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Krätzmilben

Starker Juckreiz in der Nacht

11.05.2016
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Die Krätze ist weltweit verbreitet und kommt auch in Deutschland noch vor. Hier führen die Krätzmilben vor allem in Gemeinschaftseinrichtungen wie Altenpflegeheimen zu Infektionen. Eine rasche Diagnose ist wichtig, da sich die Ausbreitung der Hauterkrankung durch eine frühzeitige Therapie effektiv unterbinden lässt.

Die Krätze, auch Skabies genannt, ist eine infektiöse Hauterkrankung, die von der Krätzmilbe (Sarcoptes scabiei var. Hominis) ausgelöst wird. Diese gehört zu den Spinnentieren. Die weiblichen Tiere werden etwa 0,3 bis 0,5 mm lang und sind damit an der Grenze der Sichtbarkeit; männliche Krätzmilben sind noch kleiner. 

 

Gelangt eine befruchtete weibliche Milbe auf die Haut eines Menschen, sucht sie dort nach einer geeigneten Stelle, um sich in die Epidermis einzugraben. Dieser Vorgang dauert etwa 20 bis 30 Minuten. In der Hornschicht legt sie einen Gang an, in dem sie Eier und Kot hinterlässt.

 

Weibliche Krätzmilben leben laut Informationen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zwischen vier und sechs Wochen und legen in dieser Zeit etwa zwei bis vier Eier pro Tag. Aus diesen schlüpfen nach zwei bis vier Tagen Larven, die sich über ein Nymphenstadium innerhalb von zehn bis 14 Tagen zu fortpflanzungsfähigen Tieren entwickeln. Männliche Krätzmilben graben keine Gänge, sondern suchen auf der Haut nach unbefruchteten Weibchen.

 

Warme Regionen bevorzugt

 

Da die Milben warme Hautareale mit einer dünnen Hornhaut bevorzugen, siedeln sie sich vor allem zwischen Fingern und Zehen, an Hand- und Fußgelenken, in Achseln und Leisten sowie an den Genitalien an. Bei Säuglingen, Kleinkindern und Immungeschwächten können auch Gesicht, behaarte Kopfhaut, Hände und Füße befallen sein. Bei Gesunden hält das Immunsystem die Zahl der Tiere niedrig. Bei immunsupprimierten Patienten, etwa mit HIV-Infektion oder nach Transplantation, kann der Befall dagegen massiv sein. Sie entwickeln eine hoch infektiöse Sonderform der Krätze, die sogenannte Scabies crustosa (norvegica), die sich durch eine starke Schuppenbildung, ähnlich der Psoriasis, auszeichnet.

 

Infektion bei direktem Hautkontakt

 

Milben sind getrennt vom Wirt nur begrenzt lebensfähig: Sie überleben bei einer Temperatur von 21 °C und 50 bis 80 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit etwa 24 bis 36 Stunden. Bei niedrigeren Temperaturen und höherer Luftfeuchtigkeit verlängert sich die Überlebenszeit. 

Da die Tiere auf den Wirt angewiesen sind, findet eine Übertragung in der Regel durch direkten Körperkontakt von zwei Personen statt. Infektionen können somit zum Beispiel beim Kuscheln mit Kindern, bei deren Körperreinigung, beim Schlafen in einem gemeinsamen Bett oder beim Geschlechtsverkehr auftreten. Indirekte Übertragungen etwa über kontaminierte Kleidung oder Bettwäsche sind möglich, aber selten.

 

Bei einer Erstinfektion dauert es etwa zwei bis fünf Wochen, bis erste Symptome auftreten. Kennzeichnend ist ein ausgeprägter Juckreiz, der auf einer allergischen Reaktion gegen Milbenproteine, -eier und -kot beruht. Es entstehen kleine Bläschen, Knoten oder Papeln auf der Haut. Charakteristisch ist, dass sich der Juckreiz nachts im Bett durch die Wärme verstärkt. Bei einer Reinfektion treten die Symptome rascher auf, weil bereits eine Sensibilisierung besteht.

 

Da es sich um eine allergische Reaktion handelt, kann der Juckreiz auch nicht befallene Hautareale betreffen. Er wird als sehr massiv beschrieben, was dazu führt, dass Infizierte sich so stark kratzen, dass mitunter die Haut beschädigt wird. In diese Läsionen können dann Bakterien eindringen und eine Sekundärinfektion verursachen. Dadurch verändert sich das Hautbild, was die Diagnose erschwert. Diese wird klinisch anhand der Symptome – nächtlicher intensiver Juckreiz und charakteristische Hauterscheinungen – gestellt. Zusätzlich sollten Milben oder deren Gänge nachgewiesen werden, um den Befund zu sichern.

