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Ernährung

Krankhaft fixiert auf Gesundes

06.04.2010
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Von Nicole Schuster / »Orthorexia nervosa« beschreibt die übersteigerte Fixierung auf als gesund geltende Nahrungsmittel. Die Beschäftigung mit der Ernährung nimmt bei den Betroffenen einen zwanghaften und unverhältnismäßig hohen Stellenwert ein. Ob es sich bei diesem Essenskult um eine Essstörung handelt, ist unter Experten umstritten.

Anders als die klassischen Essstörungen, bei denen die Menge der Nahrungsmittel im Blickpunkt steht, geht es Orthorektikern vor allem um die Qualität. Alles, was als ungesund gilt, im Verdacht steht, schadstoffbelastet zu sein, oder mit künstlichen Stoffen angereichert ist, meiden sie konsequent. »Das Modethema gesunde Ernährung ist bei diesen Menschen außer Kontrolle geraten«, sagt Dr. Lisa Pecho, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Leiterin für Medizin bei ANAD, einer Behandlungsinitiative für Menschen mit Essstörungen, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

In seinen zwanghaften Zügen ähnelt der Kult um gesunde Ernährung den bekannten Essstörungen Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht). Der Erstbeschreiber dieses Gesundheitswahns, der amerikanische Arzt Steven Bratman, bezeichnete ihn 1997 entsprechend als Orthorexia nervosa. Experten sind sich jedoch uneins, ob es sich dabei wirklich um eine Essstörung oder nur um eine extreme Ernährungs- und Lebensweise handelt. »Die Bezeichnung Orthorexie kommt vom griechischen ortho, was so viel wie aufrecht, gerade, gesund heißt«, sagt Professor Dr. Manfred Fichter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS), gegenüber der PZ. »Eine Essstörung, die aufrecht, gerade und gesund ist, gibt es jedoch nicht.« Natürlich gebe es nicht wenig Magersüchtige, die ihr magersüchtiges Verhalten mit Gesundheitsargumenten zu begründen oder zu verteidigen versuchten. »Das ist aber weder glaubhaft noch wissenschaftlich ernst zu nehmen.« Die Ärztin Pecho von ANAD ist da anderer Meinung: »In bestimmten Fällen können wir bei der Orthorexie durchaus von einer Essstörung sprechen. Die Betroffenen sind kaum noch fähig, ein normales Leben zu führen und weisen alle Anzeichen einer Zwangserkrankung auf.«

 

Für Genuss kein Platz mehr

 

Gerade die Übergänge zwischen Orthorexie und Magersucht können fließend sein und beide Formen sind mitunter nur schwer voneinander zu trennen. So kann der mitunter extrem eingeschränkte Speiseplan der Gesundesser stark an das restriktive Essverhalten der Anorektiker erinnern. Typisch sind für beide Formen Listen mit verbotenen und erlaubten Nahrungsmitteln. Orthorektiker sortieren hier nicht in erster Linie nach dem Kaloriengehalt, sondern vor allem nach dem gesundheitlichen Nutzen der Lebensmittel. Bestimmte Fette wie Omega-3-Fettsäuren, komplexe Kohlenhydrate und Ballaststoffe sind meistens erlaubt, tierische Fette, Zucker und Alkohol hingegen verboten. Industriell vorgefertigte Produkte sind ebenso wie Kantinenkost tabu.

 

 

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung.

Die nächste Folge zum Thema »»Essen und Psyche««

erscheint in PZ 16 und ist bereits am Montag, dem 19. April,

online verfügbar unter »Zum Thema«.

Dort finden Sie auch eine Übersicht der bereits erschienenen Beiträge.

Orthorektiker wollen alles, was sie essen, selbst zubereiten. An so gut wie jede wissenschaftliche Empfehlung zur Ernährung halten sie sich rigide wie an ein Gesetz. Im Alltag macht sie das höchst unflexibel. Ein weiteres Problem ist, dass Einkäufe im Bioladen, im Reformhaus oder direkt beim Ökobauern auf Dauer viel Geld kosten. Es erfordert zudem viel Zeit, alles selbst zuzubereiten und auf keinerlei Fertigprodukte oder Kochhilfen wie Körnerbrühe oder Gewürzmischungen zu vertrauen. So kann die Zubereitung der Mahlzeiten inklusive Planung bei Orthorektikern mehrere Stunden täglich ausfüllen. Für viele Betroffene wird die Ernährung zum hauptsächlichen Lebensinhalt. Familie und Freunde müssen zurückstecken, der Einsatz im Beruf geht zurück, und für andere Hobbys außer der Essenszubereitung bleibt kaum noch Zeit. Orthorektikern muss ihr Essen dabei noch nicht einmal schmecken, können sie doch selten das essen, worauf sie Lust haben. Sie essen das, wovon sie glauben, dass sie es jetzt brauchen, da es an dieser Stelle in ihren Ernährungsplan passt. Wichtig ist für sie zudem, am »richtigen« Mahlzeitenrhythmus festzuhalten. Eine Herausforderung steht immer dann an, wenn der gewöhnliche Tagesablauf daheim durchbrochen werden und der Betroffene auswärts eine Mahlzeit einplanen muss. Wer alle Gerichte und Speisen, die er nicht selbst zubereitet hat, meidet, ist gezwungen, unterwegs entweder nichts zu essen oder sich eigene Lebensmittel von zu Hause als Proviant mitzunehmen. Auf sozialer Ebene fällt das negativ auf und auch aus diesem Grund meiden viele Orthorektiker zunehmend die Gesellschaft anderer.

