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Adipositas

Wie Kinder und Jugendliche abnehmen lernen

07.05.2008  12:50 Uhr

Adipositas

Wie Kinder und Jugendliche abnehmen lernen

Von Claudia Borchard-Tuch

 

Deutschland hat ein gewichtiges Problem: Viele Bürger sind übergewichtig oder adipös. Schon manche Kinder schleppen viel zu viele Kilos mit sich herum. Alleine abnehmen gelingt nur selten; mehr Erfolg ermöglichen gute Therapieprogramme für Kinder und Jugendliche. Ein Überblick, wie man dem pfundigen Problem beikommt.

 

Übergewicht und Adipositas werden verstärkt zum schwerwiegenden Gesundheitsproblem der westlichen Industrienationen (12). Neue Studien des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) zeigen, dass in Deutschland 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig und etwa 800.000 adipös sind. Gegenüber den 1980er- und 90er-Jahren hat sich diese Zahl verdoppelt (8). Es wird bereits von einer Adipositas-Epidemie gesprochen.

 

Die starke Zunahme des Übergewichts ist wahrscheinlich multifaktoriell bedingt. Eine bedeutende Rolle spielen Veränderungen des Lebensstils, beispielsweise Bewegungsmangel durch zu langes Sitzen vor dem Fernseher oder Computer. Auch die Ernährungsgewohnheiten haben sich gewandelt. Oft gibt es keine gemeinsamen Familienessen mehr, die Nahrung enthält zu viel Zucker und Fett und Fertiggerichte enthalten mitunter sogar appetitanregende Zusatzstoffe. Aber nicht nur Umweltfaktoren, sondern auch genetische Anlagen sind von großer Bedeutung. Wissenschaftler nehmen an, dass das Körpergewicht zu 40 bis 80 Prozent durch Vererbung bestimmt wird (5).

 

Eine von Professor Dr. med. Wabitsch, Universitätsklinikum Ulm, initiierte Umfrage ergab, dass nur etwa 7100 adipöse Kinder pro Jahr in Deutschland behandelt werden (10). Mit möglicherweise fatalen Folgen. So wurde nachgewiesen, dass Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter sich häufig bis ins Erwachsenenalter fortsetzen und mit zahlreichen Folgekrankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Fettstoffwechselstörungen in Zusammenhang stehen (1). Dies wiederum belastet auch Krankenkassen und Rentenversicherungen (11).

 

Die übermäßigen Rundungen können zu erheblichen seelischen Problemen führen. Oft werden die Kinder und Jugendliche gehänselt, verspottet und sozial ausgegrenzt. Ihr Selbstwertgefühl sinkt und sie schirmen sich schließlich vor der feindlichen Umgebung ab. Dies kann so weit gehen, dass Jugendliche den Kontakt zu Gleichaltrigen vollständig abbrechen. Häufig steigen die Fehlzeiten in der Schule; einige Jugendliche verweigern den Schulbesuch gänzlich. Affektive Störungen wie Depressionen und Phobien und auffällige Persönlichkeitsmerkmale sind nicht selten (6).

 

Dicke Jugendliche sind beruflich und sozial benachteiligt. In einer prospektiven Studie, die adipöse Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 24 Jahren untersuchte, zeigte sich, dass sieben Jahre später die bei der Erstuntersuchung adipösen Frauen im Durchschnitt weniger verdienten, häufiger unter der Armutsgrenze lebten, seltener geheiratet und kürzer die Schule besucht hatten. Auch bei den adipösen Männern war die Heiratsquote niedriger (6).

 

Viele Kinder und Jugendliche versuchen verzweifelt, zu Hause abzunehmen. Immer wieder beginnen sie mit strengen Diäten, die sie nicht lange durchhalten. Es können sich Essstörungen wie Bulimia nervosa oder »Binge Eating Disorder« entwickeln, bei denen es zu periodischen Heißhungeranfällen mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten kommt.

