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Patienteninformation

Ärzte fassen sich an die eigene Nase

13.05.2008
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Ärzte fassen sich an die eigene Nase

Von Werner Kurzlechner

 

An der Seite der Buko Pharma-Kampagne machen Ärzte gegen eine befürchtete Aufweichung des Informationsverbots für rezeptpflichtige Arzneimittel durch die EU-Kommission mobil. Dabei gestehen sie auch ein, dass vor allem sie selbst gegenüber Beeinflussungen durch die Pharmaindustrie wachsamer sein müssen.

 

Für die rund 200 Teilnehmer ging die Veranstaltung »Gute Pillen, schlechte Pillen« vergangene Woche in der Berliner Ärztekammer gut los: Vier Fortbildungspunkte der Kategorie A heimsten sie für den Besuch ein.

 

Eine Schar von Ärzten holte sich die benötigten Punkte also nicht über fragwürdige Angebote mancher pharmazeutischer Unternehmen ab. Stattdessen kamen sie zu einer Diskussion, die das Bewusstsein für diese Problematik schärfte.

 

Konkret ging es um Pläne der EU-Kommission, gegen die unter anderem die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und die Buko Pharma-Kampagne in einer gemeinsamen Erklärung scharf protestieren. Brüssel will der Pharmaindustrie künftig erlauben, Patienten direkt über rezeptpflichtige Medikamente zu informieren. »Damit Patienten eine sachgerechte Entscheidung in Gesundheitsfragen treffen können, brauchen sie unabhängige und ausgewogene Informationen«, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Gegen eine Lockerung des Werbeverbots hatte sich kürzlich auch die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ausgesprochen.

 

Pauschale Schlussfolgerungen

 

Nicht immer verlief die Auseinandersetzung in Berlin sachlich. So präsentierte Hedwig Diekwisch von Buko ein Sammelsurium versteckter Internetwerbung von Pharmafirmen und tendenziöser Artikel in Publikumsmedien.

 

So berechtigt solche Fälle an den Pranger gestellt werden, so pauschal mutet die Schlussfolgerung an, die Industrie biete per se »Werbung statt Information«. Die Kampagne gelangt über diese Gleichsetzung gleichsam zum Schluss, die Europäische Union (EU) wolle den Firmen direktes Marketing am Patienten freistellen.

 

Doch ganz so einfach verhält es sich nicht. »In der Diskussion geht leider einiges durcheinander«, sagte auf Anfrage der PZ Thomas Porstner, Justiziar des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Die Industrie wolle keineswegs werben, sondern lediglich sachliche und geprüfte Informationen an Verbraucher verbreiten. Porstner fordert, dafür ein »ausgewogenes Gremium« zu schaffen. Wenngleich mit einigem Einfluss der Firmen, die ja in jedem Einzelfall über das meiste Know-how verfügten.

 

Die in der Tat heikle Abgrenzung zwischen Information und Werbung diskutierte das Podium also recht holzschnittartig. Ein Gewinn für die Besucher war der Abend dennoch, weil die anwesenden Ärzte in der grundsätzlichen Debatte über ihre Beeinflussbarkeit die eigene Verantwortung über weite Strecken nicht auf die Industrie abwälzten. »Wir müssen uns an die eigene Nase fassen«, formulierte es plakativ selbstkritisch Professor Dr. Walter Thimme, Kardiologe und AkdÄ-Mitglied. Er forderte Gastgeber Dr. Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer, sogleich auf, doch gegen dubiose und rechtlich auf wackligen Füßen stehende Werbekampagnen der Industrie Klage zu führen. »Bereiten Sie einen solchen Prozess vor, und wir prüfen das dann«, entgegnete Jonitz.

 

Die vom AkdÄ-Vorsitzenden Professor Dr. Wolf-Dieter Ludwig geleitete Diskussion arbeitete die Kernprobleme einer häufig subtilen Beeinflussbarkeit heraus. »Wir vergessen zu oft, dass die Geschäftsbasis der pharmazeutischen Industrie der Verkauf von Arzneimitteln ist«, sagte der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, der das »Arznei-Telegramm« herausgibt.

 

Höhepunkt des Abends war indes der launige Vortrag des australischen Arztes Peter Mansfield. Der Mitbegründer der Organisation »Healthy Skepticism« unterfütterte seine Präsentation mit allerlei wissenssoziologischen und erkenntnistheoretischen Aphorismen.

 

Trügerische Selbstgewissheit

 

Hauptursache der Beeinflussbarkeit sei nicht die Käuflichkeit der Korrumpierbaren, sondern vielmehr die trügerische Selbstgewissheit kluger Menschen. Psychologen sprächen von der »Illusion einzigartiger Unverwundbarkeit«, so Mansfield: Gerade weil viele Ärzte sich für immun gegenüber verfälschten Informationen hielten, seien sie besonders anfällig.

 

Die Gefahrenquellen für eine falsche Verschreibungspraxis illustrierte Mansfield mit einer Tierpyramide nach dem Muster der Bremer Stadtmusikanten: unten der gierige Wolf, der sich leicht von der Industrie kaufen lässt; darüber das konservative Schaf, das beständig an althergebrachten Arzneien festhält; dann das fürsorgliche Kaninchen, das naiv an den Nutzen jeder neuen Pille glaubt; und obenauf der ausgebrannte Dodo, der sich aus Trägheit keinen eigenen Überblick über Therapiealternativen verschafft.

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