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Tierklinik

Bello im OP

20.05.2015
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Von Ulrike Abel-Wanek, Hofheim / Wenn Menschen ernsthaft erkranken, kommen sie ins Krankenhaus. Nicht anders ist das bei Tieren. Deutschlandweit kümmern sich Tier-Chirurgen, Neurologen oder Onkologen in speziellen Kliniken um das Wohl und Wehe von Waldi und Co. Die PZ besuchte die Kleintierklinik in Hofheim.

Balu liegt noch leicht benommen auf einer großen weichen Decke am Boden. Der 10-jährige Eurasier-Rüde hatte einen Spindelzelltumor am Oberschenkel, der kürzlich operativ entfernt wurde. Für die nächsten vier Wochen wird sich der große Hund mit dem Aussehen eines Polarhundes täglich einer Strahlentherapie unterziehen. Weil man dabei ganz ruhig liegen muss, erhält er jedes Mal eine kurze Narkose.

»Ein wichtiges Entscheidungs-Kriterium für die Behandlung war die Tumorart«, sagen die Besitzer von Balu. Das Rentner-Ehepaar aus einer kleinen Stadt in Franken ist im gemieteten Wohnmobil in den Taunus gereist. Unweit der Klinik werden sie hier nun für die Zeit der Behandlung leben. Tag für Tag bringen sie ihren Hund zur Strahlentherapie und holen ihn danach wieder ab. Die Prognose ist gut. Die diagnostizierte Tumorart bildet nur selten Metastasen, die betroffene Stelle am Oberschenkel ist weit weg von Organen und mit Bestrahlung gut erreichbar. 

Die Behandlung ist strapaziös – für Hund und Herrchen. Am Ende aber steht die Aussicht, dass der Patient als geheilt nach Hause entlassen werden kann. »Wir haben eine Maxime hier im Haus«, sagt die Tierärztin Dr. Katharina Kessler. »Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität. Wenn Lebensqualität beim Tier nicht verbessert oder wieder hergestellt werden kann, macht eine aufwendige Behandlung für den betroffenen Patienten keinen Sinn.« Aber schon ein gewonnenes Jahr sei in Relation zu einem Hunde- oder Katzenleben viel Zeit.

Der tierklinische Markt ist gewachsen. Grund ist auch der gesellschaftlich veränderte Stellenwert des Tieres. In immerhin einem Drittel aller deutschen Haushalte leben haarige, gefiederte oder geschuppte Hausgenossen. Und ihre Besitzer tun heute viel dafür, dass es ihnen gut geht. Statt im Krankheitsfall zu sagen: Wir schaffen uns »etwas Neues« an, gehen Herrchen und Frauchen immer häufiger den Weg der klinischen Diagnostik. Dafür stehen in Hofheim ein Spezialistenteam aus Tierärzten fast aller Fachrichtungen, hochmoderne Medizintechnik einschließlich bildgebender Verfahren wie Ultraschall, Röntgen, CT und MRT zur Verfügung.

Rund 120 bis 150 ambulante Patienten kommen täglich hierher, ständig sind außerdem 20 bis 40 Tiere auf Station. Sie sind so krank, dass sie mehrere Tage oder sogar Wochen bleiben müssen: der gelähmte Dackel nach einer Bandscheibenoperation, die nierenkranke Katze mit Harnkatheter und auch ansteckende Patienten mit Viruserkrankungen in speziellen Isolierställen. Und auch der vom Schäferhund gepackte und durchgeschüttelte kleine Chihuahua mit offenem Thorax, der wieder zusammengenäht werden musste.

 

Station, Labor und Blutbank

 

Etwa die Hälfte der Tiere auf Station sind internistische Fälle. Darunter Bauchspeicheldrüsen- oder Anämie-Patienten oder Vierbeiner wie der schwarze Labrador mit chronischem Erbrechen und Durchfall, der seit zehn Tagen nichts mehr gefressen hat. Geben hier Gastroskopie und Koloskopie keinen direkten Hinweis auf die Ursachen der Beschwerden, kann die Diagnosestellung auch mal länger dauern. »Was wir hier machen, ist größere Diagnostik und Therapie«, sagt Kessler, »keine Basisversorgung.« Das Impfen oder Entwurmen zum Beispiel übernehmen in der Regel die niedergelassenen Kollegen. Im hauseigenen Labor können Blut- oder Urinproben direkt untersucht werden, denn viele Tiere sind so krank, dass man nicht tagelang auf Laborergebnisse warten kann. Auch Zellbild- und Hirnwasserdiagnostik gehören zu den Aufgaben der Mitarbeiter. Dass der gerade aufgenommene Terrier mit rupturierter Milz auf Station die dringend erforderliche Blut-Transfusion sofort bekommen kann, garantiert eine hauseigene Blutbank.

