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Restless-Legs-Syndrom

Begrenzte Therapiemöglichkeiten

29.06.2010  14:10 Uhr

Von Daniela Biermann, Hamburg / Brennen, Ziehen, Kribbeln in den Beinen: Was sich nach harmlosen Symptomen anhört, sind typische Erscheinungen des Restless-Legs-Syndroms, einer ernsthaften neurologischen Erkrankung. Therapiert wird offiziell mit Antiparkinsonmitteln. Aber auch Opiate, Antiepileptika und Neuroleptika kommen zum Einsatz.

Beim Restless-Legs-Syndrom (RLS) treten Missempfindungen und Bewegungsdrang vor allem in den Beinen auf. Die Beschwerden setzen besonders in Ruhe ein. Sie bessern sich bei Bewegung und werden abends und nachts schlimmer. Nach Schätzungen sind etwa 5 bis 10 Prozent der Deutschen betroffen, doch nur ein Bruchteil bekommt die richtige Diagnose. Was zunächst harmlos klingt, kann schwere Ausmaße annehmen. Die Patienten können nachts kaum schlafen; entsprechend beeinträchtigt und unfallgefährdet sind sie tagsüber. Viele werden depressiv, manche begehen Suizid.

»Die Krankheit ist grausam«, sagte Professor Dr. Daniela Berg vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen auf einer Presseveranstaltung von UCB-Pharma in Hamburg. »Was uns normalerweise guttut wie Ruhe oder Theater- und Kinobesuche, macht die Symptome noch schlimmer.« Leid und auch Kosten der Erkrankung würden zum Teil stark unterschätzt. Die Inzidenz ist um das 30. und 60. Lebensjahr am höchsten und nimmt ten­denziell im Alter zu. Frauen sind zwei- bis dreimal häufi­ger betroffen als Männer, was eine hormonelle Beteili­gung nahelegt. Die Ursachen sind größtenteils noch unklar. Das erschwert die Entwicklung spezifischer Wirkstoffe.

 

Bei vielen scheint das RLS-Risiko in den Genen zu liegen. »Etwa 60 Prozent der Betroffenen haben eine positive Fa­milienanamnese«, so die Neurologin. Es wurden bereits einige Genorte lokalisiert, die mit der Gliedmaßenent­wick­lung und dem Eisenstoffwechsel zusammenhängen. So hätten neuere Untersuchungen ergeben, dass beim RLS ein Mangel an Eisen im Gehirn herrscht. Im Blut können die Werte jedoch normal sein. Es besteht ein Verteilungs­problem, dass sich nur teilweise mit einer Eisenersatztherapie in den Griff bekommen lässt.

 

Mittlerweile nachgewiesen ist eine dopaminerge Dysfunktion. Dabei liegen im Striatum, einem Teil des Großhirns, zu wenig D1- und D2-Rezeptoren sowie zu wenig Dopamintransporter vor. Während bei Morbus Parkinson die Probleme eher präsynaptisch lägen, seien sie beim RLS eher postsynaptisch bedingt. Derzeit sind einige Antiparkinsonmittel die einzig zugelassenen Wirkstoffe beim RLS, allerdings in viel niedrigerer Konzentration. Mit L-Dopa plus Benserazid lässt sich ein RLS-Verdacht bestätigen, wenn sich die Symptome verbessern. Noch heute werde es bei leichteren RLS-Formen in der Therapie eingesetzt, sagte Privatdozentin Dr. Ilonka Eisensehr aus München. Es eigne sich gut als Bedarfsmedikation bei Symptomspitzen, zum Beispiel vor langen Reisen. Bei der längeren Anwendung und in höheren Dosen ist jedoch die Gefahr der Augmentation groß. Die Symptome verstärken sich dann, strahlen aus und halten länger an.

 

Beim mittleren bis schweren RLS mit täglichen Beschwerden kommen vor allem die Dopamin-Agonisten Pramipexol und Ropinirol in oraler Form oder Rotigotin in Pflasterform (siehe Kasten) zum Einsatz. Vor allem bei Letzteren treten deutlich weniger Augmentationen auf. Schlagen diese Arzneistoffe bei schwerem RLS nicht genügend an, kommen Opiate wie Tilidin, Oxycodon, Dihydrocodein, Fentanyl und Buprenorphin off label zum Einsatz – auch bei schmerzfreien Patienten. Wie die Analgetika hier wirken, sei noch unklar. Antidepressiva sind vor allem bei Patienten mit Depressionen angezeigt, können jedoch auch selbst RLS-ähnliche Symptome hervorrufen. Dasselbe gilt für einige Neuroleptika, die off label beim RLS eingesetzt werden. Ebenfalls außerhalb der Zulassung kommen Antiepileptika wie Gabapentin und Carbamazepin zum Einsatz. / 

Rotigotin: Neue Daten zur Langzeitanwendung

Olaf Randerath, Monica Canelo und ­Peter Geisler / Eine Langzeitstudie, die als offene Fortführung einer Phase-II-Studie über einen Zeitraum von fünf Jahren angelegt war, untersuchte Wirksamkeit und Sicherheit von Rotigotin im transdermalen System (Neupro®) bei moderatem bis schwerem idiopathischen RLS. Erste Daten der 5-Jahres-Ergebnisse sowie Zwischenauswertungen nach einem und drei Jahren liegen mittlerweile vor. An der Studie nahmen 295 RLS-Patienten teil. Die durchschnittliche Rotigotin-Dosierung betrug 2,43mg/24h zu Beginn und 3,09mg/24h am Ende der Studie. Zur Beurteilung der Wirksamkeit wurde die Verbesserung im IRLS-Summenscore, der eine Beurteilung des Schweregrades der Erkrankung erlaubt, herangezogen. Die Skala reicht von 0 (keine Symptome) bis 40 (sehr schwere Symptome). Im Durchschnitt zeigten die Patienten bei Studienbeginn einen IRLS-Score von 27,8 und verbesserten sich um 18,7 Punkte auf 9 Punkte bei Studienende. Die Wirksamkeit war über den gesamten Beobachtungszeitraum konstant (durchschnittliche Verbesserung um 17,4 Punkte nach einem Jahr und 17,2 nach drei Jahren). Häufigste unerwünschte Ereignisse waren Reaktionen an der Applikationsstelle, Nasopharyngitis, Rückenschmerzen sowie Übelkeit und Müdigkeit. Zur Erfassung möglicher Augmentationen wurde die validierte Augmentation Severity Rating Scale (ASRS) herangezogen. Nach einem Jahr wurde von den Patienten kein Auftreten der Symptome einer Augmentation berichtet. Die 5-Jahres-Daten zur ASRS sind bisher noch nicht publiziert.

 

Quelle: Högl B, Trenkwalder C, Garcia-Borreguero D, Kohnen R, Poewe W, Stiasny-Kolster K, Bauer L, Fichtner A, Schollmayer E, Oertel W for the SP710 study group. Long-term safety and efficacy of rotigotine in patients with idiopathic RLS: 5-year results from a prospective multinational open-label follow-up study. Presented at the 62(nd) American Academy of Neurology annual meeting, ­Toronto, Canada (April 10-17 2010)

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