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Polen

Apotheker wollen Regulierung

29.06.2010  15:23 Uhr

Von Sebastian Becker, Warschau / Die selbstständigen Apotheker in Polen fordern Regulierungen auf dem Apothekenmarkt. Der Grund: Das Land hat eine der höchsten Apothekendichten in der EU. Nun drängt auch noch der Großhandelskonzern Tesco mit eigenen Apothekenfilialen auf den Markt.

In Polen ist ein neuer Streit um die Apotheken entbrannt. Die Regierung soll endlich regulierend in den Markt eingreifen, und zwar mit einer geografischen und demografischen Begrenzung«, forderte Grzegorz Kucharewicz, der Vorstandsvorsitzende des Obersten Apothekenrates (NRA, Naczelna Rada Aptek) in einem offiziellen Schreiben an die polnische Gesundheitsministerium Ewa Kopacz. Der NRA ist eine wichtige Interessenvertretung für die Selbstständigen in Polen. »Eine Apotheke müsste mindestens 5000 Patientinnen und Patienten bedienen – derzeit sind es aber in Polen nur 2800«, konkretisierte Kucharewicz seine Forderungen. Damit hat das Land eine der höchsten Apothekendichten in ganz Europa. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 3300.

Der polnische Apotheken-Lobbyist will damit die Konkurrenzfähigkeit der Selbstständigen verbessern, die sich gegen die Pharma-Großketten zur Wehr setzen müssen. Darüber hinaus verkaufen Einzelhandelsunter­nehmen rezeptfreie Arzneimittel, mit denen auch die Selbstständigen einen Großteil ihrer Umsätze machen. Das Problem: In Polen fehlen bisher umfassende Regulie­rungen wie in anderen EU-Staaten.

 

Kucharewicz beruft sich dabei auf ein Urteil des Europäischen Gerichtsho­fes in Luxemburg vom 1. Juni dieses Jahres, das Zulassungs­begrenzun­gen in der spanischen Region Asturien bestätigt hat, auch wenn sie grundsätzlich in die EU-weite Niederlassungsfreiheit eingreifen. Spanien verlangt, dass eine Filiale mindestens 2800 Patientinnen und Patienten versorgt. Darüber hinaus muss der Abstand zwischen den einzelnen Apotheken mindestens 250 Meter betragen. Ähnliche Regulierungen würde Kucharewicz auch sehr gerne in seinem Land sehen, da die finanzielle Situation mancher Apotheken angespannt ist.

 

Seit Anfang April wird die Konkurrenz für die Selbstständigen sogar noch größer. Der internationale Großhandelskonzern Tesco hat vor, in der zweiten Jahreshälfte seine erste eigene Apotheke innerhalb seiner Großhandelsfilialen zu eröffnen. Diese erste Verkaufsstelle soll in der zentralpolnischen Stadt Czestochowa entstehen. »Der Apothekenmarkt ist in den vergangenen Jahren sehr dynamisch gewachsen, wovon wir auch profitieren wollen«, sagte der Vorstandsvorsitzende der polnischen Tesco-Tochter, Ryszard Tomaszewski.

 

Wachsende Umsätze bei OTC

 

Wie viele eigene Filialen das Unternehmen insgesamt in Polen in Betrieb nehmen will, wollte der Manager nicht verraten. Dabei kann Tesco beim Verkauf von OTC-Produkten auf wachsende Umsätze blicken: »Wir haben im vergangenen Jahr unsere Volumina in diesem Segment um 14,5 Prozent auf 130 Millionen Zloty (32,5 Millionen Euro) vergrößert«, sagte Tomaszewski.

 

Damit liegt Tesco im Markttrend. Im vergangenen Jahr betrug das gesamte Marktvolumen in Polen 25,7 Milliarden Zloty (6,4 Milliarden Euro). Ein Drittel davon waren rezeptfreie Produkte wie Kosmetika. Dabei hat es auch schon im laufenden Jahr Steigerungen gegeben. Im Mai erhöhte sich das Gesamtvolumen aller Apotheken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,8 Prozent auf 2,15 Milliarden Zloty (540 Millionen Euro). Drei Viertel dieses Marktes werden von den Pharma-Großketten dominiert. Den Rest teilen sich die Selbstständigen sowie gewöhnliche Einzelhandelsunternehmen.

 

Der geringe Marktanteil zeigt, wie stark die Selbstständigen unter Druck stehen. Die Forderungen von Kucharewicz stoßen allerdings nicht überall in Polen auf Gegenliebe: »Die Konkurrenz ist doch immer gut für die Kunden, weil sich dadurch der Zugang zu den Arzneien verbessert und außerdem die Preise fallen«, erklärte Magdalena Cieloch von den einheimischen Verbraucher- und Monopolbehörden UOKiK. Letztlich muss aber die Regierung darüber entscheiden. Und die hat sich erst einmal nicht gerührt. Noch hat die Hochwasser-Katastrophe das Land im Griff. Es sieht zurzeit nicht danach aus, dass die Regierung dieses Thema noch vor der Sommerpause angeht. / 

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