 

In diesem Zusammenhang gewinnen kontrollierte Therapieprogramme an Bedeutung. Bei der Gewichtsreduktion geht es nie darum, dem Schlankheitsideal unserer Gesellschaft zu entsprechen. Ziel sollte vielmehr sein, das Gewicht in den Normalbereich zu bringen und zu stabilisieren. Dies verringert die gesundheitlichen Risiken und ermöglicht eine soziale Wiedereingliederung. Im Allgemeinen ist eine ambulante Behandlung einer stationären Betreuung vorzuziehen. Bei extremer Adipositas ist eine stationäre Langzeittherapie aber häufig der einzige Weg, ein krankhaftes Essverhalten, eine extrem eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und schwerwiegende psychosoziale Folgen zu normalisieren (11).

 

Ab wann beginnt die Adipositas?

 

Aufgrund altersphysiologischer Veränderungen kann man bei Kindern und Jugendlichen nicht den absoluten Body Mass Index (BMI = Körpergewicht in kg/Körperlänge in Metern2) zur Bewertung heranziehen. Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) hat sich darauf geeinigt, Übergewicht und Adipositas über die 90. und 97. Perzentile sowie die extreme Adipositas über die 99,5. Perzentile zu definieren (14). Perzentilen sind Prozentangaben. Ein BMI auf der 99,5. Perzentile bedeutet, dass nur 0,5 Prozent der Jugendlichen gleichen Alters und Geschlechts einen höheren BMI als die betreffende Person haben.

 

Eine bessere Darstellung der Veränderungen im Laufe der Zeit ermöglichen alters- und geschlechtsspezifische »Standard Deviation Scores« für den BMI (BMI-SDS). Dabei sind BMI-SDS-Werte ein Maß dafür, um wie viel ein individueller BMI vom durchschnittlichen alters- und geschlechtsabhängigen BMI abweicht (1). Bei extremer Adipositas liegt der BMI-SDS über 2,7.

 

Dem Jojo-Effekt entkommen

 

Wie sollte ein gutes Therapiekonzept aussehen? »Wichtig ist, dass die Behandlung ausreichend lang ist«, erklärt Wabitsch. »Kurzfristige Kuraufenthalte bringen gar nichts. Im Gegenteil: Sie können zu einem gefährlichen Jojo-Effekt führen.« Dies bedeutet eine unerwünschte – insbesondere schnelle – Gewichtszunahme nach Abschluss einer Reduktionsdiät. Bei wiederholten Diäten kann sich das Gewicht wie ein Jojo auf und ab bewegen, wobei das neue »Endgewicht« oft über dem Ausgangsgewicht liegt.

 

Eine Ursache des Jojo-Effekts ist eine allzu radikale Unterversorgung mit Kalorien. Der Körper passt sich an die niedrige Kalorienzufuhr an und schaltet auf »Sparflamme«. Zudem wird neben Fett- auch Muskelgewebe abgebaut. Da dieses Gewebe permanent, also auch in körperlicher Ruhe, Energie verbraucht, sinkt bei abnehmendem Muskelgewebe auch der Grundumsatz. Beide Effekte zusammen begünstigen eine schnelle Gewichtszunahme, wenn am Ende der Diät die alten Ernährungs- und Lebensgewohnheiten wieder aufgenommen werden.

 

Kurze stationäre Aufenthalte können zum Erfolg beitragen, wenn sie Bestandteil eines langfristigen Therapiekonzepts sind. Noch fehlen Studien, die untersuchen, wie lange ein stationärer Aufenthalt idealerweise dauern sollte. Die Krankenkassen bezahlen in der Regel höchstens sechs Wochen.

 

Eine Ausnahme bildet Insula, das Adipositas-Reha-Zentrum bei Berchtesgaden. Hier werden extrem adipöse Jugendliche ab zwölf Jahren und junge Erwachsene sechs bis neun Monate lang stationär behandelt. »Der BMI unserer Patienten liegt im Durchschnitt bei 42, in einigen Fällen auch über 75 kg/m2«, berichtet der Leiter des Zentrums, Dr. med. Wolfgang Siegfried. Normal ist im Alter von 16 Jahren ein BMI von 21. Patienten, die in das Zentrum kommen, wiegen im Durchschnitt doppelt so viel wie Normalgewichtige. Insula bedeutet für viele die Ultima ratio in der konservativen Therapie, bevor eine medikamentöse Therapie oder sogar chirurgische Eingriffe unumgänglich erscheinen. Und oft ist die Behandlung sehr erfolgreich: Selbst extrem fettleibige Jugendliche haben eine mehr als 55-prozentige Chance, langfristig abzunehmen (11). Das bedeutet, dass der BMI-SDS bei mehr als der Hälfte aller Patienten auch zwei Jahre nach Therapiebeginn unter dem BMI-SDS zu Therapiebeginn liegt.

