Pharmazeutische Zeitung online
Müttersterblichkeit

Schwanger mit dem Tod

15.06.2010
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Von Bettina Sauer / Werdende Mütter in Afrika leben gefährlich. Über 250 000 Frauen aus den Ländern südlich der Sahara sterben jährlich bei Schwangerschaft und Entbindung – das sind etwa die Hälfte aller Opfer weltweit.

Am frühen Abend des 19. März 2009 begannen bei Hawa Dabor die Wehen. Die Frau aus dem afrikanischen Sierra Leone ging zu einer Krankenschwester in ihrem Dorf. Die war die erste, die bemerkte, dass Hawa Zwillinge im Bauch trug, und sie empfahl dringend, die Entbindung müsse im nächsten Krankenhaus in Kabala stattfinden. Allerdings reichte das Vermögen der Angehörigen nicht für den Transport. Also schwärmten sie aus, um Geld von anderen Dorfbewohnern zu leihen und ein Fahrzeug aufzutreiben. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, und Letztere gewann. Gegen Mitternacht brachte Hawa gesunde Zwillinge zur Welt. Kurz darauf starb sie.

Ungefähr einmal pro Minute ereignet sich irgendwo auf dem Globus eine solche Tragödie. Den aktuellsten Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge, starben 2005 weltweit etwa 536 000 Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft, bei der Entbindung oder im Kindbett. 99 Prozent der Todesfälle ereigneten sich in Entwicklungs- und Schwellen­ländern, und mehr als die Hälfte da­von in Afrika südlich der Sahara. Hier häufen sich auch viele Länder mit be­sonders hohen Müttersterblichkeits­raten. In Sierra Leone bezahlt etwa jede achte Frau ihre Schwanger­schaft mit dem Leben. In Südasien liegt dieses Risiko dagegen bei 1:60, in den westlichen Ländern sogar nur bei 1:17 000. Das geht aus einer Presseinformation von Amnesty International vom März 2010 hervor. Damals startete die Menschenrechtsorganisation die Kampagne »Mutter werden. Ohne zu sterben.« Auf ihrer Homepage im Internet finden sich Informationen und Fallgeschichten, auch die von Hawa Dabor. Zudem kann jeder dort eine Online-Petition zur Senkung der Müttersterblichkeit an die Regierungen von Sierra Leone und Burkina Faso unterzeichnen (www.amnesty.de). »Mit unserer Kampagne möchten wir das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das Problem schärfen«, erklärt Monika Lüke, die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung (PZ). »Denn die medizinische Versorgung von Schwangeren ist ein Menschenrecht, und dieses wird in Afrika massiv verletzt.«

 

Bislang keine Erfolge

 

Besonders in ländlichen Regionen herrsche ein gravierender Mangel an Hebammen sowie Krankenhäusern mit Geburtsstationen – und vielen Einwohnern fehlt zudem Geld, um medizinische Behandlungen zu bezahlen. Auch Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, weist seit Jahren auf diese Missstände hin und engagiert sich in Projekten für die Senkung der Müttersterblichkeit. Seine Pressesprecherin Helga Kuhn sagt gegenüber der PZ: »Mehr als die Hälfte der Frauen bekommt ihre Kinder zu Hause, oft unter schlechten hygienischen Bedingungen, ohne professionelle Hilfe und ohne zuvor zu einer einzigen Vorsorgeuntersuchung gegangen zu sein.« Unter diesen Umständen komme es leicht zu Komplikationen bei der Geburt. Und dann hänge das Überleben der Frau davon ab, wie schnell sie, zum Beispiel per Taxi, Motorrad oder zu Fuß, die nächste Klinik erreiche. Entsprechend gehen mehr als drei Viertel der Todesfälle laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf das Konto von vermeid- oder behandelbaren Ursachen, vor allem von Blutungen (25 Prozent), Infektionen (15 Prozent), schwangerschaftsbedingtem Bluthochdruck (8 Prozent), einem erschwerten Geburtsverlauf (8 Prozent) und unsicheren Abtreibungen (13 Prozent). Die Todesfälle belasten die Hinterbliebenen oft nicht nur seelisch, sondern auch existentiell. Denn meist fehlt ihnen die Mutter auch als Versorgerin und Verdienerin. In der Folge rutschen viele Familien nach Angaben von Unicef vollständig in die Armut ab.