 

Die Patienten kommen an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr. 122 000 sind es bis heute seit der Klinik-Gründung im Jahr 1997. Viele Tiere müssen öfter als einmal kommen während einer Therapie, so wie Balu. Zwei Drittel von ihnen werden von niedergelassenen Haustierärzten überwiesen, ein Drittel kommt aus freien Stücken. 67 Prozent sind Hunde, gefolgt von Katzen mit 25 Prozent. Rund 8 Prozent sind kleine Heimtiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Exoten oder Vögel. Immer wieder kommen auch verletzt aufgefundene Wild- und Greifvögel in die Tierklinik. Die für die Umwelt wertvollen Tiere werden hier medizinisch versorgt, aber zum weiteren Aufpäppeln in spezielle Greifvogelstationen gebracht. Auch angefahrene Kaninchen oder Eichhörnchen dürfen hier auf Erste Hilfe hoffen. Anschließend ist aber auch der Finder in der Pflicht, sich um den weiteren Verbleib der Tiere zu kümmern.

 

Die französische Bulldogge Bertie liegt in Narkose auf dem OP-Tisch, wo ihr die auf HNO spezialisierte Tierärztin Marie-Cécile von Doernberg vorsichtig feine Schläuche durch die Nase führt, um ihre Atemwege zu untersuchen. Diag­nose: Brachyzephales Atemnot-Syndrom (BAS). Die sogenannten brachyzephalen oder kurzköpfigen Hunderassen wie Bulldogge und Mops haben durch Überzüchtung oft massive Atemprobleme. Sehr viele von den schwer schnaufenden Patienten kommen hierher, weiß Kessler. Um wieder ein normales Hundeleben führen zu können, werden unter anderem die Nasengänge operativ erweitert und die Gaumensegel gekürzt. Das schafft mehr Raum im Atmungstrakt.

 

CT und MRT unverzichtbar

 

Kein Wochenende, an dem nicht auch zwei bis drei Katzen mit Schnappatmung in die Ambulanz der Tierklinik gebracht werden. Häufig stecke eine Herz-Muskel-Erkrankung dahinter, weiß Kessler – eine der häufigsten Todesursachen bei Miezen. Auch Hunde haben es oft am Herzen und leiden zum Beispiel unter Klappenerkrankungen. Bis auf Herzinfarkt oder Schlaganfall gibt es bei den Vierbeinern eigentlich fast alle Krankheiten wie beim Menschen auch: zum Beispiel Krebs als typische Alterserkrankung. 

Denn auch Tiere werden heute älter. Manche Herrchen oder Frauchen reisen aus Frankreich, Luxemburg oder sogar Israel an, damit sich ihre Lieblinge in Hofheim einer Krebsbehandlung unterziehen können. Die hoch spezialisierten Onkologen und Chirurgen können viele Tumorarten durch Operationen entfernen, wenn nötig, folgen Chemotherapie und Bestrahlung. Wie in der Humanmedizin geht es auch bei den Veterinären heute nicht mehr ohne Radiologie und bildgebende Diagnostik. CT und MRT sind unter anderem unverzichtbar bei der Suche nach Tumoren und Metastasen, für den Blick ins Gehirn zum Beispiel bei Epilepsie oder auch bei der Suche nach Kreuzbandrissen und Verletzungen des Kniegelenks. Da Hightech-Medizin aber nicht nur effektiv ist, sondern auch viel Geld kostet, das in der Regel von Herrchen und Frauchen aus eigener Tasche gezahlt werden muss, bieten einige Versicherungsunternehmen bereits Krankenversicherungen für Tiere an. Speziell Policen für die Übernahme von Operations-Kosten sind gefragt. »Wir arbeiten außerdem mit einer tierärztlichen Verrechnungsstelle zusammen, die Ratenzahlung möglich macht«, ergänzt Kessler. Es ist jedoch nicht nur Hightech, die die gesundheitlich angeschlagenen Vierbeiner zurück auf ihre Pfoten bringt. Muskeln, Nerven, Knochen und Gelenke der verletzten und frisch operierten Tiere kommen auch mithilfe von Reha-Maßnahmen wie Elektrostimulation oder Stoßwellentherapie wieder ins Lot. Auf dem Unterwasser-Laufband wird sogar die verunfallte Katze mit vier Frakturen wieder fit – wenn nötig auch mit Schwimmweste.

 

Machten es ernsthafte Erkrankungen der Tiere notwendig, den einen oder anderen Schritt über die medizinische Basisversorgung hinauszugehen, so müsse das Ganze aber dennoch Vernunft haben, betont Kessler. »Will ein Besitzer mit einem 12-jährigen tumorkranken Hund, der mit aufwendiger Therapie noch ein halbes Jahr gut leben kann, diese Behandlung nicht mehr, haben wir Verständnis.« Stürzt aber eine kleine Katze vom ungesicherten Balkon, bricht sich den Oberschenkel und soll deshalb eingeschläfert werden, stellen sich die Veterinäre quer. »Wenn wir Lebensqualität wieder herstellen beziehungsweise das Tier heilen können, schläfern wir es nicht ein«, so die Tierärztin. Und wenn die Besitzer das trotzdem wollen? »In der Regel findet sich im gemeinsamen Gespräch eine Lösung«, weiß Kessler aus Erfahrung. Grundsätzlich bedeute das Zusammenleben mit einem tierischen Mitbewohner, Verantwortung zu übernehmen. Und jedem, der sich ein Tier zulege, solle auch bewusst sein, dass dieses Tier krank werden könne. /

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