Qualitätskriterien für Therapieprogramme laut

Langfristiges Therapiekonzept

Kombination aus Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie

Behandlung von Kind und Eltern

Therapeutisches Team: Kinder- und Jugendarzt (Koordination),

Ökotrophologe/Diätassistent, Psychologe, Sporttherapeut

Evaluation der Behandlungsmaßnahmen und qualitätssichernde Maßnahmen

 

Welche Therapieprogramme sind Erfolg versprechend? Die AGA hat hierzu Leitlinien entwickelt (10). Neben einer ausreichenden Dauer – ambulante Programme sollten mindestens ein Jahr dauern &8211; müssen mehrere Qualitätskriterien erfüllt sein. »Gute Behandlungskonzepte stützen sich auf innere und äußere Säulen«, erklärt Wabitsch hierzu. »Zu den inneren Säulen zählen Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie. Die äußeren Säulen sind die Einbeziehung der Eltern und die Qualitätskontrolle der Behandlung.« Die Behandlung wird den individuellen Bedürfnissen des Patienten angepasst: Wer lieber Äpfel als Birnen isst und wer lieber radelt als schwimmt, kann dies tun. Persönliche Vorlieben zu berücksichtigen, erhöht die Aussicht auf langfristigen Erfolg.

 

Gesund essen ohne zu hungern

 

Eines ist klar: Abnehmen kann man nur, wenn die täglich zugeführte Kalorienmenge unter dem Bedarf liegt. Aber es kommt entscheidend auf das »Wie« an. »Niemals sollte man von Diät sprechen, sondern immer von Ernährungsumstellung«, betont Wabitsch. »Der Begriff Diät demotiviert.«

 

In der Universitätskinderklinik Ulm liegt der Ernährungstherapie das Konzept der optimierten Mischkost zugrunde, das vom Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund (FKE) entwickelt wurde (5). Die optimierte Mischkost (»OptimiX«) ist kein Diätplan, sondern bietet einen Rahmen, innerhalb dessen Familien eine gesunde Ernährung im Alltag umsetzen können. Die Freude am Essen sollte immer im Vordergrund stehen. OptimiX unterscheidet verschiedene Lebensmittelgruppen, die in unterschiedlichen Mengen angeboten werden sollten(5).

OptimiX: Wie viel ist am besten?

erlaubte Menge Lebensmittel Beispiele
reichlich kalorienfreie oder -arme Getränke
pflanzliche Lebensmittel
Wasser, Tee

Gemüse, Obst, Getreideerzeugnisse, Kartoffeln
mäßig tierische Lebensmittel Milch und Milchprodukte, Fleisch, Wurst, Eier, Fisch
sparsam Fett- und zuckerreiche Lebensmittel Speisefette, Süßwaren, Knabberartikel

Bei Insula bekommen die Kinder eine fettreduzierte Mischkost nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Ein Patient erhält bis zu 2000 kcal pro Tag. Damit werden alle nötigen Nährstoffe in ausreichender Menge und im richtigen Verhältnis aufgenommen. Dies bedeutet auch, dass der Fett-Energieanteil etwa 30 Prozent beträgt, um einerseits die ausreichende Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K zu gewährleisten und andererseits einen vernünftigen Umgang mit pflanzlichen und tierischen Fetten kennen zu lernen.

 

»Es ist nicht sinnvoll, die Ernährung auf einmal komplett umzustellen«, empfiehlt Wabitsch. »Kleine realisierbare Schritte sind das Beste. Beispielsweise kann man zunächst versuchen, die Energiezufuhr über die Getränke stark einzuschränken. Diese Umstellung ist schon gravierend.«

 

Auch im Berchtesgadener Zentrum soll Essen schmackhaft bleiben. »Zwar sind wir bei Junk Food, Pommes frites, Leberkäse und Softgetränken äußerst zurückhaltend, es gibt jedoch keine Tabus«, erklärt Siegfried. Wenn ein Kind einmal ein sehr großes Verlangen nach Schokolade hat, muss es dieses Bedürfnis nicht unterdrücken. Es gibt auch mal eine Currywurst, dazu jedoch beispielsweise Ofenkartoffeln und Gemüse ohne Fett. Wichtig ist, dass die Patienten ihr Essen auf fünf Mahlzeiten täglich verteilen. Dies verringert Magenknurren oder Unterzuckerung. Klagen die Kinder über Kopfschmerzen oder Schwindel, haben sie meist zu wenig Wasser getrunken.

