ­keinen Nutzen zeigen, weder in der ­Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch bei bestehender Erkrankung. Die Kombination beider Vitamine weist ebenfalls Tücken auf: Fehlt Vitamin E, wenn gleichzeitig viel Vitamin C aufgenommen wird, bekommen Oxidationsprozesse die Oberhand (4, 16).

 

Kein Risiko sieht der Wissenschaftler in einer isolierten Zufuhr von Vitamin D3. Hier liege der optimale Blutspiegel bei 60 bis 70 nmol/l. Da die weitaus meisten Menschen diesen Wert nicht über die Nahrung oder das Sonnenlicht erreichen und die eigene Synthese in der Haut im Alter nachlässt, sollten besonders ältere Personen Vitamin D3 zusätzlich einnehmen (15).

 

Bei Selen liegt der optimale präventive Effekt bei einem Blutspiegel von 120 bis 160 ng/ml. Das zeigt eine US-amerikanische Studie von 2008, die die Korrelation der Selen-Konzentration im Blut mit der Gesamtmortalität sowie der Sterblichkeit an Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersuchte. Überstieg die Selenmenge im Blut ­diesen Bereich, starben signifikant mehr Studienteilnehmer pro Alters­kohorte (2).

 

»Für eine optimale Ernährung zur Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen können wir als Orientierung nur Korridore angeben, keine ­präzisen Mengen«, fasst Smollich zusammen. Die individuelle Varianz im Stoffwechsel sei sehr hoch (28).

Risiko: Alkohol und Fleisch

Im Hinblick auf das Krebsrisiko gibt es laut Robert-Koch-Institut keinen unteren Grenzwert für einen unbedenklichen Alkoholkonsum, während unter dem Aspekt »Kardioprävention« ein geringer Genuss an Alkohol vorteilhafter ist als ein vollständiger Verzicht. Die Weltgesundheitsorganisa­tion und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen als risiko­armen Genuss für eine Frau maximal ein kleines Glas Wein (0,1 l) oder Bier (0,33 l) beziehungsweise 10 g Alkohol an höchstens fünf Tagen in der Woche, für einen Mann nicht mehr als die doppelte Menge (21).

 

Wie sich ein hoher Anteil an rotem und verarbeitetem Fleisch auf das Krebsrisiko auswirkt, hat die Weltgesundheitsorganisation erst kürzlich neu bewertet mit dem Fazit, die Menge an rotem verarbeitetem Fleisch auf 300 g und die gesamte Fleischmenge auf 500 g pro Woche zu begrenzen. Auch der World Cancer Research Fund folgert aus den bisher abgeschlossenen Interventionsstudien, dass ein durchschnittlicher täglicher Verzehr von 150 g Fleisch das Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, gegenüber einem völligen Verzicht um 40 Prozent erhöht (30, 31).

 

2015 wurde im JAMA eine Beobachtungsstudie veröffentlicht, die 77 000 Probanden 7,3 Jahre im Hinblick auf das Auftreten kolorektaler Karzinome untersuchte. Das geringste Risiko hatten Vegetarier, die auch Fisch verzehrten. Ihr Risiko war um 43 Prozent niedriger als das der Probanden, die mehr als einmal wöchentlich Fleisch oder Fisch aßen (19).

Krebs und Ernährung

 

Wiederholt zeigten epidemiologische Studien einen Zusammenhang zwischen einer hyperkalorischen Ernährung und dem Entstehen verschiedener Krebserkrankungen. Mögliche Gründe: Mehr Zellen häufen auch mehr Mutationen an, allein aufgrund ihrer Anzahl und ihren Teilungsprozessen. Zusätzlich scheinen auch Fettzellen ursächlich beteiligt zu sein. Sind mehr Fettzellen vorhanden, wird mehr Leptin ausgeschüttet. In der Folge steigt der Insulinspiegel und es zirkulieren mehr proinflammatorische Botenstoffe. Sie verhindern den natürlichen Zelltod, das Genom wird instabiler und schließlich jede Zellteilung anfälliger für Fehler. Mehr Fettzellen triggern auch die Freisetzung der Hormone Estradiol und Testosteron und fördern möglicherweise das Entstehen hormonabhängiger maligner Zellen. Ein Body-Mass-Index über 35 erhöht dabei das Risiko für Tumoren, vor allem von Leber und Bauchspeicheldrüse, aber auch von Galle, ­Kolorektum, Uterus, Niere und Ösophagus (12, 25).

