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Selbstmedikation

Wachstum vor allem bei Switches

29.06.2010
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Von Stephanie Schersch, Dubrovnik / Die OTC-Hersteller stehen in Europa vor neuen Herausforderungen. Der Markt wird immer vielschichtiger. Größte Wachstumstreiber sind Switch-Produkte, die aus der Verschreibungspflicht entlassen und zu OTC-Arzneimitteln werden.

Rund 68 Milliarden Euro wurden 2009 im OTC-Geschäft (OTC für over the counter, über den Ladentisch) umgesetzt. Das Wachstum der Branche lag mit 7,6 Prozent wie in den vergangenen Jahren über dem des Pharmagesamtmarktes (6,8 Prozent). »Das ist eine gute Nachricht für uns«, sagte Andy Tisman vom Marktforschungsinstitut IMS Health in Dubrovnik beim Jahreskongress des Verbandes der europäischen Hersteller von OTC-Arzneimitteln (AESGP = Association Européenne des Spécialités Pharmaceutiques Grand Public).

Nach wie vor sind Mittel- und West­europa zusammen mit den USA die größten Märkte für Arzneimittel zur Selbstmedikation. Das Wachstum spielt sich jedoch hauptsächlich in den Entwicklungsregionen wie La­tein­amerika, China und Südost­asien ab. »Diese Länder haben nur knapp 32 Prozent des Umsatzes, sorgen damit aber für rund 68 Pro­zent des Wachstums auf dem OTC-Gesamtmarkt«, sagte Tisman. Wachstumstreiber sind außerdem die osteuropäischen Länder. In der Ukraine sind die Pro-Kopf-Ausga­ben für OTC 2009 um 31 Pro­zent gestiegen, gefolgt von Russland (20 Prozent) und Polen (17 Prozent). Das durchschnittliche Wachstum in Osteuropa lag bei 18 Prozent.

 

Hersteller: Keine rosigen Zeiten

 

Für 2010 zeichnet sich bislang keine ähnlich gute Entwicklung ab wie im vergangenen Jahr. »2009 war ein sehr gutes Erkältungsjahr, das muss sich nicht so fortsetzen«, so Tisman. Auch der Vorsitzende des Bundesverbandes für Arzneimittelhersteller, Hans-Georg Hoffmann, sieht in diesem Jahr nur eine verhaltene Entwicklung auf dem OTC-Markt, von den Switch-Produkten einmal abgesehen.

 

»Die Selbstmedikation wird wieder ihren Platz haben«, sagte Hoffmann. »Insgesamt blicken wir aber keinen rosigen Zeiten entgegen.« Die Wirtschaftskrise und das Arzneimittelsparpaket der Bundesregierung ließen kaum Wachstum erwarten. »Die Patienten drehen zurzeit jeden Euro zweimal um, das bekommen auch wir zu spüren.« Allerdings sieht Hoffmann in Deutschland einen positiven Effekt durch die Initiative Grünes Rezept.

 

Auch die Vertriebskanäle auf dem europä­ischen OTC-Markt haben sich weiterentwickelt. Arzneimittel zur Selbstmedikation werden nicht mehr nur über Apotheken vertrieben. Zuletzt wurde 2009 in Schweden das Apothekenmonopol für OTC-Präparate gelöst.

 

Erfahrungen aus Italien haben gezeigt, dass Supermärkte nur etwa halb so viele OTC-Produkte in ihr Sortiment aufnehmen wie eine traditionelle Apotheke, damit aber in etwa den doppelten Umsatz erzielen. Mit Ausnahme der Niederlande ist der OTC-Markt aber in allen EU-Staaten noch mehrheitlich in der Hand der Apotheken. »Die traditionellen Vertriebskanäle sind immer noch die wichtigsten im OTC-Geschäft«, so Tisman.

 

In den einzelnen europäischen Ländern treffen OTC-Hersteller auf sehr unterschiedliche Voraussetzungen. »Der Markt wird immer komplexer.« Viele Hersteller setzten bei Arzneimittel-Switches inzwischen auf die Strategie einer gesamteuropäischen Zulassung. Tisman sieht darin große Wachstumschancen, der Erfolg sei aber nicht garantiert. »Ein zentraler Zulassungsprozess bedeutet eben nicht eine einzige Lösung für alle EU-Staaten«, sagte er. Unter Umständen müssten 27 verschiedene Markteintritts-Strategien entwickelt werden. Gute Erfahrungen mit der zentralen Zulassung hat der Hersteller Glaxo­SmithKline (GSK) mit dem Orlistat-Präparat Alli® gesammelt. Der Switch vom Rx- zum OTC-Geschäft, also die Entlassung des Wirkstoffs aus der Rezeptpflicht, sei sehr erfolgreich verlaufen, sagte James Hallat von GSK.

 

Fundamentale Rolle der Apotheker

 

Zu diesem Erfolg hätten auch die Apotheker beigetragen. »Die Rolle des Apothekers bei einem solchen Switch ist fundamental«, so Hallat. Der Meinung ist auch Filip Babylon, Präsident der Pharmazeutischen Gruppe der Europäischen Union (PGEU). Apotheker würden mit entsprechender Beratung den sicheren Zugang zu OTC-Arzneimitteln gewährleisten, sagte er. »Apotheker müssen als ein Teil des Switching-Prozesses wahrgenommen werden.«

 

Babylon sprach sich außerdem für eine Neuausrichtung in der Bezahlung von Apothekern aus. Die Honorierung müsse zumindest teilweise auf einer Beratungsgebühr basieren. Die beratungsintensiven Switch-Produkte könnten Apothekern eine Möglichkeit bieten, einen Schritt in diese Richtung zu gehen. /

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