Pharmazeutische Zeitung online

Fremdsprachige Patienten: Beraten ohne viele Worte

17.08.2018  16:16 Uhr

Informationen in Büchern und Broschüren

Das Buch Linguapharm stellt die wichtigsten Begriffe für die Beratung in der Apotheke in sechs Sprachen (Deutsch, Arabisch, Persisch, Russisch Türkisch, Englisch) übersichtlich in Tabellenform dar. Hierbei stehen die fremdsprachigen Begriffe auf dem Kopf, sodass das Buch auf dem HV-Tisch liegen kann und sowohl der Apotheker als auch der Patient die Sätze und Begriffe in ihrer Sprache lesen können, ohne das Buch bewegen zu müssen. Eine Kommunikation von ­Angesicht zu Angesicht ist weiterhin möglich. So kann der Apotheker das Beratungsgespräch beginnen, indem er in der Spalte »Wo haben Sie Beschwerden?« auf die betreffende Sprache deutet. Der Patient deutet in seiner Sprache beispielsweise auf das Herz und der Apotheker kann in der deutschen Spalte den Begriff problemlos finden (12). Die Apotheker­kammer Westfalen-Lippe stellt eine Broschüre »Ihre Medikation« zur Verfügung. Diese enthält ausgewählte Piktogramme der FIP mit Beschreibungen in Englisch. Allgemeine Informa­tionen und die Erklärung der Kategorie (Einnahmezeitpunkt, Darreichungsform/Dosierung, Neben- und Wechselwirkungen beachten) sind auch in Deutsch, Englisch, Albanisch, Arabisch, Türkisch und Russisch abgedruckt (13).

 

Ein weiteres Printmedium ist die vom Deutschen Apotheker Verlag und dem Govi-Verlag herausgegebene »Beratungshilfe mehrsprachig«. Sie enthält 50 doppelseitige DIN-A4-Bögen mit Informationen in Deutsch, Englisch, Arabisch, Persisch und Kurdisch. Das Apothekenteam kann die zutreffenden Informationen für das Medikament (vier Medikamente passen auf einen Bogen) ankreuzen und dem Pa­tienten mitgeben. Dieser kann dann in seiner Muttersprache die Hinweise nachvollziehen (14).

Angebote der ­Berufsorganisationen

 

Möchte man sich auf den Internetseiten der beiden großen Fachzeitschriften für Apotheker, PZ und DAZ, über die Beratung von Flüchtlingen informieren, so steht eine moderate Menge an Artikeln zur Verfügung. Diese informieren sowohl über Angebote einschlägiger Organisationen (BMG) als auch über eher unkonventionelle Angebote kleiner Initiativen, zum Beispiel das Refugee Phrasebook, ein von Flüchtlingen selbst geschriebenes Wörterbuch. Es wird außerdem hingewiesen auf Wörterbücher, mehrsprachige Beratungsvideos, Übersetzungshilfen des Robert-Koch-Instituts sowie ein Verzeichnis von Muttersprachlern, die bei der Lösung von Problemen helfen können (4-11). Auch die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. bietet eine Fülle von Informationen.

 

Die Pharmazeutische Zeitung hat 2015 einen zweiseitigen Fragebogen in deutscher und arabischer sowie persischer Sprache erstellt, mit dem die wichtigsten Informationen zur Einnahme und richtigen Dosierung eines Arzneimittels vermittelt werden können. Durch Ankreuzen der entsprechenden Felder kann das Apothekenteam dem Patienten zum Beispiel ­erklären, wie oft am Tag und zu ­welcher Uhrzeit er das Medikament einnehmen soll und ob dies nüchtern oder zum Essen geschehen sollte (Download unter www.pharmazeuti sche-zeitung.de/index.php?id=60396).

 

Ernüchternd ist das Angebot der Landesapothekerkammern – wenn man nur Fundstellen berücksichtigt, die sich mit der Beratung, nicht aber mit der Abrechnung der Leistungen oder der Anerkennung von Abschlüssen ausländischer Apotheker beschäftigen. Die Kammern der Bundesländer Bayern, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen bieten keine frei zugänglichen Informationen an und verweisen auch nicht darauf, ob Informationen für Mitglieder verfügbar sind (Stand der Recherche: März 2017). Die Apothe­kerkammer Niedersachsen weist auf den passwortgeschützten Mitgliederbereich hin.

 

Nur acht Kammern geben ihren Mitgliedern Informationen zum Thema multilinguale Beratung. Davon verweisen vier jedoch auf nur eine bis zwei Quellen.

 

FIP-Programm PictoRx

Vielfach empfohlen wird das Programm PictoRx, das die International Pharmaceutical Federation (FIP) kostenlos zur Verfügung stellt. Die Software ermöglicht es dem pharmazeutischen Personal, dem fremdsprachigen Patienten die wichtigsten Informationen in Wort und Bild, das heißt in Form eines Piktogramms, mit kurzer Erklärung in der jeweiligen Fremd­sprache mitzugeben.

 

Nach einmaligem Download benötigt das Programm keinen weiteren Internetzugang und kann überall bedient werden. Die Benutzer, zum Beispiel Apotheker und PTA, können nach Auswahl der eigenen Sprache für jeden Patienten einen eigenen Account zum Schutz der sensiblen Patientendaten anlegen. Dazu wählt man zunächst die Sprache und den kulturellen Hintergrund des Patienten aus, an den die Piktogramme angepasst werden. Anschließend kann ein neues ­Medikament angelegt werden. Hierzu wird das passende Piktogramm in den Kategorien Indikation, Dosis/Applikationsweg, Häufigkeit, Vorsichtsmaßnahmen und Nebenwirkungen ausgewählt. Pro Kategorie können maximal vier Bilder eingefügt werden.

