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Digitalisierung in Deutschland

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

08.06.2016
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Von Jennifer Evans, Berlin / Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem hat sehr lange tief geschlafen – darin waren sich die Experten der politischen Diskussionsrunde beim Kongress des Bundesverbands deutscher Versandapotheken (BVDVA) in ­Berlin einig. Die Gründe sind weitgehend bekannt. Doch so langsam scheint sich etwas zu bewegen.

»Wenn ich mir die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte anschaue, ist das ein Armutszeugnis für ein Industrieland wie Deutschland mit einem so hochentwickelten Gesundheitswesen«, sagte die Grünen-Gesundheitspolitikerin und Sprecherin für Prävention und Gesundheitswirtschaft, Kordula Schulz-Asche.

 

Schuld teilt sich auf

 

Bereits 2004 hatte der Gesetzgeber die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beschlossen. Aber der Stillstand sei nicht allein Schuld der Politik, betonte Schulz-Asche. Auch die verschiedenen Interessengruppen hemmten die digitale Entwicklung. Zudem hält Schulz-Asche es für »wirklich lächerlich«, dass die Apotheker laut gerade beschlossener Vereinbarung zum bundeseinheitlichen Medikationsplan bloß wieder »per Hand« die abgegebenen OTC-Arzneimittel ergänzen sollen. Das sei weder im Sinne der Digitalisierung der Patienteninformation, noch ideal im Hinblick auf eine optimale Medika­menteneinstellung.

 

Das politische Kernproblem, aufgrund dessen das digitale Gesundheitssystem in Deutschland noch in den Kindeschuhen steckt, ist laut Dirk Heidenblut (SPD), Gesundheitspolitiker und Berichterstatter für E-Health und die elektronische Gesundheitskarte, einfach: Der Ausbau der telematischen Infrastruktur sei ausschließlich den Krankenkassen zur Finanzierung überlassen worden. »Damit wird die Umsetzung automatisch Teil der Selbstverwaltungsstruktur.« Und die daraus entstehenden Interessenkonflikte wie etwa zwischen Ärzten und Kassen machten es gerade bei geschwindigkeitsorientierten Technikthemen schwer.

 

»Die Politik hängt solch schnellen Entwicklungszyklen stets hinterher«, so Heidenblut. Doch man müsse der Selbstverwaltung weiterhin Druck machen und darüber hinaus parallel zur Telematik andere Projekte auf den Weg bringen. »Das E-Health-Gesetz ist noch lange nicht der Endpunkt«, sagte der SPD-Politiker. Im Gegenteil: Die Experten erwarten zeitnah weitere Gesetze, die die digitale Entwicklung beschleunigen. Schulz-Asche: »Es kann nicht sein, dass Partikularinteressen die globale Entwicklung behindern.«

 

Ängste nehmen

 

Schulz-Asche ist es wichtig, den Versicherten durch Aufklärung die Angst vor Missbrauch sensibler Gesundheitsdaten zu nehmen. Schließlich behalte der Patient weiterhin die Entscheidungshoheit darüber.

 

Maik Beermann (CDU), Mitglied des Ausschusses Digitale Agenda und Berichterstatter für E-Health, glaubt nicht, dass die Versicherten die größte Angst vor der Digitalisierung haben, sondern die Akteure der Selbstverwaltung. Seine Erlebnisse etwa in Seniorenzentren hätten gezeigt, dass elektronische Lösungen bei jeder Altersklasse begrüßt würden. Daher ist er überzeugt: »Rückt man den Patientennutzen der digitalen Medizin deutlich in den Vordergrund und stellt deren Mehrwert heraus, ist sie ein Selbstläufer.« Voraussetzung für das Gelingen aber bleibe, die Datenabfrage für den Endanwender einfach zu gestalten – wie es etwa die kurzen Abfragecodes beim Online-Banking vormachten. Beermann: »Schafft Deutschland diese Umsetzung nicht bald selbst, übernehmen es die Googles und Apples dieser Welt.«

 

Ein weiterer Meilenstein für die Digitalisierung im Gesundheitssystem kann Beermann zufolge der gerade im Bundestag diskutierte Entwurf eines sogenannten DigiNetz-Gesetzes sein. Ziel dessen ist es, den Ausbau digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze mittels Glasfaserkabeln zu erleichtern. Und jeden Haushalt mit einem Internet-Breitbandzugang von mindestens 50 Megabit pro Sekunde auszustatten, bestenfalls bis zum Jahr 2020. Beermann: »Wir brauchen schnelle und gute Netze. Ich denke sogar bis hin zum 5G-Mobilfunknetz.« Ein solches Netz verkürzt die Zeitverzögerung zwischen zwei Signalen und gewährleistet eine Übertragung praktisch in Echtzeit. Dies würde Heidenblut auch für das Gesundheitswesen begrüßen: »Beispielsweise bei Röntgendaten ist ein schneller Datenaustausch zentral.« /

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