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Wilderness-Medizin

Abseitsfallen im Niemandsland

26.07.2013
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Von Sven Siebenand / Fernreisen werden immer beliebter. Doch fremde Länder und Kulturen genügen einigen Abenteurern längst nicht mehr. Sie suchen größeren Nervenkitzel, zum Beispiel beim Trekking durch Dschungel, Wüste oder im Hochgebirge. Die Wilderness-Medizin befasst sich mit medizinischen Fragen in extremen Umwelten.

Tropische Regenwälder erstrecken sich auf beiden Seiten des Äquators und sind durch eine Jahresdurchschnittstemperatur von mehr als 24 Grad Celsius und hohe Niederschlagsmengen von mehr als 2000 mm pro Jahr gekennzeichnet. Tropische Regenwälder befinden sich zum Beispiel im Amazonas- und im Kongobecken sowie in Indonesien. Wer sich auf den Weg macht, um Flora und Fauna bei einem Dschungel-Trekking zu entdecken, sollte dies in der Trockenzeit tun. Denn in den regenreichen Monaten ist auf vielen Wegen überhaupt kein Weiterkommen mehr. Die Belastung durch das feuchtwarme Klima ist ganzjährig hoch.

Experten wie der Tropenmediziner Dr. Fritz Holst aus Marburg raten Trekking-Touristen, sich vor dem Aufbruch in den Dschungel bis zu zehn Tage vor Ort zumindest an die Hitze im Land zu gewöhnen. An die ständige Nässe gewöhne man sich dagegen wohl nie, sagte Holst beim diesjährigen Internistenkongress in Wiesbaden.

 

Nicht nur Gutes kommt von oben

 

Sage und schreibe drei Viertel aller Verletzungen bei Tropenreisenden, die in der Chirurgie enden, stehen im Zusammenhang mit herunterfallenden Kokosnüssen oder gescheiterten Kokospalmen-Klettertouren. Die Vorbereitung auf ein Dschungel-Trekking beschränkt sich aber nicht darauf, um diese Bäume einen weiten Bogen zu machen. Schon Monate vor der Abreise gen Äquator beginnt die Planung mit einer gründlichen medizinischen Untersuchung. Das gilt insbesondere bei Vorerkrankungen. Erfahrene Reisemediziner können abschätzen, ob man für ein Dschungel-Trekking überhaupt geeignet ist.

 

Auch mit der Impfprophylaxe sollten Urlauber rechtzeitig beginnen. Zudem sollten sie sich über das Thema Malaria informieren. Atovaquon/Proguanil, Mefloquin oder Artemisinin-Derivate? Die Deutsche Gesellschaft für Tropen­me­dizin informiert, welche Arzneistoffe in welchen Ländern zur Prophylaxe oder Stand-by-Therapie angezeigt sind (www.dtg.org). Holsts Favorit für die Malariaprophylaxe ist übrigens Doxy­cyclin, da dieser Wirkstoff auch bei anderen exotischen Erkrankungen wirksam sei, zum Beispiel bei Leptospirose, Filariose und Rickettsiosen.

 

Neben geeigneter Kleidung und Schuhwerk gehört auch eine ausreichend gefüllte Reiseapotheke ins Gepäck. Darin sollten sich für das Dschungel-Trekking zudem ein Lokalanästhetikum, eine anti­septische Salbe, zum Beispiel mit Mupiro­cin, eine Permethrin-haltige Creme gegen Läuse und Scabies und ein Präparat zur Adrenalin-Autoinjek­tion zur Notfallbehandlung von akuten allergischen Reaktionen befinden.

 

Dschungel-Touristen sollten mindestens vier bis sechs Monate vor der Reise mit einem Lauftraining beginnen, um ihre aerobe Kapazität zu erhöhen. Kondition ist im Dschungel essenziell. Weite Strecken müssen beispielsweise watend durch Wasser bewältigt werden. Auch ein Geschicklichkeitstraining, zum Beispiel auf einer Slackline (schlaffes Seil), kann man vorab absolvieren, um im Dschungel samt Rucksack zum Beispiel über Baumstämme balancieren zu können.

