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Arzneimittelspenden

Eine Frage von Wissen und Respekt

15.06.2010  15:37 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler / Arzneimittelspenden aus Industrie- in Entwicklungsländer werfen oft mehr Probleme auf als sie lösen. Ziel- und bedarfsgerecht zu helfen, ist nicht einfach. Wo liegen häufige Fehler, und wie sieht eine gute Spendenpraxis aus?

Schwarzafrika, eine kleine Krankenstation im Busch: Geduldig warten Mütter mit ihren kranken Kindern, bis sie zur Behandlung in das Sprechzimmer des Krankenpflegers kommen. Doch der ausgebildete Helfer kann wenig für die kleinen Patienten tun. Die Arzneimittelvorräte und Verbandstoffe sind nahezu aufgebraucht, einige Mullbinden hat er recycelt und aufgewickelt. Schere und Skalpell liegen gewaschen in einer Nierenschale, doch es gibt kein Desinfektionsmittel mehr. Womit soll er die Mütter und Kinder behandeln, wenn selbst Basisarzneimittel fehlen?

 

Tödlicher Mangel

 

Nach WHO-Angaben sterben weltweit jedes Jahr neun Millionen Kinder, weil die einfachsten Medikamente nicht verfügbar sind. In Entwicklungsländern hat schätzungsweise die Hälfte der Menschen keinen Zugang zu Arzneimitteln. Durchfall, Malaria, Lungenerkrankungen, selbst einfache Infektionen oder Wunden können das Todesurteil bedeuten, wenn es keine geeigneten Arznei- und Verbandstoffe gibt oder die Versorgungskanäle nicht bis zu kleinen Dörfern und Buschkrankenstationen funktionieren.

Neben der staatlichen Entwicklungs­hilfe arbeiten viele private, kirchliche und gemeinnützige Organisationen daran, den Menschen zu helfen. Warum also nicht Arzneimittel aus den Industrieländern dorthin bringen, wo die Menschen sie dringend benötigen?

 

Aus gutem Grund ist die Sammlung von Arzneimitteln aus Arztpraxen und Haushalten heute absolut verpönt. Denn das Sammelsurium von Arzneimitteln wirft in den Empfängerländern mehr Probleme auf als es löst. Das renommierte Deutsche Institut für Ärztliche Mission (DIFÄM) hat das Arzneimittel-Recycling daher 1996 komplett abgeschafft.

 

Kommunikation ist ein Muss

 

Welche Fehler passieren heute häufig? »Ein großes Problem ist die mangelhafte Kommunikation zwischen Spender und Empfänger«, sagt Albert Petersen, der seit Langem die Arzneimittelhilfe beim DIFÄM leitet, im Gespräch mit der PZ. Oft fragten die Spender aber nicht beim Empfänger nach, welche Arzneimittel er in welchen Mengen benötigt oder ob beispielsweise eine Lagerhaltung möglich ist. So kommt es, dass nicht benötigte Medikamente verschickt werden oder die Mengen nicht dem Bedarf entsprechen. Ebenso ungeeignet sind deutsch beschriftete Fertigarzneimittel, die der Empfänger nicht lesen kann. Völlig inakzeptabel sind verfallene oder angebrochene Medikamentenpackungen.

 

»Durch nicht abgestimmte Medikamentenspenden kann es in einem Land gleichzeitig zu Überfluss und Mangel kommen«, berichtet Petersen aus jüngsten Erfahrungen in Haiti. Das Problem liegt tief: »Kommunikation hängt mit dem Respekt vor dem Empfänger als Partner zusammen.«

 

Die WHO veröffentlichte bereits 1977 eine Liste der unentbehrlichen Medikamente (»Essential Medicines«). Bei der Auswahl der damals 208 Wirkstoffe spielten Wirksamkeit, Nebenwirkungen, weltweite Verfügbarkeit und Bekanntheit sowie der Preis eine Rolle. Die Kernthese: Wenige, aber sorgfältig ausgewählte Arzneistoffe verbessern die Gesundheitsversorgung, vereinfachen den Umgang mit Arzneimitteln und reduzieren die Preise.

 

Diese Liste wird regelmäßig aktualisiert und erweitert, zum Beispiel um antiretrovirale Arzneistoffe. Derzeit liegt die 16. Ausgabe der »WHO Model List of Essential Medicines« vom März 2010 für Erwachsene und die 2. Ausgabe der Liste für Kinderarzneimittel vor (www.who.int/medicines/publications/essentialmedicines/en/index.html). Bezüglich der pharmazeutischen Qualität beruft sich die WHO auf die International Pharmacopoeia (www.who.int/medicines/publications/pharmacopoeia/en/index.html). Die Liste, aktuell mit 350 Arzneistoffen, bildet die Grundlage für nationale Arzneimittellisten, die bereits mehr als 150 Länder entwickelt haben. Außerdem dient die WHO-Liste als Standard für alle Hilfsorganisationen, die Arzneimittelspenden in Entwicklungsländer organisieren.