 

Einem Kind, das gegen die Regeln verstoßen hat, darf man keine Vorwürfe machen. Es geht nicht um Charakterbewertung, sondern darum, ungesunde Essgewohnheiten zu erkennen und zu verändern. Und man sollte bedenken, dass es Grenzen gibt, die ein Kind nicht überschreiten kann. Zwillings-, Adoptions- und Familienstudien belegen eindrucksvoll die Beteiligung genetischer Faktoren beim Übergewicht. Egal ob Kind oder Erwachsener: Gegen die Prädisposition kann der Übergewichtige nichts tun; er kann aber versuchen, Ernährung und Bewegung zu optimieren.

 

Verhalten erkennen und verändern

 

Essen und Trinken haben viel mit der Psyche zu tun. In welchen Situationen esse ich zu viel? Warum bewege ich mich zu wenig? Wie gestalte ich meine Freizeit?

 

Die Konsensusgruppe Adipositasschulung empfiehlt: Kinder und Jugendliche sollten ihr Ess-, Bewegungs- und Freizeitverhalten genau betrachten und analysieren (2). »In 30 bis 50 Prozent der Fälle finden wir eine Essstörung«, sagt Siegfried. »Essen ist zum Trostpflaster geworden.«

 

Im nächsten Schritt erarbeiten die Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit den Therapeuten erreichbare Ziele des eigenen Ess-, Bewegungs- und Freizeitverhaltens. Sie werden dazu angeregt, sich Fragen zu stellen: Was soll ich anders machen, wie kann ich es verändern? Wann und warum stopfe ich drei Hamburger in mich hinein? Was könnte ich an die Stelle dieser Essanfälle setzen?

 

In kleinen Schritten versuchen die Therapeuten, das Verhalten zu verändern. Die Kinder führen ein Tagebuch, in dem sie ihr Ernährungs- und Bewegungsverhalten dokumentieren. Gutes Verhalten wird prompt gelobt. Das nennt man das Prinzip der positiven Rückkopplung.

 

Optimale Bewegung

 

»Unser vorrangiges Ziel bezüglich der Bewegungstherapie mag bescheiden klingen«, erklärt Wabitsch. »Die Kinder sollten Nicht-Bewegung vermeiden und möglichst wenig am Computer oder vor dem Fernseher sitzen.« Es gibt Sportarten, die für dicke Kinder nicht empfehlenswert sind. So belastet beispielsweise Joggen sehr stark die Fußgelenke. Zu befürworten sind Schwimmen, Spazieren gehen oder Fahrrad fahren. Die Gruppe ist wichtig. »Alleine würden die meisten übergewichtigen Kinder nicht viel machen.«

 

Bei extremer Adipositas kann zu viel Bewegung sogar gefährlich sein. Daher muss jeder Patient genau untersucht werden. Im Berchtesgadener Zentrum gehören unter anderem labormedizinische Untersuchungen zum Ausschluss von Diabetes mellitus Typ 2, Gicht, Fettleberentzündung oder Blutlipidstörungen, Belastungs-Elektrokardiogramm mit Atemgasanalyse, Untersuchung der Lungenfunktion und der Atmung im Schlaf sowie Ultraschalluntersuchungen zum Nachweis von erhöhtem inneren Bauchfett, Fettleber und Gallensteinen zum Programm. Früheste Stadien der so häufigen Plaquebildung in den Blutgefäßen werden durch Netzhautfotos und hoch auflösenden Ultraschall der teilweise schon verdickten Arterieninnenhaut nachgewiesen und deren Rückbildung wissenschaftlich untersucht.

