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Gentechnik

Lebensmittel aus der Retorte

29.06.2010  13:59 Uhr

Von Christina Hohmann / Gentechnik bei Lebensmitteln – darauf würden viele deutsche Konsumenten lieber verzichten. Ist das überhaupt möglich? Welche Lebensmittel sind mithilfe der Gentechnik produziert und wie sind diese zu erkennen?

Gen-Mais, Gen-Kartoffel und Gen-Tomaten: Gentechnik wird bei Lebensmitteln meist mit Gemüse in Verbindung gebracht. Doch gentechnisch veränderte Pflanzen, die roh oder zubereitet verzehrt werden, sind in keinem europäischen Supermarkt erhältlich. Wer Gentechnik umgehen will, muss auf Äpfel, Bananen oder Zucchini nicht verzichten: Alle Obst- und Gemüsesorten sind gentechnikfrei.

Doch die Technik kann zur Herstellung von Lebensmitteln verwendet werden, von denen man es nicht unbedingt vermu­tet hätte, zum Beispiel von Käse, Keksen und Schokolade. Die Produkte können Zusatz­stoffe oder Grundstoffe enthal­ten, die von genveränderten (gv) Mikroorganismen synthetisiert wurden oder aus gv-Pflanzen gewonnen wurden, wie etwa Öl aus gv-Raps.

 

Wo ist Gentechnik enthalten?

 

Als gentechnisch verändert gilt ein Organismus, wenn das Erb­gut so manipuliert wurde, wie es auf natürliche Weise nicht vor­kommen würde. In der Regel bedeutet dies, dass ihm neue, artfremde Gene übertragen wurden. Diese sollen den Organismus mit speziellen Eigenschaften ausstatten, ihn zum Beispiel widerstandfähiger machen gegen Herbizide oder Trockenheit. Während auf diese Weise veränderte Obst und Gemüsesorten nicht im Handel sind, sieht das für andere Nutzpflanzen anders aus. Im großen Stil angebaut werden gentechnisch verändertes Soja, Mais, Raps und Zuckerrüben. Die führenden Anbauländer sind USA, Argentinien, Brasilien, Indien, China und Kanada.

In Europa ist man mit dem Anbau von manipulierten Pflanzen zurückhaltend. Die einzige zur kommerziellen Nutzung zugelassene Pflanze ist nach Informationen von Greenpeace die gv-Maissorte Mon810 vom Saatgutkonzern Monsanto. Frankreich, Griechenland, Österreich, Ungarn, Luxemburg haben ihren Anbau schon vor längerer Zeit verboten, im März 2009 folgte auch das Verbot in Deutschland. Seit April dieses Jahres kann in Deutschland erstmals die gv-Kartoffel Amflora angebaut werden. Sie ist damit derzeit die einzige genmanipulierte Pflanze, die in Deutschland wachsen darf. In anderen Ländern sind gv-Pflanzen weit verbreitet. So sind mittlerweile 77 Prozent des weltweit angebauten Sojas genveränderte Sorten. Agrarohstoffe wie Mais oder Soja werden weltweit gehandelt. Sie werden entweder als Futtermittel für Nutztiere eingesetzt oder zur Herstellung von Grundstoffen wie Öl oder Stärke benutzt. Die Europäische Union führt pro Jahr etwa 40 Millionen Tonnen Sojarohstoffe ein, hauptsächlich aus Ländern, die großflächig gentechnisch verändertes Soja anbauen. Auch 10 Millionen Tonnen Mais gelangen jedes Jahr aus den USA und Argentinien in die EU.

 

Eingeführte Soja- und Maisrohstoffe werden hauptsächlich zu Futtermitteln verarbeitet. Daher sind Futtermittel überwiegend »mit Gentechnik«. Kühe, Schweine und Hühner erhalten in der Regel Futter, das zumindest in Anteilen gentechnisch veränderte Pflanzen enthält. Doch auf die Zusammensetzung von Milch, Fleisch und anderen tierischen Produkten hat dies verschiedenen Untersuchungen zufolge keine Auswirkungen.

 

Nutztiere kommen daher bislang nur indirekt mit Gentechnik in Berührung. Gentechnisch veränderte Tiere selbst dienen heute und auf absehbare Zeit nicht als Lebensmittel. Eine Ausnahme könnten Fische bilden: In den USA ist seit zehn Jahren ein gv-Lachs zur Zulassung angemeldet. Ob dieser aber jemals auf den Markt kommt, ist ungewiss.

Serie Ernährung

Mit diesem Text endet die Serie Ernährung. Eine Übersicht aller bereits veröffentlichten Beiträge ist in unserer Rubrik Zum Thema zu finden.

Außer zu Futtermitteln können gentechnisch veränderte Pflanzen auch zu Grundstoffen verarbeitet werden. So wird aus gv-Soja zum Beispiel Öl, Lecithin oder Vitamin E gewonnen. Die in gv-Mais enthaltene Stärke wird wiederum zur Herstellung von Traubenzucker, Glucosesirup oder Sorbit benutzt.

 

Zusatzstoffe aus gv-Organismen

 

Auch Zusatzstoffe werden heute häufig mithilfe von Gentechnik produziert. Hierfür werden Mikroorganismen wie Pilze oder Bakterien so verändert, dass sie eine bestimmte Substanz produzieren. Aus der pharmazeutischen Industrie ist dies schon länger bekannt. Auf diese Weise wird unter anderem Insulin hergestellt. Für die Lebensmittelindustrie produzieren gv-Mikroorganismen zum Beispiel verschiedene Aminosäuren wie den Geschmacksverstärker Glutamat oder die Backhilfe Cystein (E920). Vitamin B12 wird mittlerweile ausschließlich auf diese Weise gewonnen.

