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Arzneimittelfälschungen

Hilfe für Apotheken in Afrika

15.06.2010
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Von Uta Grossmann / Zum ersten Mal spielen die besten Fußballer der Welt auf dem afrikanischen Kontinent um den Weltmeistertitel. Eine große Chance für Afrika, einmal positive Schlagzeilen zu machen. Denn wenn Europäer an Afrika denken, geht es meistens um die massiven Probleme des Kontinents: um Armut, Aids – und Arzneimittelfälschungen.

Gefälschte Arzneimittel sind ein Riesenproblem in Afrika. Besonders schlimm trifft es die afrikanischen Staaten südlich der Sahara. In Nigeria sollen bis zu 60 Prozent der Medikamente den falschen, gar keinen oder die falsche Menge Wirkstoff enthalten. Die Fälscher nehmen skrupellos in Kauf, Gesundheit und Leben der Verbraucher zu gefährden.

 

Mobiles Minilabor

 

Die öffentlichen Gesundheitsdienste sind gerade auf dem flachen Land oft in desolatem Zustand, Krankenversicherungssysteme existieren nicht. Labore, in denen Arzneimittel auf ihren tatsächlichen Wirkstoffgehalt geprüft werden können, sind meist nicht vorhanden oder weit weg. Es kann Wochen oder Monate dauern, bis eine dorthin geschickte Probe analysiert und das Ergebnis mitgeteilt wird.

Um unter den Bedingungen eines Entwicklungslandes an Ort und Stelle gefälschte Arzneimittel erkennen zu können, haben forschende Arzneimittelhersteller aus Deutschland unter dem Dach des German Pharma Health Funds zwischen 1996 und 1998 das GPHF-Minilab entwickelt, ein Kom­paktlabor, das in zwei Kof­fern Platz findet.

 

2007 löste der vom Darm­städter Pharmaunternehmen Merck unterstützte Global Pharma Health Fund (GPHF) die unternehmens­übergreifende Initiative ab und führt seitdem das Mini­lab-Projekt im gemein­nützi­gen Interesse erfolg­reich weiter.

 

Heute sind über 350 Minilabs in mehr als 70 Ländern im Einsatz, allein 184 davon in Afrika – die meisten in Tansania, Nigeria und Ghana. Die mobilen Laboreinheiten kosten 4000 Euro. Die Materialkosten pro Testlauf betragen zwei Euro, eine Minilab-Ausrüstung reicht für 1000 Analysen, über 50 Wirkstoffe können getestet werden: von Antibiotika über Malariamittel bis hin zu Virustatika und Antituberkulotika. Mit einfachen physikalischen und chemischen Analysetechniken werden die Arzneimittel auf Echtheit und Gehalt überprüft.

 

Technik wird laufend aktualisiert

 

Die Lebensdauer eines solchen Kompaktlabors schätzt Dr. Richard Jähnke auf fünf Jahre. Der Pharmazeut leitet das GPHF-Projektbüro in Frankfurt. Er entwickelt die Technik ständig weiter, zum Beispiel waren die Minilabs zu Zeiten der Schweinegrippe für Fälschungen entsprechender Gegenmittel gerüstet.

 

Die Minilabs werden meist im Rahmen von Gesundheitsprogrammen der institutionellen Entwicklungshilfe eingesetzt. Geldgeber sind große Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO oder Management Sciences for Health aus den USA. Weitere Unterstützung kommt von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), von kirchlichen Einrichtungen wie dem Missionsärztlichen Institut in Würzburg, vom deutschen Medikamentenhilfswerk action medeor oder den Ärzten für die Dritte Welt.

 

Diözesan- und Krankenhausapotheken in Ghana, Kamerun und Nigeria nutzen die Minilabs, um gefälschte Medikamente zu entdecken. Mit Unterstützung der Bill and Melinda Gates Foundation und der London School of Hygiene and Tropical Medicine helfen Minilabs bei der Malariabekämpfung in Tansania.

Auch im westafrikanischen Gambia setzt die staatliche Arzneimittelversorgung im Verbund mit externen Geldgebern wie der Gambia Health Alliance GPHF-Minilabs zur landesweiten Arzneimittelüberwachung ein. Gambia ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es gibt nur noch wenige Apotheker im Land, schreibt Jähnke in einem Aufsatz. Sie arbeiten in gerade mal fünf Vollapotheken, im staatlichen Medizinaldepot, in der einzigen Krankenhausapotheke im Royal Victoria Hospital in der Hauptstadt Banjul und bei fünf Großhändlern. Außerdem gibt es fünfzig »Halbapotheken«, in denen Krankenschwestern arbeiten. Der komplette Pharmahandel im Privatmarkt wird durch ausländische Investorenfamilien kontrolliert, so Jähnke – »mit allen bekannten Nachteilen für die Qualität«.

 

In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara werden nach Jähnkes Einschätzung Malariamittel nach wie vor am häufigsten gefälscht. Apotheker ohne Grenzen berichtet auf seiner Homepage, in Tansania seien im Straßenhandel Schmerzmittel als Malariamedikamente umetikettiert und teuer verkauft worden. Mit geringem Aufwand erzielen die Fälscher hohe Gewinne. Ohne Krankenversicherung und Geld kaufen die Menschen Medikamente dort, wo sie billig sind, häufig auf Straßenmärkten, die mit gefährlichen Imitaten durchsetzt sind. Selbst Versuche, den Fälschungsmarkt durch die Abgabe kostenloser Malariamittel auszutrocknen, verfehlen ihr Ziel, wenn die entsprechenden Ausgabestellen der lokalen Gesundheitsdienste personell nicht besetzt sind und im privaten Gesundheitsmarkt aus kommerziellen Erwägungen Gratisarzneimittel ungern verteilt werden.

 

»Das Minilab hilft akut, ist aber nicht die alleinige Lösung«, sagt GPHF-Projektleiter Jähnke. Er weiß, dass langfristig nur funktionierende Krankenversicherungssysteme und eine effektive staatliche Überwachung von der Herstellung über den Vertrieb bis hin zur Apotheke, kurzum eine »Good Medicines Governance«, den Sumpf der Arzneimittelfälschungen in Afrika trockenlegen können. /

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