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Neu auf dem Markt

Weiterer Alpha-Blocker verfügbar

29.06.2010  14:09 Uhr

Von Sven Siebenand / Seit Mitte Juni ist ein neues Mittel zur symptomatischen Behandlung der benignen Prostatahyperplasie (BPH) auf dem deutschen Markt verfügbar. Pharmakologisch betrachtet handelt es sich bei Silodosin (Urorec® Hartkapseln, Merckle Recordati) um einen weiteren Alpha-1A-Rezeptorantagonisten. Welche Informationen kann das pharmazeutische Personal an Patienten weitergeben?

Die Prostatadrüse sitzt an der Blasenbasis. Vergrößert sich die Drüse, kann sie dem betroffenen Mann Probleme beim Wasserlassen bereiten. Wie die bereits bekannten Wirkstoffe Alfuzosin, Doxazosin, Tamsulosin oder Terazosin ist auch Silodosin ein selektiver Antagonist des Alpha-1A-Adrenorezeptors. So blockiert der Wirkstoff Rezeptoren in der Prostatadrüse, Blase und Harnröhre. Dadurch ermöglicht Silodosin die Entspannung der Muskeln, die den Urinfluss regulieren. Das Wasserlassen wird erleichtert und die Symptome der BPH lassen nach. Dazu zählen zum Beispiel häufiger Harndrang (auch nachts), verzögerter Beginn der Harnentleerung, Entleerung kleiner Harnmengen, das Gefühl unvollständiger Blasenentleerung, schwacher Urinstrahl und »Nachtröpfeln« sowie Inkontinenz. An die vor allem im kardiovaskulären System befindlichen Alpha-1B-Adrenorezeptoren bindet Silodosin wesentlich schlechter. Untersuchungen haben gezeigt, dass das α1A:α1B-Bindungsverhältnis von Silodosin 162:1 ­beträgt und damit äußerst hoch ist.

Männer nehmen einmal täglich 8 mg Silodosin ein. Bei Patienten mit mo­deraten Nierenproblemen beginnt der Arzt die Therapie zunächst mit 4 mg pro Tag und erhöht später gegebe­nen­falls auf 8 mg. Nicht empfohlen wird Silodosin für Männer mit schweren Funktionsstörungen der Nieren und der Leber. Apotheker können den Patienten raten, die Kapsel zu einer Mahlzeit einzuneh­men, vorzugsweise immer zur glei­chen Tageszeit.

 

Silodosin wurde in drei kontrollierten Phase-III-Studien bei mehr als 1800 Männern mit BPH mit Placebo ver­glichen. In einer dieser Studien wurde der Wirkstoff zudem mit dem Alpha-1-Blocker Tamsulosin verglichen. Als Hauptindikator für die Wirksamkeit galt jeweils die Verbesserung des IPSS (Internationaler Prostata-Symptom-Score) nach zwölf Behandlungswochen. Bei diesem Wert handelt es sich um eine Bewertung der Symptome des Patienten, etwa der Unfähigkeit zur Blasenentleerung und des häufigen Harndrangs. Jeder Patient bewertete dabei die Intensität seiner Symptome selbst. In den beiden Studien, in denen Silodosin nur mit Placebo verglichen wurde, lag der IPSS zu Beginn der Studie in beiden Gruppen bei etwa 21 Punkten. Nach zwölf Wochen war dieser unter Verum um durchschnittlich 6,4 Punkte gefallen versus 3,5 Punkte in der Kontrollgruppe. In der dritten Studie lag der IPSS vor Beginn der Behandlung bei etwa 19 Punkten und verringerte sich nach jeweils zwölf Wochen unter Silodosin (8  mg/d) um 7,0 Punkte, unter Tamsulosin (0,4 mg/d) um 6,7 Punkte und unter Placebo um 4,7 Punkte. Damit zeigte sich auch, dass die beiden Alpha-1-Blocker ähnlich wirksam sind.

 

Silodosin wird zu einem hohen Prozentsatz metabolisiert, unter anderem über das Enzym CYP3A4. Daher rät der Hersteller in der Fachinformation von der gleichzeitigen Anwendung des neuen Arzneistoffs mit hoch wirksamen CYP3A4-Hemmern wie Ketoconazol, Itraconazol oder Ritonavir ab. Silodosin ist zudem ein Substrat für p-Glykoprotein. Arzneimittel, die diese Enzyme und Transporter hemmen (zum Beispiel Clarithromycin, Erythromycin, Verapamil, Nifedipin) oder anregen (zum Beispiel Johanniskraut, Dexamethason und Phenytoin), können die Konzentration von Silodosin und seinem aktiven Metaboliten im Plasma beeinflussen.

Zu den häufigen Nebenwirkungen der neuen Arzneisubstanz zählen Ejakulationsstörungen. Da auch die Anzahl von Spermien im Ejakulat sinkt, kann die Fertilität der Männer beeinträchtigt werden, allerdings nur solange man das Mittel einnimmt. Die Häufigkeit orthostatischer Wirkungen unter Silodosin ist sehr selten. Dennoch kann es bei einzelnen Patienten zu einer Blutdrucksenkung kommen, die in seltenen Fällen zu einer Synkope führen kann. Bei den ersten Anzeichen einer orthostatischen Hypotonie, zum Beispiel posturalem Schwindel, sollte sich der Patient hinsetzen oder hinlegen, bis die Symptome abgeklungen sind. Bei Patienten mit orthostatischer Hypotonie wird die Behandlung mit Silodosin nicht empfohlen.

 

Bei manchen Patienten tritt während der Therapie mit Alpha-Adrenorezeptor-Antagonisten das sogenannte intraoperative Floppy-Iris-Syndrom (IFIS) auf. Bei diesem Krankheitsbild erschlafft die Iris. Das kann während einer Kataraktoperation zu Komplikationen führen. Der Hersteller von Silodosin wird deshalb dafür sorgen, dass Augenchirurgen in allen Staaten, in denen das Arzneimittel in den Verkehr gebracht wird, die entsprechenden Informationen über IFIS erhalten. Die Empfehlung des Herstellers: Ein bis zwei Wochen vor der Kataraktoperation die Behandlung mit einem Alpha-1-Blocker unterbrechen. Die Therapie mit Silodosin bei Patienten zu beginnen, bei denen eine Kataraktoperation geplant ist, wird nicht empfohlen. / 

Kommentar

Mit Silodosin ist nach 15 Jahren Stillstand wieder ein Alpha-1A-Rezep­torantagonist zur symptomatischen Therapie der benignen Prostatahyperplasie (BPH) auf den Markt gekommen. Strukturell ist Silodosin mit Tamsulosin vergleichbar, das wie Alfuzosin bereits eine höhere Uroselektivität besitzt als Doxazosin und Terazosin, die primär als Antihypertonika eingesetzt wurden. Aus dem Vergleich der Dosierungen (8 mg Silodosin gegenüber 0,4 mg Tamsulosin einmal täglich) kann abgelesen werden, dass der neue Stoff stärker metabolisiert wird, wobei die Enzymsysteme (CYP3A4) gleich sind. Klinisch konnten im direkten Vergleich der beiden Substanzen keine Unterschiede in der Wirksamkeit gesehen werden. Wie alle Alpha-1A-Blocker lindert auch Silodosin nur die Symptome der BPH und reduziert nicht das Prostatavolumen. Vorläufig kann Silodosin daher nur als Scheininnovation bewertet werden.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

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