 

Von Killerbienen und giftigen Raupen

 

Piranhas, Pfeilgiftfrösche oder Killerbienen: Reine Fiktion der Autoren von Horrorfilmen sind diese Tiere nicht. Sie gehören zweifelsohne zur gefährlichen Fauna im Regenwald. Dennoch sei es sehr unwahrscheinlich, auf solche Tiere zu stoßen – genauso unwahrscheinlich wie ein Biss der Grünen Mamba, so Holst in Wiesbaden. Viel eher wird man es mit lästigen und unter Umständen krankmachenden Fliegen, Ameisen, Milben, Blutegeln oder Schmetterlingen zu tun bekommen.

Richtig gelesen: Manche Schmetterlinge und ihre Raupen können gefährliche Vergiftungen verursachen. Wenn sich toxinhaltige Haare auf der Haut festsetzen, kann das zu heftigem Juckreiz und lokalen Reaktionen führen. Werden die Haare eingeatmet, ist eine Bronchitis möglich. Extrem giftig und besonders gefährlich sind die Haare von Augenspinner-Raupen (Lonomia), die im südamerikanischen Regenwald vorkommen. Sie verursachen bei Berührung heftige Schmerzen und können zu Blutgerinnungsstörungen und sogar zum Tod durch cerebrale Blutungen führen. Die Vergiftung kann mit einem Immunserum und Corticoiden behandelt werden.

 

Der schmerzhafteste Stich der Welt

 

Auch Ameisenstiche können starke lokale Schmerzen und systemische Symptome verursachen. Wer zwischen Feuer­ameisen der Spezies Solenopsis und schwarzen Ameisen der Spezies Paraponera clavata wählen kann, sollte sich für das erste Übel entscheiden. Denn der Stich von Paraponera clavata gilt als der schmerzhafteste Insektenstich der Welt.

Das Tier wird mitunter auch 24-Stunden-Ameise genannt. Es erhielt diesen Namen, weil die Symptomatik aus starken lokalen Schmerzen, Lymphadenopathie und Fieber bis zu einen Tag lang anhalten kann. Die Therapie erfolgt bei Ameisenstichen lokal und systemisch mit Analgetika, Antihistaminika und/oder Corticoiden. Da eine bakterielle Superinfektion, vor allem bei aufgekratzter Haut, auftreten kann, sollte die Stichstelle antiseptisch versorgt werden.

 

Die Myiasis ist die medizinische Bezeichnung für die Fliegenmadenkrankheit. Dabei gelangen Fliegenlarven in den Körper, wo die Tiere vom Wirt leben. In Europa kennt man das maximal von Tieren, im tropischen Regenwald sind häufig auch Menschen betroffen. Zum Beispiel legt die afrikanische Tumbu-Fliege ihre Eier mit Vorliebe auf feuchten Kleidungsstücken ab. Schlüpfen aus den Eiern dann die Larven, bohren sie sich schnell in die Haut des Menschen ein.

 

Ähnlich machen es die Larven der Bot-Fly in Mittel- und Südamerika, nachdem sie aus den Eiern geschlüpft sind, die die Fliegen direkt auf der Haut abgelegt haben. Innerhalb weniger Tage nach Larven-Einnistung kommt es zu starkem Juckreiz an der betroffenen Hautstelle. Es bildet sich ein Furunkel mit zentraler Atemöffnung, aus der Sekret abgesondert wird. Die Tatsache, dass sich die Tierchen zwischenzeitlich bewegen, macht die Vorstellung nicht angenehmer.

 

Fett auf die Larven

 

Aber es kommt noch dicker: Wie wird man die unliebsamen Untermieter wieder los? Die Atemöffnung sollte zum Beispiel mit Fettcreme, Vaseline oder Schmalz verstopft werden. Um dem Erstickungs­tod zu entgehen, schieben sich die Larven an die Oberfläche. Nach etwa einer halben Stunde sind sie zu sehen und können mit einer Pinzette gefasst und aus der Haut gezogen werden.

