Pharmazeutische Zeitung online
Studentenwohnheim

Mein Zimmernachbar, der Herr Professor

25.05.2010
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Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Ein Pharmazieprofessor, der ins Studentenwohnheim zieht, um von den Klippen des Alltags seiner Bewohner zu erfahren? Das ist sehr ungewöhnlich und deshalb auch einen Bericht in der Pharmazeutischen Zeitung wert.

Seine Frau denkt, er habe einen Knall. Und vermutlich glauben das auch die meisten seiner Kollegen. Doch die Studenten schätzen ihn dafür. Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Professor für Pharmazeutische Chemie an der Uni Frankfurt und seit Kurzem Mitglied der PZ-Chefredaktion, bezog vergangenen Sommer für rund drei Monate ein Zimmer im Studentenwohnheim in der Ludwig-Landmann-Straße. Sein zweiter Aufenthalt steht kurz bevor: Noch im Frühjahr will er Quartier im Studentenwohnheim in der Ginnheimer Landstraße beziehen. Derzeit wartet er darauf, ein Zimmer zugeteilt zu bekommen. Während seiner Amtszeit will er nach und nach alle Frankfurter Wohnheime von innen kennen­lernen.

Die fachrichtungsspezifischen Probleme der Studenten, der Zeitdruck, den die Um­stellung auf Bachelor und Master aus­gelöst hat, die Lebenshaltungskos­ten in der Stadt und der Mangel an bezahl­barem, dennoch akzeptablem Wohn­raum: Das alles kannte Schubert-Zsilavecz zwar vom Hörensagen, er wollte es aber selbst live miterleben. »Ich will einfach einen Blick auf die Universität aus studentischer Sicht bekommen. Es ist ein Unterschied, ob Sie aus einem schönen Großraumbüro die studentische Situation Frankfurts beurteilen oder ob Sie wirklich in deren eigenen vier Wänden wohnen.« Und fast philosophisch merkt er an: »Wenn man einen erweiterten Blick auf etwas be­kommen will, dann muss man sich manch­mal von den eigenen Gedanken lösen und nur zuhören, was andere darüber denken.«

 

Und so zog er in einer »Undercover-Mission«, wie er selbst sagt, ins Studentenwohnheim ein – in ein kleines Zimmer mit Waschbecken, mit einer Sammeldusche am Ende des Ganges. Entsprechend perplex waren seine Mitbewohner. Schubert-Zsilavecz: »Es gab ein Erlebnis, das ist wirklich bemerkenswert. Ich bin in mein Zimmer eingezogen und klopfe dann bei meiner Wohnungsnachbarin an die Tür, um mich vorzustellen. Ihr ist fast das Kaffee-Häferl aus der Hand gefallen!« Diese Situation kann man sich wahrlich gut vorstellen, wie Schubert-Zsilavecz in Anzug und Krawatte und charmantem österreichischen Dialekt vor seiner Neu-Nachbarin steht. »Kaum war ich dann zehn Minuten in meinem Zimmer, klopft sie an meine Tür und fragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie ab und zu Besuch von ihrem Freund bekomme.« Für den Vizepräsidenten ist besonders wichtig: »Es geht nicht um Kontrolle. Und es geht auch nicht um Verbrüderung. Ich will einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Studenten bekommen.«

 

Hohe Lebenshaltungskosten

 

Unverkrampfte Gespräche haben sich besonders leicht bei spontanen Feiern ergeben, zu denen sich der Professor dazugesellte oder zu denen er eingeladen wurde. So habe er es zum Beispiel nicht für möglich gehalten, dass manche Studenten wirklich jeden Euro umdrehen, um ihr Leben zu organisieren. »Dann macht es wirklich einen Unterschied, ob die Wohnung 180 Euro oder 240 Euro kostet. Das ist für manche eine Überlebensfrage. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen.« Diese Studenten sind dann gezwungen, nebenher zu arbeiten. Die Chancen dazu seien in Frankfurt relativ gut, und ein Job sei leichter in der Mainmetropole zu finden als etwa in Greifswald oder Regensburg.

