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OTC-Markt

Konzentration aufs Kerngeschäft

07.05.2014
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Von Thomas Glöckner / Die jüngsten Transaktionen der Pharmahersteller belegen eine Trendwende: Ziel ist nicht länger ein möglichst breit gefächertes Produktspektrum, sondern die Marktführerschaft in ausgewählten Geschäften.

Sir Andrew Witty ließ sich zwar Zeit. Doch fast genau sechs Jahre, nachdem der leidenschaftliche Marathonläufer den Chefposten des britischen Pharma-Riesen Glaxo-Smith-Kline (GSK) von Jean-Pierre Garnier übernommen hatte, stürmt der Topmanager ins Ziel. GSK übernimmt die Führung in einem neuen Gemeinschaftsunternehmen, in dem die Briten und der Schweizer Rivale Novartis ihr Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln bündeln. »Ich war immer vorbereitet, den richtigen Augenblick für die passende Gelegenheit zu erwischen«, freut sich Dauerläufer Witty.

»Historischer Wendepunkt«

 

An diesem Geschäft mit OTC-Arzneimitteln hat GSK künftig einen Anteil von 63,5 Prozent und sieben Sitze im Management. Juniorpartner Novartis bleiben 36,5 Prozent, vier Posten – und die Option, das Geschäft komplett an GSK zu verkaufen. Novartis-Chef Joseph Jimenez: »Ein historischer Wendepunkt.«

 

Mit dem umfassenden Deal, bei dem GSK nebenbei auch seine Krebssparte an Novartis weiterreicht und die Schweizer einen Großteil ihrer Impfstoffe an die Briten abtreten, stellt Witty nicht nur die Weichen für den größten britischen Pharmakonzern neu. Das Unternehmen gibt auch die aktuelle Richtung für die Pharmabranche vor, die sich – wieder einmal – neu sortiert. Leitmotiv ist nicht länger ein möglichst breit gefächertes Produktangebot, sondern die Marktführerschaft in einzelnen Kernsegmenten. »Nachdem die schlimmsten Folgen von Patentabläufen und ausbleibenden Innovationen überstanden sind«, so die Analyse der »Financial Times«, »fassen die Pharmahersteller neue Wachstumschancen ins Auge.«

 

GSK konzentriert sich künftig auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente und Impfstoffe. Beide Geschäfte gelten zwar als tendenziell weniger profitabel. Sie sind aber für die Unternehmen auch weniger riskant als rezeptpflichtige Arzneien, deren Ent-wicklung wesentlich höhere Investitionen verschlingen. Gemeinsames Ziel mit Novartis ist nun »eine führende Position in den vier Kernbereichen Wellness, Mundgesundheit, Hautgesundheit und Ernährung«, betont eine GSK-Sprecherin. Die Bündelung von Vertrieb und Produktion, so die Kalkulation, bringt den Vertragspartnern jährliche Einsparungen von umgerechnet rund 485 Millionen Euro.

 

Für Novartis bedeutet die Hochzeit mit GSK das Eingeständnis, auf lange Sicht mit dem OTC-Geschäft (Otriven®, Voltaren®, Fenistil®) nicht wettbewerbsfähig zu sein. Als Nachfolger des langjährigen Novartis-Chefs Daniel Vasella, der den Baseler Pharmakonzern aus Sandoz und Ciba-Geigy formte, räumt Jimenez nach seinen beruflichen Stationen bei der Beteiligungsgesellschaft Blackstone und dem Ketchup-Hersteller H.J. Heinz im Medikamenten-Portfolio des Roche-Nachbarn auf.

 

Neue Chancen für Novartis

 

Der Absolvent der Standford-University bewies schon als Chef der Universitäts-Schwimmmannschaft nicht nur Ausdauer, sondern auch das Gespür dafür, wann es Zeit für die Wende ist. Der Deal mit GSK gebe Novartis »die Chance, uns auf diejenigen Geschäfte zu konzentrieren, bei denen wir eine führende Position besetzen«, betont Jimenez.

 

2013 kam das OTC-Geschäft von Novartis zusammen mit den Produkten für Tiergesundheit auf einen Umsatz von 4,1 Milliarden Dollar – ein Anteil von nur 7 Prozent am gesamten Umsatz der Novartis-Gruppe. Erst der Zusammenschluss mit GSK bringt Novartis daher nach eigener Einschätzung »die Chance, in einem wichtigen Segment der Gesundheitsindustrie zu bleiben«.