 

Zum Schluss kann der Nutzer aus den erstellten Informationen eine PDF-Datei, einen Ablaufplan, eine Packungsbeilage oder einen Medika­tionskalender generieren. Die Sprache auf dem Dokument entspricht der zuvor eingestellten Patientensprache.

 

Wie verständlich sind die Piktogramme?

Stehen die Piktogramme für sich oder trägt eine erklärende Bildunterschrift zum Verständnis bei? Dies wurde 2014 in einer Studie untersucht (15). 123 Teilnehmer, die in Katar arbeiteten, die Landessprachen Arabisch und Englisch jedoch nur sehr schlecht bis gar nicht beherrschten, wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Gruppe A erhielt Informa­tionen zu Medikamenten in Textform und verbal (in englischer oder arabischer Sprache). Gruppe B bekam dieselben Informationen in Form von Piktogrammen (insgesamt elf standen zur Verfügung) und Gruppe C erhielt die gleichen Piktogramme, verbunden mit einer verbalen Erklärung in Arabisch oder Englisch. Daraus ließ sich eine wichtige Erkenntnis gewinnen: Werden Piktogramme mit einer mündlichen oder schriftlichen Erklärung verknüpft, trägt dies wesentlich zum Verständnis bei. Für die Beratung durch pharmazeutisches Personal ­bedeutet dies, dass unterstützende ­Gestik und Mimik nicht nur hilfreich, sondern auch notwendig sind, wenn Apotheker und Patient nicht dieselbe Sprache sprechen.

 

Mehrere Studien weisen auf eine mangelnde Verständlichkeit von Piktogrammen ohne verbale oder schriftliche Erklärung hin. Dies gilt sowohl in sehr gebildeten, privilegierten Gesellschaftsschichten als auch in eher ­benachteiligten bildungsfernen Gesell­schaften (16, 17). Daher ist es sehr ­sinnvoll, dass die FIP nicht nur Piktogramme entwickelt, sondern diese auch mit Bildunterschriften in gängigen Sprachen versehen hat. Problematisch bleibt es für Patienten, die weder lesen noch schreiben können und ­somit alleine auf die Aussagekraft der Piktogramme angewiesen sind.

Die FIP-Piktogramme wurden 2009 bei der humanitären Versorgung in Gabun getestet (18). Insgesamt 21 555 Patienten wurde ihre Medikation anhand dieser Darstellungen erklärt. Bei einem Interview (525 Teilnehmer) zur Verständlichkeit erreichten nur drei Piktogramme eine Verständlichkeit unter 80 Prozent. Dies zeigt eine sehr hohe Qualität der Piktogramme.

 

Dabei gibt es nicht nur einen Satz universeller Piktogramme, sondern weitere Ausführungen, die an die kulturelle Herkunft der Patienten angepasst sind. Hintergrund sind Untersuchungen, in denen Piktogramme der USP (United States Pharmacopeia) mit solchen mit lokalem Bezug verglichen wurden (19). Obwohl die je 23 Piktogramme die gleichen Bedeutungen hatten, erreichten nur elf der USP-­Piktogramme eine Verständlichkeit über 85 Prozent bei 46 Teilnehmern vom Xhosa-Stamm (Südafrika), die schlecht lesen konnten. Im Gegensatz dazu erreichten 20 der lokalen Piktogramme über 85 Prozent Verständnis. Nahezu alle Teilnehmer präferierten die lokalen Versionen. Das lässt auf ­signifikant besseres Verständnis bei deren Anpassung an den kulturellen Hintergrund des Patienten schließen.

 

Doch wie ist dies bei den FIP-Piktogrammen verwirklicht? Der erste Vergleich fällt enttäuschend aus. Oft ist die Haarlänge oder -farbe der einzige Unterschied und auch diese Abwandlung gilt nicht für alle Piktogramme eines Satzes (20). Manche Änderungen sind nachvollziehbar, wenn sie zum Beispiel auf die anderen Essensgewohnheiten oder den Alkoholkonsum Bezug nehmen. Andere Änderungen wie die Darstellung des Einnahmezeitpunkts »Mittag« mit einer halb untergegangenen Sonne sind nicht nachvollziehbar und sogar missverständlich. Inzwischen ist jedoch eine neue Version verfügbar, in der manche Differenzen beseitigt wurden.

 

PictoRx in der ­Trainingsapotheke

Tabelle: Probleme beim Erstellen der Patientendatei im PictoRx-Programm (Mehrfachnennungen waren möglich)

Problem Häufigkeit (in Prozent)
Persönliche Angaben können nicht eingetragen werden. 26
Zuordnung zur Ursprungsregion schwierig oder uneindeutig 22
Welche Sprache ist Arabisch? Nur in arabischer Schrift auswählbar 22
schwierige Bedienung, unübersichtlich, man muss sich erst an das Programm gewöhnen 13
Identifikationsnummer muss selbst zugeordnet/ausgedacht werden. 8
sehr viele Nummern und Passwörter 4
keine Probleme 30

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