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Studie

Gute Noten für Mediziner

29.06.2010  15:24 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Die Deutschen halten sich für kränker, als sie objektiv betrachtet sind. Dafür fühlen sie sich in den Arztpraxen gut aufgehoben, wie eine Studie der Techniker Krankenkasse zeigt.

Die Bundesbürger sind mit ihren Ärzten zufrieden – und das sogar sehr. 95 Prozent der Deutschen vergeben unter dem Strich gute Noten für die Mediziner, die sie behandeln. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK). Die Befragung liefere erstmals deutschlandweit repräsentative Vergleichswerte darüber, wie Patienten ihre niedergelassenen Ärzte bewerten, betonte der TK-Vorstandsvorsitzende Professor Norbert Klusen bei der Präsentation der Studie in Berlin.

Das hauseigene Institut WINEG wollte also nicht nur die Meinung der eigenen Versicherten wissen, sondern fragte quer durch die Bevölkerung. Herausgekommen ist ein im Hinblick auf die öffent­lichen Diskussionen in jüngster Vergangenheit überraschend positiver Befund. WINEG-Leiter Dr. Frank Verheyen wies darauf hin, dass unzufriedene Patienten den Arzt eben wechseln würden und dies die hohe Grundzufrie­denheit miterkläre. In diese mischen sich dennoch einige trübe Flecken.

 

Defizite in pharmakologischen Fragen

 

Aus Apothekersicht erscheint ein Wert von besonderem Interesse. Nur 70 Prozent der Befragten sind zufrieden mit der Beachtung von Nebenwirkungen bei der Verordnung von Medikamenten. Das ist eine der schlechtesten Beurteilungen überhaupt. Sie zeigt auf, dass die in Expertenkreisen bekannten Defizite der Mediziner in pharmakologischen Fragen auch den Patienten nicht verborgen bleiben.

 

Ähnlich durchwachsen fielen ansonsten nur die Antworten zur Einbindung in Therapieentscheidungen aus: Lediglich 68 Prozent sagten, sie würden vom Arzt über bevorzugte Möglichkeiten befragt. 72 Prozent gaben an, mit ihnen würde über Vor- und Nachteile der Alternativen diskutiert. »Jeder Fünfte wird von seinem Arzt nicht in dem Maße informiert und eingebunden, wie er es möchte«, so Klusen. »Nicht immer treffen sich Arzt und Patient auf Augenhöhe.«

 

Während es also in den Frageblöcken zu ärztlichen Entscheidungen – neudeutsch »Shared Decision Making« – und Informationen zumindest teilweise kritische Einschätzungen durch die Patienten gibt, scheint im zwischenmenschlichen Miteinander alles verblüffend harmonisch. Menschlichkeit, Einfühlungsvermögen, Geduld und Verständnis der Mediziner werden allesamt zu mehr als 90 Prozent positiv beurteilt. Der Arzt als heilender Helfer wird also von seinen Patienten mit großem Wohlwollen betrachtet – da stören selbst die verschärften Zwänge in der Versorgungsorganisation weniger als vermutet. 88 Prozent finden, dass ihr Arzt ihnen genug Zeit widme. Lediglich jeder Zehnte klagt über zu lange Wartezeiten auf einen Termin, 16 Prozent dauert das Warten in der Praxis zu lange.

 

Ein eklatantes Ergebnis der Studie ist, dass sich die Deutschen offenbar kränker fühlen als sie tatsächlich sind. 43 Prozent gaben an, sie befänden sich wegen einer chronischen Erkrankung in regelmäßiger ärztlicher Behandlung. Verheyen verwies auf die Diskrepanz zu anderen Erhebungen. So liege der Chroniker-Anteil in der Bevölkerung laut Statistischem Bundesamt bei lediglich 28 Prozent, die TK selbst setze ihn noch darunter an. Offenbar halten sich viele Bürger für chronisch krank, die es etwa nach den Maßstäben des Sozialgesetzbuches oder der medizinischen Fachwelt überhaupt nicht sind. Entsprechend oft gehen die Bürger zum Arzt. 45 Prozent waren innerhalb der vergangenen vier Wochen in einer Praxis, weitere 40 Prozent innerhalb des vergangenen halben Jahres. »Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist fast so eng wie in einer Ehe«, kommentierte Verheyen.

 

Patientensouveränität stärken

 

Fast jeder Dritte geht davon aus, dass eine Heilung im Krankheitsfall auch von Glück oder Pech abhängt. Eine Einstellung, die der TK als Krankenkasse nicht gefällt. »Gesundheit ist nicht allein eine Frage des Schicksals«, so Klusen. »Uns ist es schon lange ein Anliegen, Patienten in ihrer Souveränität zu fördern.« Etwas vorausschauender dürfte nach Klusens Geschmack die Politik zu Werke gehen. »Wir sind Weltmeister in der Häufigkeit von suboptimalen Gesundheitsreformen«, so der TK-Chef. Die Koalition solle sich auf eine nachhaltige Strukturreform verständigen, die länger als zwei Jahre halte. / 

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