 

Ein weiterer Beleg dafür, dass Sandalen oder Barfußlaufen und Dschungel-Trekking nicht zusammenpassen, sind die schmerzhaften Abwehrtoxine von Hundert- und Tausendfüßlern sowie Sandflöhe. Letztere bohren sich meist an den Füßen in die Haut ein und produzieren dort ihre Eier. Es entsteht ein juckender Knoten. Der Floh kann mit einer sterilen (!) Nadel entfernt werden. Zur Prophylaxe einer Super­infektion ist ferner eine topische Antibiotikatherapie empfehlenswert.

 

Spinnen mit Viagra- Wirkung

 

Auch Spinnentiere sind Einwohner des Dschungels. Dazu gehören die Milben. Die in Amerika lebenden Chiggers- Milben können nach dem Biss wochenlang entzündete und stark juckende Hautreaktionen verursachen, die am besten mit Corticoiden und/oder Antihistaminika behandelt werden.

 

Glücklicherweise seltener sind Bisse durch größere Spinnen. Während die Schwarze Witwe mittlerweile auf allen Erdteilen zu Hause ist und als Paradebeispiel für giftige Spinnen herhalten muss, gelangen die mindestens genauso gefährlichen Brasilianischen Wanderspinnen nur in Einzelfällen meist in Bananenkisten auf Frachtschiffen bis nach Europa. Im Regenwald Südamerikas sollte man sich vor dem auch Bananenspinne genannten Tier hüten. Denn der Biss ist potenziell lebensbedrohlich. Neben Atemnot, Herzrhythmusstörungen, starken Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen erzeugt das Toxin bei Männern auch einen Priapismus (schmerzhafte Erektion), der mehrere Stunden anhalten und zur Impotenz führen kann.

Ab in die Wüste

 

Auf gefährliche Tiere kann man auch bei einem Wüsten-Trekking stoßen. Skorpione, Spinnen und Schlangen kommen den meisten dabei als Erstes in den Sinn. An Kamele denken die wenigsten. Unfälle durch Stürze vom Wüstenschiff lassen sich medienwirksam offenbar nicht so gut vermarkten wie der Biss einer Kobra. Wüstentouristen sollten wissen, dass Kamele es nicht unbedingt schätzen, gestreichelt zu werden und die Ohren oft komplette Tabuzonen sind. Wer das missachtet, wird womöglich eher von einem Kamel als von einer Kobra gebissen.

 

Die Begegnung mit gefährlichen Giftschlangen wie der Sandrasselotter, der Hornviper, der Klapperschlange oder eben der Kobra gehört selbst beim Wüsten-Trekking nicht zur Regel. Dennoch ist es ratsam, festes Schuhwerk und lange weite Hosen beim Wandern zu tragen und gerade im unübersichtlichen Gelände auf jeden Tritt zu achten. Für den Fall eines Bisses durch eine Giftnatter – oder den Verdacht darauf – sollte man sicherheitshalber wissen, wie ein Druck-Immobilisations-Verband angelegt wird. Diese Erste-Hilfe-Maßnahme sorgt dafür, dass das Gift langsamer über das Lymphgefäßsystem ins Blut transportiert wird und damit stärker in der Peripherie fixiert wird.

 

So schnell wie möglich sollte der Gebissene zum Arzt. Ratsam ist es, ihn möglichst zu beruhigen und die Extremitäten ruhigzustellen, damit das Gift sich nicht so schnell im Körper verteilt. Wenn möglich, sollte der Helfer die Schlange aus sicherer Entfernung fotografieren, damit sie ein Arzt oder Biologe später identifizieren kann. Nutzlos oder gar schädlich sind Ein- oder Ausschneiden, Aussaugen oder Auspressen der Bissstelle. Kühlung sollte wegen möglicher Minderversorgung des Gewebes und der Gefahr von Erfrierungen unterbleiben.