 

Je nach körperlicher Fitness wird der Patient dann in eine von drei Sportgruppen eingeteilt. In Gruppe A wird geschwommen, Badminton und Volleyball gespielt sowie gewandert. Zu Behandlungsbeginn gibt es Patienten, die nicht einmal in Gruppe A einsteigen können. Sie wiegen zwischen 160 und 260 kg und unkontrollierter Sport ist möglicherweise sehr gefährlich für sie. Eine extreme rechtsventrikuläre Belastung, vor allem bei Nachweis von nächtlichen Atemstillständen (Schlaf-Apnoe-Syndrom) (13) kann sogar tödlich sein. Diese Patienten dürfen zunächst nur unter sporttherapeutischer Anleitung schwimmen oder langsam im hauseigenen Park spazieren gehen.

 

In Gruppe B wird das Sportprogramm gesteigert. Die Wanderstrecken sind länger, die Patienten unternehmen je nach Wetterlage Berg- und Mountainbike-Touren oder machen Skilanglauf. C-Sportler können sogar bergsteigen, Wildwasser fahren oder Abfahrtsläufe mit Skilehrer machen. Zusätzlich gibt es für fortgeschrittene Patienten auch Spezialangebote wie Boxen, Tanzen oder ein Wochenende auf der Selbstversorger-Berghütte. So viele Steigerungen schaffen jedoch nicht alle. »Manche Patienten erleben nur A und B – obwohl sie 30 kg abgenommen haben«, berichtet Siegfried.

 

Die Eltern einbinden

 

Auch die Eltern müssen lernen, damit ihr Kind zuhause nicht wieder in seine alten Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zurückfällt. Dazu Wabitsch: »Das Verhalten der Eltern muss sich ändern. Sie sollten lernen, anders zu kochen und sich mehr mit ihren Kindern zu bewegen.«

 

»Wir führen mit den Eltern ein Gespräch bei der Aufnahme und der Entlassung«, bestätigt Siegfried. Besuchen die Eltern ihre Kinder in Berchtesgaden, können sie mit allen Therapeuten sprechen. Dreimal im Jahr veranstaltet Insula ein Elternseminar, bei dem diese erfahren, wie Adipositas entsteht und welche Risiken und Folgeerkrankungen damit verbunden sind. Zudem können alle Eltern Einzelgespräche mit Ärzten, Pädagogen, Ökotrophologen, Sporttherapeuten und Psychologen führen. Die Therapeuten verdeutlichen ihnen, was sich zuhause ändern muss, wenn und bis das Kind zurückkehrt.

 

Wann Medikamente indiziert sind

 

»Wir machen primär keine medikamentöse Therapie«, erklärt Siegfried. »Medikamente geben wir nur dann befristet, wenn die konservative Standardtherapie nicht greift.«

 

Es gibt nur ein Arzneimittel gegen Adipositas, das für Kinder ab zwölf zugelassen ist: Orlistat. Es hemmt gastrointestinale Lipasen und verhindert so lokal im Magen-Darm-Trakt die Spaltung von Fetten in resorbierbare Monoglyceride und Fettsäuren. Die nicht resorbierten Fette (etwa 30 Prozent) werden mit dem Stuhl ausgeschieden, wodurch die Kalorienzufuhr sinkt. Orlistat vermindert die Aufnahme fettlöslicher Vitamine und kann zu öligen Durchfällen und Meteorismus führen. »Dies hat auch einen diagnostischen Effekt«, sagt der Arzt. »Fettige Durchfälle bedeuten, dass der Patient mehr Fett isst, als er zugibt.«

 

Sibutramin und Rimonabant sind ab 18 Jahren zugelassen. Sibutramin ist ein Noradrenalin/Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der den Grundumsatz erhöht. Die Nebenwirkungen sind erheblich. Es kann zu Schlafstörungen, Übererregbarkeit, Schwindel, Herzrhythmusstörungen oder Hypertonie kommen. Sibutramin ist kontraindiziert bei Schilddrüsenüberfunktion, Angina pectoris, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Epilepsie, Herzrhythmusstörungen und Störungen der Leber- und Nierenfunktion oder bei gleichzeitiger Einnahme von Antidepressiva und Neuroleptika.

