Pharmazeutische Zeitung online
Akutes Abdomen

Notfall Bauchschmerzen

23.05.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Brigitte M. Gensthaler, Christina Hohmann-Jeddi und Sven Siebenand / Starke Bauchschmerzen, angespannte Bauchdecke und Anzeichen von Kreislaufversagen: Diese Symptome sind typisch für ein »akutes Abdomen«. Jetzt ist rasches Handeln gefordert, denn die Ursachen können lebens­bedrohlich sein. Wie werden Entzündungen im Wurmfortsatz des Blinddarms, der Bauch­speicheldrüse oder der Gallenblase behandelt?

Das »akute Abdomen« ist keine Diagnose, sondern beschreibt einen Zustand, der eine rasche Diagnostik erfordert. Die weitaus häufigste Ursache ist die Appendizitis, auch als Blinddarmentzündung bekannt. Ferner können eine Gallenblasenentzündung (Cholezystitis), Gallenkolik, gastrointestinale Blutungen, ein Darmverschluss (Ileus) oder Perforationen von Hohlorganen wie Magen oder Duodenum diese Symptomatik auslösen. Seltenere Ursachen sind Entzündungen von Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) oder Eileiter (Adnexitis), Harnsteinleiden (Urolithiasis) oder eine Bauchhöhlenschwangerschaft. Auch Unfälle mit stumpfen Verletzungen im Bauch können als akutes Abdomen erscheinen.

Auffälligstes Merkmal ist der Bauchschmerz, der zum Teil dumpf und schlecht zu lokalisieren oder auch stechend und gut zu orten sein kann. Hinzu kommen eine Abwehrspannung der Bauchmuskulatur, zum Teil auch Veränderungen der Darmperistaltik mit Durchfall oder Verstopfung sowie vegetative Symptome wie Erbrechen, Übelkeit und Fieber. Blässe, Unruhe und kalter Schweiß können Zeichen einer Kreislaufdekompensation sein; in schweren Fällen kann diese bis zum Schock führen.

 

Kommt ein Patient mit solchen Beschwerden in die Apotheke, sollte diese ihn umgehend zum Arzt oder notfalls ins Krankenhaus schicken. Wegen der zum Teil lebensbedrohlichen Ursachen muss ein akutes Abdomen schnell abgeklärt werden. Der Arzt wird den Patienten klinisch untersuchen und dabei den Bauch abtasten und abhören, Schmerzdauer und -ort erfassen und die Körpertemperatur messen. Auch die Labordiagnostik liefert wichtige Hinweise. So kann eine Erhöhung des C-reaktiven Proteins (CRP) und der Leukozyten eine bakterielle Infektion, zum Beispiel eine Appendizitis, anzeigen. Zudem sind bei einer Pankreatitis die Pankreasenzyme Amylase und Lipase meist erhöht, bei einer Cholestase bestimmte Leberenzyme und die alkali­sche Phosphatase. Röntgen- und Ultraschalluntersuchung sowie endoskopische Verfahren sind wichtige Teile der Diagnostik. Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Beschwerden. In aller Regel ist ein chirurgischer Eingriff nötig.

 

Das akute Abdomen ist immer eine Notfallsituation und erfordert rasches Handeln. Die Ursachen können aber über Jahre hinweg unbemerkt entstanden sein.

 

Entzündetes Anhängsel

 

Starke Bauchschmerzen auf der rechten Seite, die auf Druck stärker werden, Schonhaltung und ausgeprägtes Krankheitsgefühl: Diese Symptomatik lässt spontan an eine Blinddarmentzündung denken. Sie ist die weitaus häufigste Ursache des akuten Abdomens.

 

Etwa 7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland entwickeln in ihrem Leben eine sogenannte Appendizitis, eine Entzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarms (Appendix vermiformis). Fälschlicherweise wird sie meist als Blinddarmentzündung bezeichnet, obwohl nur sein »Anhängsel« betroffen ist. Dieser Wurmfortsatz ist reich an Lymphfollikeln und kann sich durch Infektion mit Krankheitserregern, etwa bei Verlegung mit Kotsteinen oder kleinen Nahrungsbestandteilen wie Kirschkernen, entzünden. Am häufigsten sind Menschen zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr betroffen. Sehr kleine Kinder und ältere Menschen erkranken selten.

Typisch für die Appendizitis sind Schmerzen, die zuerst in der Nähe des Bauchnabels auftreten und nach wenigen Stunden in den rechten unteren Bauchraum »wandern«. Dazu kommen Symptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung sowie Fieber. Eine Appendizitis kann verschiedene Schweregrade haben: von einer leichten Reizung mit Schwellung bis zu einer schweren Entzündung mit Gewebezerstörung. Platzt der Wurmfortsatz (Perforation), gelangen Eiter, Bakterien und Darminhalt in den Bauchraum. Eine Peritonitis (Entzündung des Bauchfells) kann die Folge sein.