Auch bei der Synthese von Enzymen zur Lebensmittel­verarbeitung kommt die Methode zum Einsatz. So produ­zieren gv-Organismen zum Beispiel das Enzym Chymo­sin, das die Verdickung der Milch in der Käseherstellung bewirkt, und auch Enzyme, die Stärke in seine Einzel­zucker zerlegt.

 

Kennzeichnung der Produkte

 

Gentechnik hat sich in einigen Teilen der Lebensmittel­indus­trie etabliert. Um Konsumenten die Möglichkeit zu geben, Informationen zur Herstellung der Produkte bei der Kaufentscheidung zu berücksichtigen, müssen Le­bensmittel seit 2004 entsprechend gekennzeichnet wer­den. Die Regeln zur Kenzeichnung sind in allen EU-Län­dern gleich. Zu kennzeichnen wären alle Lebensmittel, die selbst ein gv-Organismus sind, von denen bislang keine in der EU zugelassen sind. Gekenn­zeichnet wer­den müssen alle Produkte, die Zutaten oder Zusatzstoffe aus gentechnisch veränderten Organismen enthalten. Hierzu zählen Öl aus gv-Raps, Stärke oder Glucose aus gv-Mais oder Zucker aus gv-Zuckerrüben.

Nicht gekennzeichnet werden dagegen tierische Pro­dukte wie Eier oder Fleisch, die von Tieren stammen, die mit gv-Pflanzen gefüttert wurden. Auch Zusatzstoffe und Enzyme, die von gv-Mikroorganismen produziert werden, unterliegen nicht der Kennzeichnungspflicht. Zufällige Beimischungen von gentechnisch verändertem Material in Lebensmitteln, die unter 0,9 Prozent liegen, müssen ebenfalls nicht angegeben werden. Bei diesen Ausnah­men ist es Konsumenten nicht möglich, Produkte »mit Gentechnik« zu erkennen. Hersteller haben aber seit 2008 die Möglichkeit, Verbraucher mit der Kennzeich­nung »ohne Gentechnik« darauf hinzuweisen, dass keine derartigen Verfahren bei der Herstellung eingesetzt wur­den. Für tierische Produkte bedeutet dies, dass keine gv-Organismen verfüttert wurden. Für andere Lebens­mittel heißt es, dass keine Zutaten und Zusatzstoffe, die aus gv-Organismen gewonnen wurden, enthalten sein dürfen. Biolebensmittel sind völlig »gentechnikfrei« – auch ohne entsprechende Kennzeichnung.

 

Kaum ein Thema ist so umstritten wie die Verwendung von Gentechnik bei Lebensmitteln. Während Befürworter in ihr eine Art Wunderwaffe im Kampf gegen Hunger und Armut sehen, fürchten Kritiker die unabschätzbaren Risiken der Manipulation am Erbmaterial für Mensch und Umwelt. Anfang Juni betonte Bundesforschungsministerin Annette Schavan: »Ich bin davon überzeugt, dass gentechnische Ansätze einen Beitrag zur Welternährung leisten können, indem robustere Pflanzen entwickelt werden, die Dürre oder Kälteeinbrüche besser als bisher standhalten können.« Schavan plädierte anlässlich des dritten Runden Tisches Pflanzengenetik dafür, »das gesamte Spektrum der zur Verfügung stehenden Forschungsmethoden verantwortungsbewusst für die weltweite Ernährungssicherheit« einzusetzen.

 

Viele sehen die grüne Gentechnik aber kritisch. Häufiges Argument ist, dass einmal in die Natur entlassene Gene nicht mehr zurückgeholt werden können und sich in der Umwelt ausbreiten. Herbizidresistenzen können zum Beispiel von den gv-Pflanzen auf Unkräuter übertragen werden. Zudem wird häufig kritisiert, dass die Auswirkungen der Produkte von Fremdgenen auf Mensch und auf Umwelt nicht absehbar sind. Greenpeace und verschiedene Verbraucherzentralen kritisieren, dass die gesundheitlichen Risiken von gentechnisch veränderten Lebensmitteln zu wenig erforscht wären. Langzeitstudien zu Gen-Pflanzen gäbe es bisher nur wenige. Wissenschaftler hätten aber bei Fütterungsversuchen festgestellt, dass zum Beispiel das Immunsystem von mit gv-Mais gefütterten Mäusen geschwächt wurde. Noch seien keine schädlichen Wirkungen von gv-Lebensmitteln beschrieben, doch es fehle an Langzeituntersuchungen zu diesem Thema. Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zufolge sind gentechnisch veränderte Lebensmittel unbedenklich. Dies werde für ein spezielles Genehmigungsverfahren inklusiver strengerer Sicherheitsprüfung gewährleistet. Eine Zulassung für gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel werde nur dann erteilt, wenn sie keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch, Tier oder Umwelt haben und den Verbraucher oder Anwender nicht irreführen, heißt es in einer Erklärung. Jeder Verbraucher muss selbst entscheiden, ob er entsprechende Produkte essen möchte. /

Quellen

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aid-Broschüre: Gentechnik in Lebensmitteln – So wird gekennzeichnet (2008).

www.transgen.de

www.bfr.bund.de

www.greenpeace.de

 

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