 

Rimonabant hemmt Cannabinoid-Rezeptoren des Subtyps CB1. Zugelassen ist das Medikament zusätzlich zu Diät und Bewegung zur Behandlung einer Adipositas (BMI ab 30 kg/m2) oder für übergewichtige Patienten (BMI über 27 kg/m2), die einen oder mehrere Risikofaktoren wie Typ-2-Diabetes oder Dyslipidämie haben. Psychische Nebenwirkungen können auftreten: Depressionen, Angstgefühl und Übelkeit. Weitere mögliche unerwünschte Wirkungen sind Gedächtnisstörungen und vermutlich auch Krampfanfälle. Patienten, die wegen Depressionen behandelt werden, sollten diesen Wirkstoff nicht einnehmen, denn eine gefährliche Nebenwirkung sind durch Rimonabant ausgelöste Suizidgedanken. Bei Auftreten depressiver Symptome muss das Medikament sofort abgesetzt werden.

 

Erfolge mit Moby Dick und Co

 

Neben Insula und dem Gruppenprogramm der Uniklinik Ulm gibt es weitere Therapieprogramme, die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen werden (5). Zu ihnen zählen beispielsweise die Freiburg Intervention Trial for Obese Children (FITOC), Moby Dick, Obeldicks, Adi Fit und die Kombinierte DAK-Adipositasbehandlung für Kinder und Jugendliche.

 

Die Kombinierte DAK-Adipositasbehandlung umfasst eine sechswöchige stationäre Schulung, an die sich eine 10,5-monatige ambulante Nachbetreuung anschließt. Alle anderen im Folgenden vorgestellten Therapieprogramme werden dagegen ambulant durchgeführt.

 

FITOC richtet sich an 8- bis 11-jährige Kinder, deren Gewicht über der 97. BMI-Perzentile liegt. Als Basis der Ernährungstherapie wird eine ausgewogene Mischkost mit 1600 kcal zu Grunde gelegt. Von 364 Kindern, die an der Eingangsuntersuchung teilgenommen haben, konnten 71 Prozent nach der intensiven Phase den BMI-SDS verringern. Von einer Gruppe mit 238 Kindern hatte mehr als ein Viertel nach 3,1 Jahren einen niedrigeren BMI-SDS als zur Eingangsuntersuchung (7).

 

Das Hamburger Gesundheitsprogramm Moby Dick hat inzwischen viele Städte Deutschlands erobert. Hier lernen Kinder zwischen sechs und 17 Jahren innerhalb eines Jahres, wie sie ihr Gewicht verringern und langfristig niedrig halten können. Eine gesunde Mischkost, die sich an den Empfehlungen des Forschungsinstituts für Kinderernährung orientiert, gibt den Rahmen vor. Größe, Gewicht und Körperzusammensetzung werden zu Beginn des Trainings, nach einem halben Jahr und am Ende des Programms festgestellt und fremdevaluiert. Dabei zeigten Ergebnisse bei 108 Jungen und Mädchen, dass 72 Prozent den BMI-SDS-Wert nach einem Jahr reduzieren konnten (5).

 

Obeldicks wurde an der Vestischen Kinderklinik in Datteln in Kooperation mit dem FKE Dortmund und der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen der Region entwickelt. Das Programm richtet sich an adipöse Kinder und Jugendliche von sechs bis 15 Jahren mit einem BMI oberhalb der 97. Perzentile. Der Ernährungstherapie liegt die optimierte Mischkost des FKE zu Grunde. In einem Ampelsystem werden die Lebensmittel grünen (zum Beispiel Obst, Gemüse, Tee), gelben und roten Bereichen (fettreiche Lebensmittel und süße Getränke) zugeordnet. Die Daten von

 

54 Kindern und Jugendlichen zeigten, dass 69 Prozent nach Ende des Schulungsprogramms ihr Übergewicht um mehr als 5 Prozent reduziert hatten (im Mittel um 13 Prozent, entsprechend BMI-SDS-Abnahme im Mittel von 0,4) (9). Nach aktuelleren Daten hatten drei von vier Kindern diesen Erfolg. Ein Jahr nach Schulungsende hatten ebenso wie drei Jahre danach noch 64 Prozent einen niedrigeren BMI-SDS als zum Zeitpunkt der Eingangsuntersuchung (5).