 

Schleichender Einstieg

 

Meistens beginnt eine Orthorexia nervosa schleichend. Der Einstieg kann der Wunsch nach einer gesünderen Ernährung sein. Oft erwächst dieser aus der Angst heraus, sich durch die falsche Ernährung zu schaden und langfristige Schäden wie Diabetes, Bluthochdruck, Rückenbeschwerden, Schlaganfälle, Herzprobleme oder Krebserkrankungen zu erleiden. Anders als Menschen, die sich normal ausgewogen ernähren, übertreiben Orthorektiker es mit ihrem Wahn, alle »falschen« und vermeintlich schädlichen Lebensmittel strikt zu meiden und sich ausschließlich von jenen zu ernähren, die der Gesundheit dienen sollen. »Auch Menschen, die an einer der klassischen Essstörungen leiden oder litten, sind gefährdet, eine Orthorexia nervosa zu entwickeln, wenn sie sich auf dem Weg zur Heilung mit gesunder Ernährung beschäftigen«, sagt Pecho. Betroffene können dann von einem Extrem ins andere fallen und ein restriktiver Umgang mit der Ernährung kann in eine allein auf den gesundheitlichen Nutzen bedachte Ernährungsweise umschlagen.

Kennzeichnend für die Orthorexia nervosa sind ihr zwanghafter Charakter, das große Bedürfnis der Betroffenen nach Kontrolle sowie Schuldgefühle, wenn der Essensplan einmal nicht eingehalten wird. Zur Diagnose kann der Orthorexie-Selbsttest von Steven Bratman herangezogen werden (siehe Kasten). Hier geht es da­rum, zehn Fragen nach dem eigenen Essverhalten zu beantworten, zum Beispiel ob man täglich mehr als drei Stunden damit verbringt, übers Essen nachzudenken, oder ob man das eigene Selbstwertgefühl durch eine gesunde Ernährung steigern kann. Auffällig sind Personen, die vier oder fünf Fragen mit »Ja« beantworten.

 

Wieder normal essen

 

Negative gesundheitliche Folgen sind bei der orthorektischen Ernährungsweise meist nicht zu erwarten. Gleichwohl kann es bei Extremformen zu Mangelerscheinungen kommen, wenn Betroffene zum Beispiel außer Rohkost nichts anderes mehr essen wollen. Auch kann eine Unterversorgung mit Fetten oder Kohlenhydraten stattfinden, ebenso eine Unterversorgung mit bestimmten Mineralstoffen wie etwa Calcium und Eisen. Essen sollte aber nicht nur der Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen dienen, sondern auch Spaß machen und bei bestimmten Anlässen die Geselligkeit fördern. Zudem sollte die Beschäftigung mit dem Speiseplan nicht den ganzen Tag ausfüllen, sondern genügend Freiraum für Hobbys, Freunde und den Beruf lassen. Orthorektikern fehlt hier der Ausgleich.

 

Die Behandlung gestaltet sich ähnlich wie bei den klassischen Essstörungen. Die Patienten müssen ein ausgewogenes, normales Essverhalten wieder lernen. Das kann für sie mit großer Angst besetzt sein. »Für einen ehemaligen Veganer ist es eine extreme Herausforderung, wieder ein Stück Fleisch zu essen«, weiß die Expertin von ANAD aus Erfahrungen mit Betroffenen in den therapeutischen Wohngruppen des Vereins. Um bei einer zu extremen Fokussierung auf gesunde Lebensmittel wieder mehr Gelassenheit zu entwickeln, sind vor allem Zeit und Geduld gefragt. Betroffene sollten ihre Ernährungsweise langsam umstellen und sich Schritt für Schritt an »verbotene« Lebensmittel heranwagen. Sie müssen lernen, dass bestimmte kleine Ernährungssünden hin und wieder erlaubt sein dürfen und manchmal auch die Lebensqualität steigern können. Es muss ja nicht gleich eine ganze Tafel Schokolade auf einmal verzehrt werden. Wichtig ist bei der Ernährung wie bei allem anderen auch, das richtige Maß zu halten. /

Selbsttest nach Bratman

Denken Sie mehr als drei Stunden am Tag über Ihre Ernährung nach?

Planen Sie Ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?

Ist Ihnen der ernährungsphysiologische Wert Ihrer Mahlzeit wichtiger als die Freude an deren Verzehr?

Hat die Steigerung der angenommenen Lebensmittelqualität zu einer Minderung Ihrer Lebensqualität geführt?

Sind Sie in letzter Zeit mit sich strenger geworden?

Steigert sich Ihr Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?

Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Sie früher gerne gegessen haben, um nun »richtige« Lebensmittel zu essen?

Haben Sie durch Ihre Essensgewohnheiten Probleme auszugehen, und distanzieren Sie sich dadurch von Freunden und Familie?

Fühlen Sie sich schuldig wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?

Fühlen Sie sich glücklich und unter Kontrolle, wenn Sie sich gesund ernähren?

Je mehr Fragen mit »Ja« beantwortet werden, desto stärker sieht Bratman die Neigung zur Orthorexie ausgeprägt. Wer vier oder fünf Fragen bejaht, gilt als gefährdet

Literatur

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Yu-Hua, C. S., Health concern, food choice motives, and attitudes toward healthy eating: The mediating role of food choice motives. Appetite 51 (2008), 42-49.

Eriksson, L., et al., On the concept of orthorexia nervosa: a rebuttal. Scand J Med Sci Sports 18 (2008), 397.

Mathieu, J., What Is Orthorexia? Journal of the American Dietetic Association 105, 10 (2005), 1510-1512.

DGE: Orthorexia nervosa (2004).

 

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