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Telematik

Wer bezahlt, wer profitiert?

12.05.2006
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DAV-Wirtschaftsforum

Telematik: Wer bezahlt, wer profitiert?

Schlagzeilen über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen gehören mittlerweile zur Tagesordnung. »Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) bietet die Chance, Kosten nachhaltig zu senken und die Versorgungsqualität gleichzeitig zu verbessern«, sagte Dr. Rainer Bernnat von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.

 

In anderen Ländern wurde die Karte bereits eingeführt. So wurden im Jahr 2003 mehr als 22 Millionen Chipkarten in Taiwan ausgegeben und im vergangenen Jahr erhielten 11 Millionen Österreicher ihre neue Versichertenkarte. In Deutschland werden derzeit alle Komponenten und Anwendungen der neuen Gesundheitskarte und der technischen Infrastruktur getestet. Die Prozesse werden dabei optimiert und weiterentwickelt.

 

Die Einführung der eGK ist eines der größten Projekte der Informationstechnologie: Etwa 200.000 Ärzte, 21.500 Apotheker, mehr als 2000 Krankenhäuser und knapp 300 Krankenkassen sollen miteinander vernetzt werden. »Das Projekt gehört weltweit zu den ambitioniertesten in diesem Sektor«, so Bernnat, dessen Arbeitgeber mit der Erstellung einer Studie über die voraussichtlichen Kosten und den Nutzen der Gesundheitskarte beauftragt wurde. Sowohl bei den Versicherten als auch bei den Leistungserbringern besteht noch großer Aufklärungsbedarf, fügte er hinzu.

 

Signieren kostet Zeit und Geld

 

Kosten entstehen zum Beispiel bei den Krankenversicherungen, wenn mehr als 60 Millionen Passfotos eingelesen werden. Auch in Arztpraxen und Apotheken sind zusätzliche Ausgaben programmiert. Sie benötigen nicht nur einen Heilberufsausweis, sondern auch einen Multifunktionskartenleser, einen Konnektor und ein Upgrade der Software.

 

Zudem können auch Details im Prozessablauf schnell zur Kostenfalle mutieren. So müssen elektronische Rezepte zukünftig anstelle der Unterschrift digital signiert werden. Dazu geben die Ärzte eine sechsstellige PIN ein. »Verbringt jeder Arzt nur acht bis zehn Minuten pro Tag mit Si\-gnieren, so führt das zu erhöhten Wartezeiten und Mehraufwendungen von 100 bis 150 Millionen Euro«, warnte Bernnat.

 

Den zusätzlichen Kosten stehen zahlreiche Nutzen gegenüber. Zum einen werden administrative Prozesse mit Einführung der eGK erleichtert. Bei einem Adresswechsel oder Statuswechsel (Familienversicherung, Rentner, DMP-Zugehörigkeit) müsse zum Beispiel keine neue Karte ausgestellt werden. Die Aktualisierung der Versicherungsstammdaten sei online möglich. Daneben werden sich auch medizinische Abläufe verbessern lassen und Fragen der Arzneimittelsicherheit berücksichtigt. Zum Beispiel können Kontraindikationen und Interaktion bei der Medikation frühzeitig erkannt werden.

 

Kartenmissbrauch eindämmen

 

Geplant ist, dass die elektronische Gesundheitskarte Pflichtangaben enthält, wie sie auf der bisherigen Versichertenkarte gespeichert sind. Dazu gehören Angaben zur Person wie Name, Geburtsdatum, Geschlecht und Anschrift. Hinzukommen Angaben zur Krankenversicherung, also die Krankenversichertennummer sowie der Versicherten- und Zuzahlungsstatus. Pflicht ist auch ein Passbild für alle Versicherten, die das 15. Lebensjahr vollendet haben. So soll vor allem der Missbrauch der Karte erschwert werden. Die tatsächliche Zahl an missbräuchlich eingesetzten Versicherungskarten ist unbekannt. Schätzungsweise entsteht dadurch ein jährlicher Schaden von 300 Millionen bis einer Milliarde Euro. Dank des Fotos und der Möglichkeit, die Karte bei Verlust online sperren zu lassen, wird der Missbrauch zurückgehen, so Bernnat.

 

»Mehr als 7000 Menschen pro Jahr sterben an unerwünschten Arzneimittelwirkungen«, sagte der Betriebswirt. Deshalb ist geplant, neben den Pflichtangaben und dem elektronischen Rezept, zusätzliche medizinische Angaben freiwillig speichern zu lassen. Dazu gehören die Arzneimitteldokumentation, Notfalldaten wie Blutgruppe, Vorerkrankungen, Allergien und Arzneimittelunverträglichkeit. Auch Arztbriefe und Patientenquittungen gehören laut Planung dazu.

 

Der Patient selbst entscheidet, wer welche Daten einsehen kann. Der Umgang mit der eGK unterliegt strengen datenschutzrechtlichen Regeln. Vorstellbar sei, dass Versichertenterminals, so genannte E-Kioske auch in Apotheken stehen. An Terminals, die wie Geldautomaten aussehen, können die Versicherten das Zugriffsprotokoll aufrufen, Verordnungen ansehen und unsichtbar machen oder ihre Stammdaten aktualisieren.

 

Die Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Analyse liegen noch nicht vor. Bernnat zeigte sich zuversichtlich, dass der Patient von der Einführung der eGK profitieren wird. Ob die Versicherten das Projekt zum Beispiel über erhöhte Krankenkassenbeiträge auch bezahlen müssen, blieb unbeantwortet.

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