 

Heller Urin, alles okay

 

Hauptproblem in der Wüste sind aber nicht die gefährlichen Tiere, sondern die Wasserversorgung. Die Kalkulation der benötigten Trinkwassermenge ist extrem schwierig. Sie hängt zum Beispiel von Außentemperatur, Sonneneinstrahlung, Windgeschwindigkeit, Länge und Höhenunterschieden der Strecke ab. Ein Wanderer mit mittelschwerem Rucksack in der Ebene verliert bei 27 Grad Celsius durch Schwitzen circa 400 ml Wasser pro Stunde, bei 43 Grad Celsius sind es stündlich gar 1,3 l. Das heißt: Trinken, trinken und nochmals trinken! In der Mittagssonne sollte – sofern vorhanden – im Schatten pausiert werden.

Tritt Durstgefühl ein, hat der Wanderer laut Tropenmediziner Holst bereits eine signifikante Dehydration, die seine körperliche Leistungsfähigkeit schmälert. Er rät dazu, auf die Farbe des Urins zu achten. Nur bei ausreichendem Hydrierungszustand ist der Urin hell. Wasser muss der Wüsten-Reisende also immer mitnehmen. Da es aber ein hohes Gewicht hat, kann man unmöglich den Bedarf für die gesamte Reise dabei haben. Zu wissen, wo sich Wasserstellen befinden, gehört also neben körperlicher Fitness und sicherem Umgang mit Karte und Kompass (auf GPS-Geräte allein sollte man sich sicherheitshalber nicht verlassen) zu einer der wichtigsten Voraussetzungen für ein Wüsten-Trekking.

 

Höchstens eine Verzweiflungstat sei es, so Holst, mithilfe von Plastikfolie Wasser zu sammeln. Auch Wasser aus Kakteen gewinnen zu wollen, sei Unsinn, denn die enthaltenen Mengen sind viel zu klein. Zudem kann das Wasser aus Pflanzen zu Erbrechen und Durchfall führen, was noch schneller zur Dehydratation führt. Selbiges kann auch geschehen, wenn nicht keimfreies Wasser getrunken wird. Daher muss Trinkwasser immer aufbereitet werden, zum Beispiel durch Filtration oder Halogenierung. Hierzulande ist vor allem Chlor zur Trinkwasseraufbereitung auf Reisen üblich, in anderen Ländern auch Iod. Silberionen alleine sind nicht zur Wasserdesinfektion geeignet. Sie können aber entkeimtes Wasser länger haltbar machen und werden daher oft mit Chlor kombiniert.

 

Fata Morgana oder Hitzschlag

 

Die Kombination aus zu viel Sonne und zu wenig Wasser kann in der Wüste leicht zu Hitzeschäden führen. Ratsam ist, sich vor Beginn der Tour fünf bis zehn Tage an das Klima zu gewöhnen. Ideal für das Trekking ist helle Baumwollkleidung, die den gesamten Körper vor der Sonne schützt. Kopfbedeckung, Sonnenbrille und Sonnenschutz dürfen selbstverständlich nicht fehlen, ebenso warme Kleidung für die kalten Wüstennächte.

 

Experten unterscheiden bei den Hitzeschäden zwischen Hitzschlag und Hitzeerschöpfung. Ein Hitzschlag hat immer eine ungünstige Prognose. Holst zufolge liegt die Mortalität selbst bei Behandlung in Deutschland noch bei 30 Prozent. Bei einem Hitzschlag steigt die Körpertemperatur meist auf mehr als 40,5 Grad Celsius. Typisch sind Verwirrtheit, Übelkeit, Enzephalopathie und Koma. Die Patienten müssen schnellstmöglich gekühlt werden und benötigen eine intravenöse Flüssigkeitssubstitution.

 

Dagegen hat die Hitzeerschöpfung eine günstige Prognose. Sie tritt relativ häufig auf. Charakteristische Symptome sind Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen und Hypotension. Die Temperatur steigt meistens nicht über 39 Grad Celsius. Patienten sollten sich ausruhen und Elektrolyte sowie Flüssigkeit zuführen.

 

Eine weitere Gefahr in der Wüste sind Sandstürme, die zu erheblichen Reizungen der Haut und im Gesicht führen. Trockener Treibsand ist vergleichsweise ungefährlich, da man da­rin nicht allzu tief versinken kann. Anders bei feuchtem Treibsand: Daraus kann man sich unter Umständen nicht mehr selbst befreien. Das Wandern in ausgetrockneten Flussbetten, sogenannten Wadis, kann unter Umständen sehr gefährlich sein. Wer die Wetterlage ? auch in kilometerweit entfernten Gebieten ? nicht im Auge behält, kann sehr schnell von riesigen Wassermengen überrascht werden. Einer solchen Sturzflut zu entkommen, ist umso schwerer, wenn sie über Nacht hereinbricht. Daher gelten Wadis nicht als ideales Schlafquartier.