 

Diagnostiziert wird die akute Entzündung über die charakteristischen Symptome, vor allem die typischen Druck- und Schmerzpunkte. Einer ist der sogenannte McBurney-Punkt, der in der Mitte der Strecke zwischen dem Bauchnabel und dem rechten Darmbeinstachel (oberes Ende des Beckenknochens) liegt. Unter diesem Punkt befindet sich der Wurmfortsatz, der bei einer Appendizitis schmerzhaft auf Drücken oder Klopfen reagiert. Ein weiteres Zeichen ist der sogenannte Loslass-Schmerz (Blumberg-Zeichen). Er tritt im rechten Unterbauch auf, wenn die linke Bauchdecke eingedrückt und plötzlich losgelassen wird.

 

Hilfreich für die Diagnose ist auch die Temperaturdifferenz zwischen Achsel und Rektum. Eine um etwa 0,8 Grad Celsius erhöhte Temperatur im Rektum kann auf eine Appendizitis hinweisen.

 

Die Diagnose ist nicht immer einfach zu stellen, weil der Appendix an atypischen Stellen liegen kann. Bei unklaren Fällen kann die Laboruntersuchung weiterhelfen. Erhöhte Leukozytenzahlen und CRP-Spiegel weisen auf eine Entzündung hin. Im Ultraschallbild ist der gesunde Wurmfortsatz nicht zu erkennen, der entzündete dagegen schon.

Bestätigt sich der Verdacht, ist meist eine operative Entfernung des Wurm­fortsatzes erforderlich. Je rascher diese erfolgt, desto besser können Komplika­tionen vermieden werden. Während früher meist offen mit einem Bauch­schnitt (Laparotomie) operiert wurde, wird heute vielfach die minimal-invasive Methode bevorzugt. Bei diesem auch als »Schlüsselloch-Chirurgie« bezeichneten Verfahren (Laparoskopie) werden die Operationsinstrumente durch drei kleine Schnitte in der Bauchdecke eingeführt. Die Mortalität einer Appendektomie liegt unter 0,1 Prozent, bei einer Perforation bei etwa 1 Prozent. Bei älteren Patienten kann sie sogar bis zu 15 Prozent betragen.

 

Ein großer Teil der Eingriffe ist aber gar nicht nötig. Dies zeigen spätere histologische Untersuchungen des entnommenen Wurmfortsatzes. Die Rate an nicht-indizierten Appendektomien liegt selbst bei Maximaldiagnostik (CT) bei 7 Prozent, ohne Bildgebung noch deutlich höher.

 

In unklaren Fällen kann auch eine Verlaufsbeobachtung mit engmaschiger Überwachungen des Patienten, Antibiose und Nahrungskarenz angezeigt sein. Dadurch kann die Zahl nicht-indizierter Eingriffe auf 6 Prozent gesenkt werden.

 

Vermehrt wird darüber diskutiert, ob in unkomplizierten Fällen eine Antibiose die Frühoperation ersetzen kann. Eine Untersuchung hierzu wurde kürzlich im Fachjournal »The Lancet« veröffentlicht (2011; Band 377, Seiten 1573 bis 1579). Französische Mediziner um Corinne Vons, Paris, hatten Patienten mit über CT diagnostizierter milder Appendizitis auf zwei Gruppen verteilt. Eine wurde sofort operiert, die andere mit Amoxicillin plus Clavulansäure behandelt und 48 Stunden beobachtet. Besserte sich die Symptomatik nicht, wurde auch diesen Patienten der Appendix entfernt. Bei 68 Prozent war aber ein Eingriff aufgrund der Antibiose gar nicht nötig, berichten die Mediziner. Ein Nachteil war allerdings, dass die Rate an Perforationen in der Antibiosegruppe bei 8 Prozent und damit viermal höher als in der Sofort-OP-Gruppe lag.

 

Diese Ergebnisse decken sich mit früheren Studien, bei denen eine Antibiose zwischen 48 und 85 Prozent der Patienten mit unkomplizierter Appendizitis eine Operation ersparte. Bislang hat die Antibiotikatherapie noch keinen großen Stellenwert in der klinischen Praxis.

Die Autoren

Brigitte M. Gensthaler studierte Pharmazie in München und erhielt 1984 die Approbation als Apothekerin. Nach mehrjähriger Tätigkeit in einer öffentlichen Apotheke wechselte sie in die Redaktion der Pharmazeutischen Zeitung. Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeitet sie im Münchener Redaktionsbüro der Pharmazeutischen Zeitung. Sie leitet das Ressort Titel.

gensthaler(at)govi.de

 

Christina Hohmann-Jeddi studierte Biologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Nach Abschluss des Studiums absolvierte sie eine Ausbildung zur Wissenschaftsredakteurin, danach machte sie ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung. Seit 2002 ist sie als Redakteurin beschäftigt und leitet seit 2003 das Ressort Medizin.

hohmann(at)govi.de

 

Sven Siebenand studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle. Die Approbation als Apotheker erfolgte 2001 nach dem Praktischen Jahr in der pharmazeutischen Industrie und der öffentlichen Apotheke, wo er im Anschluss mehrere Jahre tätig war. Seit seinem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitet er bei der PZ, seit 2010 ist er stellvertretender Chefredakteur.

siebenand(at)govi.de

Mehr von Avoxa