 

Demonstrativ entspannt verfolgt der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern Bayer mit seinen Traditionsprodukten Aspirin® und Alka-Seltzer® das Tauschgeschäft zwischen GSK und Novartis. »Wir bleiben einer der größten Player im Markt mit starken Marken«, betont ein Konzernsprecher, »daran ändert sich nichts.«

 

Im OTC-Bereich bedeutet das neue Gemeinschaftsunternehmen für die Rheinländer allerdings eine starke Konkurrenz, zumal Bayer im Geschäft mit rezeptfreien Präparaten zuletzt weniger umsetzen konnte. Im ersten Quartal, über das Bayer Ende April berichtete, schrumpfte der OTC-Umsatz um fast 5 Prozent. Das konnten auch starke Verkaufszahlen beim Hautpflegemittel Bepanthen®/Bepanthol® (plus 22 Prozent) und dem Nahrungsergänzungsmittel Supradyn® (plus 15 Prozent) nicht verhindern.

 

Bayer hat Appetit auf mehr

 

Bayer, dessen Wachstumsstrategie nach Auskunft eines Sprechers «generell auf internem Wachstum beruht«, ist deshalb auch auf Zukäufe angewiesen. Zuletzt haben sich die Rheinländer das Darmstädter Unternehmen Steigerwald (Iberogast®, Proaktiv®) und mit der chinesischen Dihon Pharmaceutical Group einen Hersteller traditioneller chinesischer Medizin einverleibt.

 

Und jetzt hat Bayer wohl Appetit auf mehr. Am Dienstag kündigte das Unternehmen an, das OTC-Geschäft des US-Pharmakonzerns Merck & Co. übernehmen zu wollen. Damit würde Bayer sein Portfolio unter anderem um Sonnencremes und Fußpflegemittel (Dr. Scholl’s®) erweitern. 14,2 Milliarden US-Dollar (etwa 10,2 Milliarden Euro) sollen die Rheinländer für diesen Deal zahlen, sie würden damit nach eigenen Angaben zur weltweiten Nummer zwei unter den OTC-Herstellern aufsteigen. Bayer-Chef Marijn Dekkers sprach von einem »Meilenstein auf unserem Weg zur angestrebten globalen Marktführerschaft im attraktiven Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln«.

 

Bayers Chancen auf die Übernahme waren gestiegen, nachdem der Konsumgüterriese Reckitt Benckiser aus den Verhandlungen mit Merck ausgestiegen war. Die Briten hatten sich vor zwei Jahren mit den Rheinländern bereits ein Bietergefecht um den Vitaminhersteller Schiff Nutrition geliefert – und waren damals als Sieger vom Platz gegangen.

 

Mit Interesse verfolgt auch der Deutsche Apothekerverband (DAV) die nach ruhigen Jahren nun offenbar wieder anziehende Fusionitis unter den Pharmagiganten. Pro Kopf und Jahr geben die Bundesbürger immerhin 52 Euro für Selbstmedikation aus. Vier von zehn Packungen, die in den Apotheken über den Ladentisch gehen, enthalten rezeptfreie Medikamente. Mit rund 3,6 Milliarden Euro (2012) macht die Selbstmedikation knapp zehn Prozent des gesamten Apotheken-Umsatzes aus.

 

Absatz eingebrochen

 

Zwar ist der Absatz von rezeptfreien Präparaten in Apotheken und im Versandhandel nach Zahlen des Marktforschers IMS Health im Januar und Februar um fast zehn Prozent eingebrochen. Der Umsatz lag bei 739 Millionen Euro mit gut drei Prozent im Minus. Dies war allerdings wesentlich dem milden Winter geschuldet, in dem die Kundschaft weniger Nasentropfen, Halsschmerz- und Erkältungsmittel nachfragte.

 

Der aktuelle Trend sendet ein anderes Signal. »In den vergangenen Jahren hat die Selbstmedikation tendenziell an Bedeutung verloren«, so ein DAV-Sprecher. »Seit 2013 weist sie wieder eine positive Tendenz auf.« Von diesem Kuchen will jeder Anbieter ein möglichst großes Stück für sich. /

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