»Eine Schwangere steht mit einem Bein im Grab.«

Afrikanisches Sprichwort

»Die Weltgemeinschaft hat das Problem schon lange erkannt und in den letzten Jahrzehnten mehrfach beschlossen, Abhilfe zu schaffen«, sagt Lüke. So zählt der Schutz der werdenden Mütter zu den acht Entwicklungszielen für das neue Jahrtausend (Millenniumsziele), auf die sich die 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen im September 2000 einigten. Demnach soll die Müttersterblichkeit bis 2015 gegenüber der Rate von 1990 um 75 Prozent sinken. Das Ziel klingt ehrgeizig, die Umsetzung bislang jedoch nicht nach einer Erfolgsgeschichte. Denn 1990 starben 576 000 werdende Mütter. Damit ist die Rate bis 2005 gerade einmal um rund 7 Prozent gefallen. Zudem gehe dieser Effekt vor allem auf eine Besserung der Lage in Südamerika und Asien zurück, sagt Lüke: »In Sub-Sahara-Afrika gibt es dagegen überhaupt noch keinen sichtbaren Fortschritt.« Zwar bleibe auch bei den anderen Millenniumszielen noch einiges zu tun. »Aber bei der Müttersterblichkeit hakt es besonders.«

 

Nun hofft Lüke auf den nächsten September. Denn dann findet ein Gipfeltreffen der Vereinten Nationen zum Stand der Millenniumsziele statt, das womöglich wirkungsvolle Maßnahmen im Sinne der werdenden Mütter ins Leben ruft. Auch dafür soll die Amnesty-Kampagne Druck machen. Deshalb bittet Lüke alle Leser: »Unterschreiben, unterschreiben, unterschreiben!«

Grundsätzlich sei das medizinische Versorgungssystem dringend auszubauen. Jede Frau brauche bei Hausgeburten professionelle Hilfe, zum Beispiel durch ausgebildete Hebammen, und beim Auftreten von Komplikationen einen schnellen Zugang zu einer Entbindungsstation. Zudem fordern Unicef und WHO, dass jede Schwangere mindestens vier Vorsorgeuntersuchungen erhält, um Komplikationen früh zu erkennen und abzufedern.

 

»Es reicht aber nicht, diese medizinischen Strukturen zu etablieren«, betont Lüke. Vielmehr müsse man die Frauen und ihre Angehörigen dazu bringen, die Angebote auch zu nutzen, vor allem durch kostenlose Behandlung oder zumindest erschwingliche Preise und eine intensive Aufklärungsarbeit. Denn vielfach misstrauten die Menschen der modernen Medizin, zudem hätten afrikanische Frauen nur einen geringen gesellschaftlichen Status. Mädchen würden traditionell zur Opferbereitschaft und zur Zurückstellung eigener Bedürfnisse erzogen. »Und mancher Mann ist nicht bereit, Geld für die Rettung seiner Partnerin auszugeben, selbst wenn sie gerade ein Kind von ihm bekommt.«

 

Menschenrechts-Bildung nötig

 

Um diesbezüglich einen Mentalitätswandel zu erzeugen, müsse am besten schon in der Schule »Menschenrechts-Bildung« stattfinden. Jungen und Männer müssten lernen, ihre Partnerinnen respektvoll zu behandeln, Mädchen und Frauen müssten Selbstbewusstsein vermittelt bekommen. Das gelte insbesondere in Fragen der Sexualität und Familienplanung. »Bislang dürfen viele afrikanische Frauen ihre Partner nicht auswählen und auch nicht entscheiden, wie früh, wie oft und wie schnell hintereinander sie schwanger werden«, bestätigt Kuhn. Deshalb sei es wichtig, den Menschen Verhütungsmittel zugänglich zu machen und durch Aufklärungsarbeit die Akzeptanz dafür zu erhöhen. 2005 verwendete in Afrika südlich der Sahara gerade einmal jede fünfte fest liierte Frau Verhütungsmittel. Dabei ließe sich damit manche riskante Schwangerschaft vermeiden.

 

Der Witwer von Hawa Dabor blieb übrigens allein mit acht Kindern zurück. Um sich um sie zu kümmern, gab er seinen Job auf und ernährt die Familie nun mit Gelegenheitsarbeiten und ein wenig staatlicher Unterstützung. Er vermisse seine Partnerin sehr, sagte er gegenüber Amnesty International: »Ich bin noch immer wie von Sinnen vor Trauer. Und fest entschlossen, alles zu tun, um zu verhindern, dass andere Frauen dasselbe erleiden müssen.« /

Kindersterblichkeit

Auch um die Überlebenschancen der Kinder in Afrika steht es nicht zum Besten. 2008 starben dort 4,4 Millionen Unter-Fünf-Jährige – etwa die Hälfte aller Opfer weltweit. Das teilte Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft mit. Doch immerhin gibt es eine positive Nachricht: Seit 1990 ist die Kindersterblichkeit weltweit um 28 Prozent gesunken. Diesen Fortschritt führt Unicef vor allem auf Impfprogramme, Vitamin-A-Gaben und die Verteilung von imprägnierten Moskitonetzen zum Schutz vor Malaria zurück. Allerdings bleibt für die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen noch viel zu tun. Denn als eins ihrer acht Millenniumsziele haben sie vereinbart, bis 2015 die Kindersterblichkeit gegenüber der Rate von 1990 um zwei Drittel zu senken.

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