 

Hoch hinaus

 

Ob die Anden in Südamerika, der Kilimandscharo in Afrika oder sogar der Mount Everest in Asien: Trekking und Wandern in der Höhe erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Wer eine solche Reise antritt, sollte sich zuvor richtig informieren und gut vorbereiten. Mit zunehmender Höhe nehmen nicht nur Temperatur und Luftfeuchte ab und die Sonneneinstrahlung zu. Besonders wichtig ist, dass der Sauerstoff-Partialdruck immer weiter abnimmt. Kurz gesagt: Die Luft wird dünner. Im Vergleich zum Sauerstoff-Partialdruck auf Seehöhe ist jener auf der Zugspitze (2963 m über Normalhöhennull) um ein Drittel reduziert, auf dem Mount Everest (8848 m über Normalhöhennull) sogar um zwei Drittel.

Höhenmediziner unterscheiden mehrere Höhenstufen. In mittleren Lagen (1500 bis 2500 m) bleibt die Leistungsfähigkeit von Gesunden fast komplett erhalten; sie können sich dort in der Regel ohne weitere Akklimatisation aufhalten. Große Höhen liegen zwischen 2500 und 5300 m. In diesem Bereich ist Akklimatisation notwendig. Während bis zu 5300 m eine vollständige Akklimatisation möglich ist, kann sich der Mensch an extreme Höhen über 5300 m nicht mehr dauerhaft anpassen. Der Höhenbereich oberhalb von 7000 m wird oft als »Todeszone« bezeichnet. Ein längerer Aufenthalt ist dort nicht möglich.

 

Der Körper reagiert sehr schnell auf den Sauerstoffmangel in der Höhe. Durch Hyperventilation, gesteigerte Herzfrequenz und Höhendiurese lässt sich die Beeinträchtigung der Sauerstoffversorgung relativ kurzfristig kompensieren. Langfristig muss aber die Sauerstoffbindungskapazität erhöht werden. Durch vermehrte Ausschüttung von Erythropoetin in der Niere wird die Bildung von Erythrozyten und Hämoglobin gesteigert. Dazu benötigt der Organismus Zeit. Ungeduldige und unwissende Gipfelstürmer laufen Gefahr, eine höhenbedingte Erkrankung zu erleiden.

 

Fit und trotzdem höhenkrank

 

Unter der Oberbezeichnung Höhenkrankheiten werden meist die akute Bergkrankheit, das Höhen-Hirnödem und das Höhen-Lungenödem zusammengefasst. Daneben gibt es weitere höhenbedingte Störungen, etwa periphere Unterhautödeme, Retinablutungen oder Reizhusten. Zudem ist die Erstmanifestation oder Verschlechterung einer bestehenden Krankheit in der Höhe möglich.

Insbesondere bei Patienten mit Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen ist zu bedenken, ob sie sich ohne Not in großen Höhen aufhalten sollten. In jedem Fall ist es wichtig, die Reise gut zu planen, zum Beispiel durch Festlegung geeigneter Tagesetappen und Schlafhöhen und durch rechtzeitiges Sporttreiben vor dem Urlaub. Denn wie beim Dschungel- oder Wüsten-Trekking ist körperliche Fitness auch in den Bergen von Vorteil. Oberhalb von 1500 m sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit pro 100 m um etwa 1 Prozent. Auf 4500 m können Reisende sich also nur auf 70 Prozent ihrer maximalen Leistungskraft verlassen. Höhenmediziner wie Privatdozent Dr. Christoph Dehnert aus Heidelberg weisen darauf hin, dass Fitness allerdings in keiner Weise vor einer höhenbedingten Erkrankung schützt.