 

Frankfurt ist neben München aber auch die teuerste Studentenstadt. Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten liegen für München bei 809 Euro und für Frankfurt bei 804 Euro. Schubert-Zsilavecz: »Damit wird deutlich, wie wichtig günstiger Wohnraum ist. Da hat Frankfurt im Vergleich zu anderen Städten wenig zu bieten.« Was tut die Stadt Frankfurt, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen? »Das Studentenwerk ist an dem Thema dran. Doch dessen finanzielle Möglichkeiten reichen nicht aus. Wenn wir nicht massiv mehr Wohnraum für die Studierenden schaffen, dann hat die Goethe-Universität keine Chance, ganz an die Spitze zu gelangen, dann kommen die Studierenden nämlich nicht zu uns. Ich würde mir wünschen, dass sich das Land Hessen hier stärker engagiert. Andere Bundesländer investieren derzeit zumindest mehr in diese Projekte als Hessen.« Daneben bestehe die Möglichkeit, mit privaten Investoren Wohnheime zu bauen. So geschehen etwa am Campus Riedberg. Allerdings kostet dort ein Zimmer zwischen 300 und 400 Euro.

 

Schubert-Zsilavecz ist sich sicher, dass Studentenwohnheime zukünftig auch anders zu gestalten sind, »und zwar so, dass jeder eine eigene Nasszelle und seine eigene Küche hat. Daneben muss es noch einen großen Gemeinschaftsraum geben, wo man sich treffen kann.«

 

Ein Ohr für die Studenten

 

Ob Studenten ihrer Universität gute oder schlechte Noten geben, ist oft abhängig von der gewählten Fachrichtung. Das war für Schubert-Zsilavecz sehr augenfällig. »Was die Uni Frankfurt betrifft, gibt es Fachbereiche, die sehr gut aufgestellt sind, was Lehre und Engagement der Professoren betrifft. Aber es gibt auch Fachbereiche, in denen die Studierenden ein vernichtendes Urteil für ihre Professoren und deren Betreuung haben.« Man mag es nachvollziehen, wenn etwa Vorlesungen kommentarlos ausfallen oder wenn von Freiräumen beim Bachelor oder Master nicht mehr die Rede sein kann.

»Nach den Schilderungen der Studenten muss ich mir die Frage stellen, ob manche Kollegen ihre Lehrpflicht überhaupt ernst nehmen. Fächer definieren sich nun mal vor allem über Personen, die sich engagieren oder eben nicht. Es ist nicht so, dass zum Beispiel die Juristen von sich glauben, dass sie tolle Lehre machen würden. Aber mich wundert es, dass sie dagegen nichts unternehmen, wenn sie es doch wissen?!«

 

Sich die Probleme der Studenten anzuhören, ist die eine Seite der Medaille. Dagegen etwas zu tun, die zweite. »Ich spreche die Dinge immer offen an. Ich halte mich nicht zurück, wenn ich mit den jeweils Verantwortlichen zusammensitze«, sagt Schubert-Zsilavecz. »Als Vizepräsident der Uni trage ich die Gesamtverantwortung für den Fachbereich Medizin, für den Fachbereich Biowissenschaften und die Fachbereiche Biochemie, Chemie und Pharmazie. Mir obliegen die Bereiche Studium und Lehre. So habe ich zum Beispiel von Anfang an einen regelmäßigen Jour fixe mit den Studiendekanen eingerichtet. Da wird wirklich zur Sache gesprochen.«

 

Bei all den Verpflichtungen, die Schubert-Zsilavecz hat, dürfte sein Tagesrhythmus zu dem seiner Mitbewohner eher antizyklisch verlaufen. In der Tat: »Der unterschiedliche Tagesrhythmus war eigentlich das größte Problem. Ich kann nicht um 2 Uhr nachts noch auf sein. Um diese Zeit bin ich fertig mit mir.« Kein Wunder, denn er ist gegen 6 Uhr bereits wieder auf dem Weg zur Arbeit. / 

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