 

Adi Fit ist ein Kurs für adipöse Kinder und Jugendliche, der vom Kinderhospital Osnabrück angeboten wird. Auch hier richtet sich das Ernährungskonzept nach der optimierten Mischkost des FKE und beinhaltet dreimal gemeinsames Kochen. Das Programm soll Kindern helfen, ihre Selbstwahrnehmung zu verbessern und ein stärkeres Selbstwertgefühl zu bekommen, um so die erzielte Gewichtsreduktion auf lange Sicht zu halten.

 

2003 gründete die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) die Kombinierte DAK-Adipositasbehandlung. Kinder und Jugendliche zwischen acht bis 15 Jahren werden zunächst in einer Klinik auf Sylt sechs Wochen lang stationär und anschließend 10,5 Monate wohnortnah ambulant behandelt. Das Programm wird nach den Leitlinien der AGA geführt. Eine aktuelle Untersuchung ergab, dass 44,1 Prozent der Kinder- und Jugendlichen ihr Gewicht um mindestens 0,3 BMI-SDS-Punkte verringern konnten. Gesundheitsverhalten, körperliche Fitness und Lebensqualität besserten sich deutlich. Während der ambulanten Nachbetreuung verringerten sich allerdings die erzielten Effekte (1).

 

Ein mühsamer Weg

 

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten? »Es gibt ein Konsensuspapier der AGA für die ambulante Therapie«, erklärt Wabitsch. »Darin sind klare Kriterien formuliert, wann ein Programm durchgeführt werden muss. Dieses dient den Krankenkassen als Grundlage.«

 

Das Konsensuspapier bezieht sich auf einen Paragraphen des Sozialgesetzbuches. Wörtlich heißt es dort (3): »Patientenschulungsprogramme für Kinder und Jugendliche können als ergänzende Leistungen zur Rehabilitation gemäß § 43 Abs. 1 Nr. 2 SGB V zum Einsatz kommen, wenn Leistungen der ambulanten haus- und fachärztlichen Behandlung nicht ausreichend sind.« Verschiedene Patientengruppen werden unterschieden, bei denen eine ambulante Therapie indiziert ist.

»Bei der langzeitstationären Therapie der Insula übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten. Aufnahmekriterien unsererseits sind ein BMI über 30 oder oberhalb der 99,5. Perzentile und eine hohe Eigenmotivation der Patienten«, erklärt Siegfried. Zudem werden Patienten mit morbider Adipositas aufgenommen, die aufgrund ungünstiger genetischer Veranlagung bei mittelgradiger Adipositas schon Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt haben und dringend 20 bis 30 kg abnehmen müssen. Mit Normalgewicht kommen viele wieder ohne Insulin aus.

 

Ein Umdenken scheint erforderlich: Die Folgekosten einer unbehandelten Adipositas sind erheblich höher als die Aufwendungen für die Teilnahme an einem erfolgreichen Therapieprogramm. Für ein adipöses Kind ist der Weg zum Normalgewicht weit und mühselig. Auf diesem Weg muss es hoch motiviert und willensstark sein und benötigt wirksame Unterstützung von außen. Jedes verlorene Kilo ist eine persönliche Leistung, die Anerkennung verdient.

 

Danksagungen: Professor Dr. med. Martin Wabitsch, Universitätsklinikum Ulm, und Dr. med. Wolfgang Siegfried, Adipositas Rehabilitationszentrum Insula, Berchtesgaden, danke ich vielmals für ihre wertvolle Unterstützung.

Literatur

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Reinehr, T., et al., Ambulante Schulung »Obeldicks« für adipöse Kinder und Jugendliche. Kinder- und Jugendmed. 1 (2001) 82-85.

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Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Dr. Borchard-Tuch freiberuflich tätig als Fachjournalistin und bearbeitet naturwissenschaftliche und medizinische Themen für Fachzeitschriften und große Zeitungen. Zudem verfasst sie wissenschaftliche Publikationen für die Pharmaindustrie und ist Autorin mehrerer Bücher.

 

Dr. med. Claudia Borchard-Tuch

Forsthofweg 9

86441 Zusmarshausen

E-Mail: claudia.borchard-tuch(at)a-city.de

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