 

Die akute Bergkrankheit ist die mit Abstand häufigste Höhenerkrankung. Bei besonders empfindlichen Menschen tritt sie bereits bei einer Höhe von 2500 m auf (Inzidenz etwa 2 Prozent), in der Regel aber erst in deutlich höheren Lagen. Bei Trekkern in der Mount-Everest-Region ist damit zu rechnen, dass mehr als die Hälfte Symptome der Erkrankung zeigen. Diese sind vor allem Kopfschmerzen, aber auch Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schlafstörungen, Schwindel und periphere Ödeme. Die Erkrankung tritt meistens mit einer Latenzzeit von vier bis 24 Stunden auf. Mit der maximalen Ausprägung ist am zweiten oder dritten Tag zu rechnen. Typisch ist, dass sich die Beschwerden über Nacht verschlimmern und morgens am größten sind. Die Prävalenz ist abhängig von Höhe, individueller Anfälligkeit, Aufstiegsgeschwindigkeit und Akklimatisation.

 

Auf keinen Fall dürfen die Zeichen einer akuten Bergkrankheit ignoriert werden, da diese in ein potenziell töd­liches Höhen-Hirnödem übergehen kann. Dass in einer Deutschen Botschaft ein Kühlraum für derartige Todesfälle eingerichtet werden musste, sollte zur Risikoeinsicht veranlassen.

 

Bevor die Beschwerden nicht völlig abgeklungen sind, dürfen Personen mit akuter Bergkrankheit unter keinen Umständen weiter aufsteigen. Sie sollten lieber um mindestens 500 m absteigen und zumindest einen Ruhetag einlegen. Die spontane Erholung findet dann relativ schnell, meist innerhalb von einem bis zwei Tagen statt. Ist der Abstieg nicht oder nur über einen Zwischen­anstieg möglich, wird auch zur Gabe von Sauerstoff und einer medika­mentösen Behandlung, zum Beispiel mit Ibuprofen, Acetazolamid und Dexamethason, geraten.

 

Richtige Höhentaktik

 

Der beste Weg, eine akute Bergkrankheit zu vermeiden, ist es, dem Körper ausreichend Zeit zur Akklimatisation zu geben. Ab einer Höhe von 2500 m sollten pro Tag nicht mehr als 500 Höhenmeter bewältigt werden; zumindest die tägliche Schlafhöhe sollte nur um diesen Höhenunterschied gesteigert werden. Ein weiterer Rat: nach jeweils 1000 Höhenmetern einen weiteren Rasttag einlegen.

Da dieses langsame Vorgehen häufig mit der Urlaubsplanung der Reisenden kollidiert, werden auch Medikamente zur Prävention eingesetzt. Den höchsten Stellenwert hat der Carbo­anhydrase-Hemmer Acetazolamid. Er sorgt für eine metabolische Azidose und infolgedessen für eine Hyperven­tilation mit Erhöhung der Sauerstoffsättigung, sodass die Hypoxie reduziert wird. Zugelassen ist das Diure­tikum für den Einsatz in der Höhen­medizin nicht. Der Off-Label-Use wird aber häufig praktiziert.

 

Wie Höhenmediziner Dehnert beim Internistenkongress berichtete, kann der Arzt die Acetazolamid-Gabe zum Beispiel bei einem mäßigen oder hohen Risiko für eine akute Bergkrankheit erwägen. Erstes treffe bei nicht an die Höhe angepassten Reisenden zu, die oberhalb von 2500 m Höhe mehr als 500 m täglich aufsteigen, zweites bei Bergsteigern, die früher bereits eine Höhenkrankheit erlitten haben. Nebenwirkungen von Acetazolamid sind Parästhesien und eine gestörte Geschmacksempfindung von kohlensäurehaltigen Getränken. Bei Sulfonamid-Allergie darf der Wirkstoff nicht eingenommen werden. Eine Alternative könnte dann Theophyllin sein.

 

Eine Prophylaxe der Bergkrankheit mit Dexamethason sollte wegen der Steroid-Nebenwirkungen unterbleiben. In der Therapie spielt das Corticoid aber eine wichtige Rolle.

