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Europa

Immer mehr Arzneimittelfälschungen

01.06.2007
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Europa

Immer mehr Arzneimittelfälschungen

Von Patrick Hollstein

 

Arzneimittelfälschungen sind nicht nur in Entwicklungsländern ein zunehmendes Problem. Experten warnen auch für die EU-Länder vor einem dramatischen Anstieg. Die aktuelle Zollstatistik der EU-Kommission unterlegt die düsteren Prognosen mit alarmierendem Zahlenmaterial.

 

Mehr als 250 Millionen gefälschte Produkte sind dem Bericht zufolge im vergangenen Jahr an den EU-Grenzen beschlagnahmt worden. Dies entspricht einem Zuwachs von 330 Prozent. Zwar handelt es in zwei Drittel der Fälle um gefälschte Markenzigaretten. Den größten Zuwachs beobachteten die Grenzwächter jedoch bei Arzneimitteln. 2,5 Millionen gefälschte Produkteinheiten wurden 2006 sichergestellt; 2005 waren es noch 500.000 Einheiten gewesen.

 

Hauptursprungsländer für Arzneimittelfälschungen sind Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate und China. Zusammen bringen es die Arzneimittelfälscher dieser Länder auf 80 Prozent der an den EU-Grenzen beschlagnahmten Ware. Mittlerweile sind nicht mehr nur die sogenannten Lifestylemedikamente wie Potenzmittel betroffen: Auch Cholesterin-Senker, Osteoporose-Mittel und sogar gefälschtes Aspirin wurden beschlagnahmt. Der für Steuern und Zölle verantwortliche EU-Kommissar Laszlo Kovacs warnte dann auch vor »einer anhaltenden Bedrohung für die Gesundheit und Sicherheit unserer Bürger«.

 

Obwohl die Statistik auch durch die häufigeren Untersuchungen des Zolls beeinflusst wird (2006 steigerten die Behörden ihre Aktivitäten um 40 Prozent), illustrieren die Zahlen stellvertretend für die hohe Dunkelziffer das Ausmaß des Problems. Bereits vor einigen Wochen hatten Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor einem dramatischen Anstieg gefälschter Arzneimittel gewarnt.

 

In vielen Entwicklungsländern ist WHO-Angaben zufolge bereits jedes zweite Medikament gefälscht. Doch auch in den Industrienationen gelangen immer öfter Plagiate in Umlauf: Weltweit wurden der US-Zulassungsbehörde FDA zufolge im vergangenen Jahr gefälschte Arzneimittel mit einem Volumen von 35 Milliarden US-Dollar gehandelt. Bis 2010 rechnen die US-Experten mit einer erneuten Verdopplung.

 

Basierend auf einer Studie des von der Bundesregierung finanzierten BfArM schätzt dessen früherer Leiter Professor Dr. Harald Schweim, dass auch in Deutschland bereits 10 Prozent der Internet-Medikamente Fälschungen sind. Deutschland gilt bei Fälschern als attraktives Zielland: Mehr als die Hälfte aller im EU-Bericht registrierten Fälschungen wurden von den deutschen Behörden sichergestellt.

 

Internet und Reimporte

 

Während die Behörden dezidiert vor der Arzneimittelbestellung im Internet warnen, machen Pharmakonzerne wie Pfizer vor allem das Reimportgeschäft für die Zunahme der Fälschungen in der regulären Lieferkette verantwortlich. Die jüngsten Entwicklungen in Großbritannien scheinen den Herstellern zumindest teilweise recht zu geben: In den vergangenen Wochen hatte die britische Arzneimittelaufsicht mehrfach vor Arzneimittelfälschungen gewarnt, die bereits in den regulären Vertrieb über Großhandel und Apotheken gelangt waren: Ende Mai waren Plagiate des von AstraZeneca hergestellten Prostatamittels Casodex aufgetaucht; wenige Tage zuvor hatte die Behörde gefälschte Chargen des Antidepressivums Zyprexa (Eli Lilly) sowie des Thrombozytenaggregationshemmers Plavix (Pfizer; seit März im Exklusivvertrieb über UniChem) entdeckt. In allen Fällen enthielten die Produkte Laboruntersuchungen zufolge zwischen 60 und 75 Prozent des jeweiligen Wirkstoffs; die Fälschungen waren offensichtlich als Parallelimporte aus Frankreich nach Großbritannien gelangt. Ein Verdächtiger wurde in Untersuchungshaft überstellt.

 

Die Aufsichtsbehörde musste in der Vergangenheit bereits mehrfach hart durchgreifen: Seit Dezember sind mehrere Personen zu Geld- oder Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie mit nicht zugelassenen oder gefälschten Arzneimitteln Geschäfte gemacht hatten. Die Produktpiraten beschränken sich nicht nur auf Lifestyleprodukte oder hochpreisige Arzneimittel: In den vergangenen Monaten waren in Großbritannien wiederholt gefälschte Kondome aus dem Verkehr gezogen worden.

Kommentar: Das Risiko tragen die Patienten

Seit Monaten überschlagen sich Meldungen von gefälschten Arzneimitteln. Die meisten Probleme sind fernab deutscher Arztpraxen und Apotheken. Denn ein hoch entwickeltes und kontrolliertes Liefersystem zeigt, wie man es besser macht. Überall dort, wo Kontrolle fehlt, das Wohl einzelner Player über das der Patienten gestellt wird, wird es nicht besser, sondern schlechter. In Großbritannien werden Apothekenketten betrieben, zertrümmern Pharmakonzerne gezielt eine bestehende Lieferstruktur. Fälschungen werden anscheinend Tor und Tür geöffnet - entgegen anderslautender Behauptungen. Wenn Konzerne wie Celesio/Gehe/DocMorris die selbstständige Apotheke abschaffen wollen, sollten sie beweisen, dass es später besser läuft. Ansonsten trägt der Patient das Risiko. Die EU-Kommission tut gut daran, sich nicht nur auf den Wettbewerb, sondern auch um die Versorgung ihrer Bürger zu kümmern. Deutschlands Arzneisystem ist ein Beispiel, wie man es besser machen kann. Nicht umgekehrt.

 

Thomas Bellartz

Leiter der Hauptstadtredaktion

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