 

Beim Mammakarzinom ist der Einfluss eines höheren Fettverzehrs auch durch Interventionsstudien belegt. So zeigte eine Studie mit 975 Patientinnen, die an Brustkrebs erkrankt waren, dass das Rezidivrisiko um 24 Prozent sank, wenn die durchschnittliche tägliche Fettzufuhr statt 51 g nur 33 g betrug.

 

Das Risiko, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken, nahm in einer Interventionsstudie ab, wenn tierische Fette durch pflanzliche ersetzt wurden. Bei anderen Tumorarten konnte jedoch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Einfluss des täglichen Fettverzehrs und einem erhöhten Risiko gezeigt werden. Für kolorektale Karzinome liege noch keine abgeschlossene Interventionsstudie vor, berichtet Smollich (30, 31).

 

Ein Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Ballaststoffen und kolorektalen Karzinomen ist hingegen gut belegt. Enthält das Essen durchschnittlich mindestens 50 g Ballaststoffe, sinkt das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um rund 40 Prozent. »Ballaststoffe aus Getreide, aber auch Leguminosen wie Erbsen, Bohnen und Linsen zählen zu den stärksten schützenden Komponenten in unserer Nahrung und verlängern das Leben«, unterstreicht Professor Dr. Andreas Pfeiffer von der Charité Universitätsmedizin Berlin im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

Die Rolle der Proteine ist janusköpfig: »Bei jüngeren Erwachsenen scheint eine hohe Proteinaufnahme das Krebsrisiko durch Aktivierung von Wachstumssignalen zu steigern«, erläutert Pfeiffer. Vermutlich stimulieren die vor allem in tierischem Eiweiß vorhandenen Aminosäuren Leucin und Methionin proliferative Signalwege. Bei älteren Menschen jenseits der 60 korreliert eine höhere Proteinzufuhr dagegen mit weniger Tumorerkrankungen. Sie profitieren von Eiweiß durch einen besseren Muskelaufbau.

 

Folsäure ist essenziell an Zellteilung und DNA-Synthese beteiligt; B-Vitamine fungieren dabei als Coenzyme. Sie steuern auch die Methylierung von Proto-Onkogenen und verhindern so, dass sie zu Onkogenen werden. Auch hier ließ sich wie bei KHK der protektive Effekt von Folsäure nur für Nahrungsfolat belegen, nicht für die isolierte Aufnahme von Folsäure (22, 29). Die Physician’s Health Studie aus dem Jahr 2012, an der US-amerikanische Ärzte über 50 Jahren teilnahmen, zeigte nur bei speziellen ­Tumorentitäten und familiärer Vorbelastung einen kleinen Vorteil für das ­Erkrankungsrisiko bei einer höheren ­Folsäurezufuhr, wobei die Mortalität nicht untersucht wurde (1, 10).

 

Statt Einzelkomponenten zu supplementieren, hat sich der präventive Effekt einer mediterranen Ernährung am deutlichsten bewährt. Die 2006 abgeschlossene EPIC-Studie belegt, dass die Mortalität durch Tumorerkrankungen bei Probanden, die sich mediterran ernährten, um 24 Prozent abnahm gegenüber Probanden, die die übliche westliche Ernährung zu sich nahmen (25).

 

Sinkendes Demenzrisiko

 

In den letzten Jahren gab es Hinweise, dass die Zahl an Demenzerkrankungen zurückgeht. So zeigte die 2013 publizierte Cognitive Function Study einen Rückgang der Neuerkrankungen zwischen 1990 und 2000 um 23 Prozent. Aufsehen erregten die vor Kurzem publizierten Ergebnisse der Framingham Study.

 

Die bereits 1948 begonnene Studie untersucht seit Jahrzehnten die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Seit 1975 wird außerdem die kognitive Leistung mit detaillierten Fragebögen und speziellen psychologischen Tests fortlaufend erfasst. Gab es dabei Hinweise auf eine beginnende Demenz oder eine geistige Beeinträchtigung, wurden die Probanden weiter untersucht (7).