 

Lebensgefährliche Ödeme

 

Den meisten höhenbedingten Hirn- und Lungenödemen geht eine akute Bergkrankheit voraus. Hauptbefunde des Höhen-Hirnödems sind Fieber um 38 Grad Celsius und eine Ataxie mit Gehunfähigkeit und Bewusstseinstrübung, die schnell zu Koma und zum Tod innerhalb von 24 Stunden führen kann. Meist tritt es in Höhen oberhalb von 4000 m auf. Die Prävalenz liegt in 4000 bis 5000 m Höhe bei 0,5 bis 1 Prozent. Ursache der Symptome ist – wie bei der akuten Bergkrankheit, aber ausgeprägter – eine Schwellung des Gehirns. Ohne Behandlung verläuft das Höhen-Hirnödem tödlich. Die Patienten müssen sofort passiv absteigen, Sauerstoff bekommen und mit Dexamethason behandelt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin empfiehlt initial 8 mg Dexamethason peroral und dann alle sechs Stunden 4 mg.

 

Ebenso gefährlich ist das Höhen-Lungenödem, das infolge des zu hohen pulmonal-arteriellen Drucks entsteht. Typische Symptome sind Dyspnoe, Husten, Rasseln, blutiger Auswurf, Ataxie und Leistungsverlust. Ohne Behandlung ist die Mortalität auch hier sehr hoch. Das Höhen-Lungenödem tritt meistens innerhalb von zwei bis vier Tagen nach schnellem Aufstieg oberhalb von 3000 bis 4000 m ohne vorherige Akklimatisation auf. Die Prävalenz hängt von Höhe, individueller Anfälligkeit und Aufstiegsgeschwindigkeit ab. Die Inzidenz liegt auf 4500 m Höhe bei etwa 6 Prozent.

 

Wie vor der akuten Bergkrankheit und dem Hirnödem können Trekking-Touristen sich durch langsame Akklimatisation auch vor einem Höhen-Lungenödem schützen. Eine medikamentöse Prävention kann bei anfälligen Personen zum Beispiel mit Nifedipin, PDE-5-Hemmern wie Tadalafil und Sildenafil oder mit Salmeterol erfolgen.

 

Wichtigste Maßnahme bei der Behandlung eines Höhen-Lungenödems ist der schnelle, möglichst passive Abstieg um mindestens 1000 m. Zudem sollten Betroffene Sauerstoff erhalten. Mit Nifedipin kann der pulmonal-arterielle Druck gesenkt werden. Nach dem Abstieg ist eine schnelle vollständige Erholung möglich. /

Quellen

  1. Vortrag »Dschungeltrekking« von Dr. Fritz Holst, Marburg, beim Deutschen Internistenkongress am 6. April 2013 in Wiesbaden.
  2. Vortrag »Wilderness Medicine: Medizinische Aspekte des Wüstentrekkings« von Dr. Fritz Holst, Marburg, beim Deutschen Internistenkongress am 14. April 2012 in Wiesbaden.
  3. Vortrag »Hoch hinaus (Bergwandern, La Paz)« von Privatdozent Dr. Christoph Dehnert, Heidelberg, beim Deutschen Internistenkongress am 6. April 2013 in Wiesbaden.
  4. Vortrag »Der internistische Patient in der Höhe« von Dr. Peter Stein, Frankfurt am Main, beim Deutschen Internistenkongress am 6. April 2013 in Wiesbaden
  5. Jelinek, T., Kursbuch Reisemedizin ? Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkrankungen. Thieme-Verlag, 1. Aufl. 2012.
  6. Rieke, B., Küpper, T., Muth, C.-M., Moderne Reisemedizin ? Handbuch für Ärzte, Apotheker und Reisende. Gentner-Verlag, 2. Aufl. 2013.

Der Autor

Sven Siebenandstudierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle. Die Approbation als Apotheker erfolgte 2001 nach dem Praktischen Jahr in der pharmazeutischen Industrie und der öffentlichen Apotheke, wo er im Anschluss mehrere Jahre tätig war. Seit seinem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitet er bei der PZ, seit 2010 ist er stellvertretender Chefredakteur.

 

siebenand(at)govi.de

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