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Langzeit-Effekt

Antibiotika erhöhen Darmkrebsrisiko

12.04.2017
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Von Annette Mende / Wer in jungen Jahren häufig oder über einen längeren Zeitraum Antibiotika einnimmt, hat mit über 60 ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs. Der in einer prospektiven Beobachtungsstudie gesehene Zusammenhang wird vermutlich über eine Veränderung der Darmmikrobiota durch die antibakteriellen Wirkstoffe vermittelt.

Die Datenbasis der aktuell im Fachjournal »Gut« veröffentlichten Analyse bildete die Nurses’ Health Study (NHS), eine prospektive Kohortenstudie mit 121 000 Krankenschwestern in den USA. Die Teilnehmerinnen waren zu Beginn der Studie im Jahr 1976 zwischen 30 und 55 Jahre alt und wurden seitdem regelmäßig per Fragebögen zu demografischen Daten, Lebensstil, Ernährung und Krankheiten befragt. Aus der Untersuchung, die eine der wichtigsten Längsschnittstudien zu Gesundheitsfragen ist, konnten schon viele, vor allem ernährungsmedizinische Zusammenhänge abgeleitet werden. Medien bezeichneten die Teilnehmerinnen der NHS bereits als die bestuntersuchten Schwestern der Welt.

In die aktuelle Auswertung bezogen die Autoren um Yin Cao von der Harvard Medical School in Boston 16 462 Frauen ein, die im Jahr 2004 mindestens 60 Jahre alt waren und die zwischen 2004 und 2010 mindestens einmal per Koloskopie untersucht worden waren (DOI: 10.1136/gutjnl-2016- 313413). Im Zuge der Darmspiegelungen fanden sich bei 1195 Frauen Adenome, also Darmkrebs-Vorstufen. Setzten die Forscher diese Fälle mit dem in den Fragebögen dokumentierten früheren Gebrauch von Antibiotika in Beziehung, zeigte sich, dass dieser das Adenom-Risiko signifikant steigen ließ, und zwar umso mehr, je länger Anti­biotika angewendet worden waren.

 

Mehr als zwei Monate lang Antibiotika

 

So hatten Frauen, die im Alter zwischen 20 und 39 Jahren insgesamt mindestens zwei Monate lang Antibiotika eingenommen hatten, ein um 36 Prozent erhöhtes Adenom-Risiko (Odds Ratio 1,36). Ein mindestens zweimonatiger Antibiotika-Gebrauch im Alter zwischen 40 und 59 bedeutete einen 69-prozentigen Risikoanstieg (Odds Ratio 1,69), jeweils verglichen mit Frauen ohne jede Antibiotika-Anwendung. Dagegen war der Einsatz von Antibio­tika in den vier Jahren vor der Darmspiegelung nicht mit einem erhöhten Adenom-Risiko assoziiert; ein kurzfristiger Effekt war also nicht zu erkennen.

 

Als wahrscheinliche Erklärung für den beobachteten Risikoanstieg nennen die Autoren eine Veränderung der Darmmikrobiota durch Antibiotika. Die bakterielle Lebensgemeinschaft im Darm werde durch die Arzneistoffe aus dem Gleichgewicht gebracht und verliere an Diversität. Bestimmte Taxa nähmen überhand, in der Folge verändere sich die metabolische Kapazität und die Resistenz gegen eindringende Pathogene nehme ab. Momentan sei noch unklar, wovon es abhängt, ob die Mikrobiota nach einer Antibiotika-Therapie wieder in ihren ursprüng­lichen Zustand zurückkehrt oder sich in einer geänderten Zusammensetzung stabilisiert. Als Risiko-Mikrobiom für Darmkrebs war in Studien bereits das Verschwinden von Bacteroidetes, Firmicutes (Clostridia) und Proteobacteria (Enterobacteriaceae) und ein Anstieg von Fusobacteria identifiziert worden.

 

Veränderung der Darmmikrobiota

 

Für die These des Mikrobiom-Shifts als Krebsrisiko spricht auch die Tatsache, dass in der aktuellen Studie tendenziell mehr Adenome im vorderen (proxi­malen) Teil des Kolons gefunden wurden als im hinteren (distalen). Denn im proximalen Kolon ist die Bakterien­besiedelung dichter als im distalen, sodass sich eine Veränderung der Mikrobiota hier wohl stärker auswirkt. Für Patienten und Ärzte ist das keine gute Nachricht, denn Adenome werden bei der Koloskopie in diesem Bereich des Darms schlechter gefunden als im distalen Kolon.

 

Als mögliche Erklärung ziehen die Autoren aber auch eine Entzündung in Betracht. Dabei handelt es sich um einen anerkannten Risikofaktor für Darmkrebs. Infektionen, die eine Antibiotika-Therapie erfordern, könnten auch eine Entzündung induzieren, so die These. Das erhöhte Krebsrisiko sei dann nicht auf die Antibiotika an sich, sondern auf die Entzündung zurück­zuführen. Wie auch immer: Das Ergebnis dieser Studie mahnt einmal mehr zum zurückhaltenden Einsatz der Antiinfektiva. /

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