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Radon

Radioaktive Strahlung bei Schmerzen

26.04.2011
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dpa / In einem alten Bergwerksstollen am Bad Kreuznacher Nahe-Ufer inhalieren Schmerzpatienten das radioaktive Gas Radon, das dort aus den Tiefen des Gesteins strömt. Die Strahlung soll Leiden wie Rheuma lindern. Der Nutzen einer Radontherapie ist jedoch umstritten.

»Das Radon wirkt schmerzstillend, und zwar anhaltend schmerzstillend«, ist der 81-jährige Sanitätsrat Hans Jöckel überzeugt. Der Internist und Badearzt ist ärztlicher Leiter des einzigen deutschen Radonstollens. 1912 war in der rheinland-pfälzischen Kurstadt begonnen worden, Patienten mit Radon aus dem alten Bergwerk zu behandeln. Das Edelgas entsteht, wenn das in der Erdrinde vorkommende Metall Radium (ein Zerfallsprodukt des Urans) seinerseits zerfällt. Helfen soll die Radonbehandlung nach Angaben der Stollenbetreiber unter anderem bei Morbus Bechterew, chronischer Gicht, Weichteilrheumatismus und altersbedingten Erkrankungen von Wirbelsäule und Gelenken.

Ein plausibler Wirkmechanismus ist nicht bekannt. Jöckels Hypothese: Die vom Radon abgegebene Alphastrahlung sorge dafür, dass statt entzündungsfördernder Stoffe entzündungshemmende Stoffe ausgesendet würden. Die Wirkung halte länger an als bei Tabletten, zudem gebe es keine Nebenwirkungen, meint Jöckel. Diese Aussage dürfte Naturwissenschaftler stutzig machen.

 

Das Radon aus dem Berg strömt durch ein Kunststoffrohr in den Stollentrakt, ein Messgerät überprüft den Luftstrom. Eine Gefahr geht laut Jöckel nicht davon aus, dafür sei die Menge zu gering. »Bei Radioaktivität ist alles eine Frage der Dosis«, sagt er. Bei neun Stollensitzungen kämen nur 1,8 Millisievert zusammen. Das entspreche etwa der Menge, die man bei drei Wochen im Gebirge durch natürliche Strahlung abbekomme.

 

Das Bundesamt für Strahlenschutz weist darauf hin, dass Nutzen und Risiko der Radontherapie kontrovers diskutiert werden. Erhöhte Radonbelastungen seien eindeutig Ursache für ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko, so die Behörde. Auch gebe es keine eindeutige Erklärung dafür, dass Radon tatsächlich die Ursache von Behandlungserfolgen einer Radontherapie gewesen sei. Vereinzelte Studien lieferten Hinweise dafür.

 

Bei genauer Abwägung von Nutzen und Risiko und sorgfältiger Überwachung könne eine Radonkur im Rahmen einer ärztlichen Verschreibung gerechtfertigt sein – wenn damit bei einer chronischen rheumatischen Erkrankung der Medikamentenkonsum deutlich und langfristig gesenkt werden könne.

 

Gewarnt wird aber vor erhöhten Radon-Konzentrationen, die unter bestimmten Umständen in Gebäuden auftreten können. »Radon ist bei Dauerbelastung das zweithöchste Lungenkrebsrisiko nach dem Rauchen«, sagt eine Sprecherin des Amtes. Nach Schätzungen von Experten werden in Deutschland ungefähr 5 Prozent aller tödlichen Lungenkrebsfälle im Jahr (also etwa 1900) durch Radon in Wohnungen verursacht. / 

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