 

Für diese gelten zudem die Leitlinien für Arzneimittelspenden, die 1996/97 unter maßgeblicher Beteiligung der DIFÄM-Arzneimittelhilfe entwickelt und von der WHO in die »Guidelines for Drug Donations« eingebracht wurden (siehe Kasten). Seitdem gibt es keine Neuauflage. Hat sich die Spendenpraxis insgesamt so verbessert, dass die Guidelines nicht mehr notwendig sind? Nein, sagt Petersen, der Bedarf sei weiterhin gegeben. Große Organisationen hätten die Regeln verinnerlicht. Doch gerade in Katastrophenfällen zeigten häufige Nachfragen, dass kleine oder private Hilfsorganisationen die Spendenregeln nicht kennen.

Leitlinien für Arzneimittelspenden

Auswahl der Arzneimittel

Arzneimittel nur aufgrund eines ausdrücklich festgelegten Bedarfs und nur nach vorheriger Zustimmung des Empfängers spenden.

Alle Arzneimittel müssen in der nationalen Arzneimittelliste des Empfängerlandes oder in der WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente aufgeführt sein.

Darreichungsform und Stärke sollen den Gepflogenheiten im Empfängerland entsprechen.

Qualität und Haltbarkeit

Nur Arzneimittel aus zuverlässiger Quelle, die den Qualitätsanforderungen des Spender- und des Empfängerlandes entsprechen.

Keine Arzneimittel aus Haushalten oder Ärztemuster.

Laufzeit mindestens ein Jahr nach Eintreffen im Empfängerland. Ausnahmen nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Empfängers.

Verpackung

Die Beschriftung der Arzneimittel muss im Empfängerland verstanden werden.

Generische Wirkstoffbezeichnung

Möglichst Großpackungen

Detaillierte Packliste

Abwicklung

Der Empfänger muss über alle Spenden rechtzeitig unterrichtet werden.

Die Wertangabe sollte auf dem internationalen Großhandelspreis basieren.

Sämtliche Transportkosten bis zum Empfängerland sowie die Einfuhrgebühren sollten vom Spender übernommen werden.

 

Derzeit arbeite die WHO an einer Neuauflage der Guidelines, berichtet der DIFÄM-Experte. Inhalt und Ausrichtung seien gleich geblieben. »Die zwölf Kernthesen haben sich nicht geändert, aber die Begleittexte werden verständlicher abgefasst.« Auf dieser Basis will DIFÄM dann Flyer erstellen, die Fachkreise und Laien über die gute Spendenpraxis informieren.

 

Nationale Strukturen stärken

 

Die Arzneimittelhilfe hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Neben der Lieferung von bedarfsgerecht zusammengestellten, mit dem Empfänger abgestimmten Sendungen mit Großpackungen finanzieren einige Organisationen den Kauf der nötigen Arzneimittel im Land selbst. Petersen unterstützt das. »Häufig können Krankenhäuser oder Institutionen ihre Arzneimittel selbst beschaffen, wenn sie das Geld dafür haben.« Geld für den Arzneimittelkauf zu spenden sei oft sinnvoller, als hohe Transportkosten zu bezahlen.

Doch wie steht es mit der Qualität der heimischen Medikamente? »In Ostafrika, beispielsweise in Tansania und Kenia, hat sich die Lage deutlich verbessert; hier gibt es potente Firmen, die nach europäischen Qualitätsnormen produzieren. Aber das kann man nicht verallgemeinern für alle Entwicklungsländer.« Auf dem Privatmarkt seien Arzneimittel­fälschungen nach wie vor ein riesiges Problem.

 

Zudem rückt die pharmazeutische Entwicklungszusammenarbeit immer stärker in den Fokus. Kurz gesagt, bedeutet dies die Stärkung pharma­zeutischer Strukturen und Dienst­leistungen. Petersen: »Es geht nicht nur um die Verfügbarkeit von Arznei­mitteln, sondern auch um Logistik und Warenströme, um Personal und Ausbildung, Qualitäts­sicherung, Information, Supervision und pharmazeutische Beratung von Krankenpflegern und Ärzten sowie um die Patientenbetreuung. All dies kann nur Fachpersonal in einem guten Gesundheitssystem leisten. Unser Ziel ist daher, die Gesundheitssysteme und die dafür verantwortlichen Institutionen zu stärken.«

 

Letztlich soll das Land die Gesundheitsversorgung seiner Bürger selbst organisieren können. Stehen Arzneimittel in guter Qualität zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung und gibt es genügend Apotheker und qualifizierte Fachkräfte, kann die medizinische Versorgung dauerhaft aus eigener Kraft gesichert werden. Damit Mütter und ihre kranken Kinder nicht mehr vergebens vor einem Dispensaire warten müssen. / 

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