 

Eine aktuelle Auswertung zeigt nun, dass in den letzten Jahren nicht nur um die Hälfte weniger Menschen erkranken, sondern dass auch die Symptome später auftreten. Während im ersten Beobachtungszeitraum (ab 1975) knapp vier von 100 Personen erkrankten, waren es ab 2004 nur 2/100 pro Jahrgang. Im ersten Teil entwickelten die Probanden durchschnittlich mit 80 Jahren Symptome, später erst mit 85 (23).

 

Besonders deutlich nimmt die Häufigkeit der vaskulären Demenz ab. Das geht Hand in Hand mit einer besseren Behandlung von Bluthochdruck und Gefäßerkrankungen, einer im Durchschnitt besseren Ernährung und einer höheren Bildung. Die Autoren der aktuellen Auswertung (23) gehen davon aus, dass Menschen mit einer höheren Bildung einen gesünderen Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger körperlicher Aktivität pflegen und damit ihr Herz-Kreislauf-Risiko senken. Außerdem verfügen Menschen mit einer besseren Bildung über eine größere kognitive Reserve, mit der sie Defizite leichter ausgleichen können.

Die Autorin

Hannelore Gießen studierte Pharmazie an der Universität Karlsruhe. Nach mehrjähriger Tätigkeit in verschiedenen öffentlichen Apotheken und einer journalistischen Ausbildung ist sie seit 1990 freiberuflich als ­Fachjournalistin tätig und bearbeitet medizinische, pharmazeutische und biotechnologische Themen für verschiedene Fachzeitschriften. Gießen hat sich zur Apothekerin für Allgemeinpharmazie weitergebildet und hat 2013 den Studiengang Consumer Health Care an der Charité-Universitätsmedizin Berlin absolviert. In ihrer Masterarbeit befasste sie sich mit ethischen Aspekten der Bewertung und Kommunikation von Arzneimittelrisiken.

 

Hannelore Gießen M. Sc.

Gotenstraße 9

85551 Kirchheim

E-Mail: hannelore.giessen@t-online.de

Inwieweit Omega-3-Fettsäuren einem kognitiven Leistungsverlust entgegenwirken, ist dagegen noch nicht gesichert. Mäuse profitierten von einer Nahrungsanreicherung mit EPA und DHA. Auch präklinisch zeigten sich dadurch eine verbesserte Durchblutung, weniger Entzündungsbotenstoffe und weniger Beta-Amyloide. Während die DHA-Konzentration in Beobachtungsstudien mit der kognitiven Leistungs­fähigkeit korrelierte, zeigten Interven­tionsstudien beim Menschen jedoch widersprüchliche Ergebnisse.

 

Ein Cochrane-Review ergab 2012 keinen Effekt von Omega-3-Fettsäuren auf die kognitive Leistungsfähigkeit oder Inzidenz einer Demenz. Bei Menschen, die bereits an Morbus Alzheimer erkrankt waren, zeigten Interventionsstudien, die allerdings maximal 40 Monate dauerten, keine Effekte. Mehr als dreimal in der Woche Fisch zu essen, korrelierte jedoch mit einer besseren kognitiven Leistung und einer geringeren Inzidenz einer vaskulären sowie einer Alzheimer-Demenz. »Fisch wirkt, Fischöl wirkt nicht«, lautet Smollichs Fazit (25).

 

Nährstoffe in der Balance

 

Vitamine und Mineralstoffe wirken an allen Prozessen im Körper direkt oder indirekt mit. Dabei kommt es ganz besonders auf deren Balance an. Es sei deshalb nicht sinnvoll, den Fokus auf einzelne Nährstoffe zu legen, fasst Smollich zusammen. Positive Effekte für eine Supplementierung zeigten sich nur bei einem definierten Mangel. Eine Aufnahme über die Schwellenkonzen­tration hinaus blieb ohne zusätzlichen Effekt und eine mögliche ungünstige Wirkung kann nicht ausgeschlossen werden. Die Matrix, in der Mikronährstoffe aufgenommen werden, scheint für ihre physiologische Wirkung entscheidend zu sein. Fazit: Präventive Langzeiteffekte sind nicht für einzelne Nahrungsbestandteile belegt, sondern nur für Ernährungskonzepte (17, 18). /

 

Literatur bei der Verfasserin

Mehr von Avoxa