 

Die Erkrankung ist gut zu behandeln. Zur Therapie der Skabies sind verschiedene Präparate auf dem Markt, die topisch oder oral zu applizieren sind. Bislang ist eine 5-prozentige Permethrin-Creme Mittel der Wahl. Diese muss auf dem gesamten Körper außer auf dem behaarten Kopf aufgetragen werden und über acht bis zwölf Stunden einwirken. Am besten erfolgt die Applikation über Nacht. Nach der Einwirkzeit kann die Creme mit Wasser und Seife abgespült werden. Eine einmalige Behandlung reicht in der Regel aus, um den Milbenbefall zu beseitigen. Werden nach zehn bis 14 Tagen noch weitere Tieren oder Gänge entdeckt, muss die Anwendung wiederholt werden. Zur Lokaltherapie stehen neben Permethrin-Cremes auch Präparate mit Allethrin, Benzylbenzoat, Präzipitatschwefel und Crotamiton zur Verfügung.

 

Orale Therapie verfügbar

Seit Anfang Mai ist mit Ivermectin (Scabioral® 3 mg Tabletten, Infectopharm) erstmals ein orales Medikament gegen die Krätze in Deutschland auf dem Markt (siehe dazu auch Krätze: Orales Ivermectin in Deutschland verfügbar). Bislang musste das Präparat über internationale Apotheken besorgt werden. Der Wirkstoff Ivermectin ist ein Makrolid aus der Gruppe der Avermectine. Es wird gegen Krätzmilben einmalig in einer Dosierung von 200 µg/kg Körpergewicht appliziert. Wenn der Milbenbefall weiterbesteht, sollte die Anwendung ebenfalls nach 14 Tagen wiederholt werden.

 

Eine Therapie sollte immer von weiteren hygienischen Maßnahmen begleitet werden. So sollten Kleidung, Bettwäsche und Handtücher mindestens täglich gewechselt und bei 60 Grad Celsius gewaschen werden. Schlecht waschbare Textilien können laut RKI-Angaben in verschweißten Plastiksäcken bei Zimmertemperatur (mindestens 20 °C) für vier Tage aufbewahrt werden, Oberbekleidung kann alternativ auch mit einem chemotechnischen Verfahren (Spezialwaschmittel) behandelt werden. Zudem können mit Krätzmilben kontaminierte textile Gegenstände wie Kuscheltiere und Schuhe auch für mindestens zwölf Stunden in der Tiefkühltruhe eingefroren werden.

 

Keine Daten für Deutschland

 

Die Krätze ist nach wie vor weltweit stark verbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von 130 Millionen Infektionen zu jedem Zeitpunkt aus. Im Prinzip können Personen jedes Alters, aus allen sozialen Schichten oder Herkunftsländern erkranken. Ein erhöhtes Risiko weisen kleine Kinder und ältere Personen aus ressourcenschwachen, tropischen Regionen und Gegenden mit niedrigem sanitärem Standard auf. Während die Krätze in Entwicklungsländern noch einen erheblichen Anteil aller Hauterkrankungen ausmacht, ist sie in Industrienationen wie auch in Mitteleuropa selten geworden. Hier tritt sie nur in Einzelfällen beziehungsweise in kleinen Ausbrüchen auf. Diese betreffen in der Regel Einrichtungen, in denen Personen in starker räumlicher Nähe untergebracht sind, wie Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser und Sammelunterkünfte wie Obdachlosen- oder Flüchtlingsheime.

 

Einzelnen Medienberichten zufolge steigt die Zahl der Krätzmilben-Infektionen in Deutschland an. Dies kann RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher aber nicht bestätigen: »In Deutschland gibt es keine ärztliche Meldepflicht für diese Erkrankung. Daher gibt es auch keine Daten zur Häufigkeit, die dies belegen.«

 

Entsprechend äußert sich auch Dr. Michael Forßbohm vom Gesundheitsamt Wiesbaden gegenüber der PZ: »Das deutsche Meldewesen erfasst die Krätze völlig unzureichend.« Laut Infektionsschutzgesetz besteht eine Pflicht für Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen, Erkrankungen bei Mitarbeitern oder Betreuten dem Gesundheitsamt zu melden. Aufgrund der fehlenden allgemeinen ärztlichen Meldepflicht gibt es aber keine belastbaren Daten. Allerdings können Krätzmilben in Sammelunterkünften große Probleme bereiten. Die Leiter solcher Einrichtungen sollten diese Erkrankung im Auge behalten, rät Forßbohm.

 

Da sie gut zu behandeln ist, lässt sich bei rascher Diagnose eine Weiterverbreitung des Erregers gut unterbinden. Effektiv ist hierbei eine gleichzeitige Behandlung der Betroffenen und aller Kontaktpersonen, auch wenn diese keine Symptome aufweisen. /

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