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Pandemievorbereitung

Lehren aus der Schweinegrippe

22.03.2011
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Von Annette Mende, Berlin / Mit dem milden Verlauf der Influenza- Pandemie im vergangenen Jahr hatte die Welt vor allem eines: Glück gehabt. Denn wäre das Virus pathogener gewesen, hätten die Vorbereitungen wohl nicht ausgereicht, und sehr viele Menschen wären gestorben.

»Das pandemische Influenza-Virus war ein extrem schnelles Virus, das sich in sehr kurzer Zeit überall auf der Welt ausgebreitet hat«, sagte Professor Dr. Tom Schaberg vom Diakoniekrankenhaus in Rotenburg an der Wümme bei einer Konferenz von Impfexperten Anfang des Jahres in Berlin. Anders als etwa der Erreger der sogenannten Spanischen Grippe, dem nach Ende des Ersten Weltkrieges mehrere Millionen Menschen zum Opfer fielen, zeichnet sich das sogenannte Schweinegrippe-Virus aber durch eine ausgesprochen niedrige Pathogenität aus. »Und das war unser Glück«, so Schaberg. Denn die Kapazitäten der Intensivstationen in deutschen Kliniken seien bereits mit dem wenig pathogenen Erreger erschöpft gewesen.

Neben seiner Schnelligkeit waren laut Schaberg vor allem zwei Eigenschaften des Schweinegrippe-Virus problematisch: Es war besonders für junge Menschen gefährlich und erhöhte das Risiko für virale Lungenentzündungen. Dadurch mussten verhältnismäßig viele Patienten über extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) mit Sauerstoff versorgt werden. Dieses Verfahren steht jedoch bei Weitem nicht auf jeder Intensivstation zur Verfügung.

 

Schaberg nannte Zahlen des Statistischen Bundesamts, wonach es 2008 in ganz Deutschland nur 45 bis 50 ECMO-Plätze gab. Überhaupt sei jeder der knapp 24 000 intensivmedizinischen Betreuungsplätze bereits im Normalbetrieb an durchschnittlich 360 Tagen im Jahr belegt. Eine sprunghaft gestiegene Zahl an Intensivpatienten wäre also gar nicht zu versorgen gewesen.

 

Als die ersten Schweinegrippe-Fälle in Europa auftraten und relativ milde Verläufe beobachtet wurden, seien die Medien in Deutschland »enttäuscht gewesen«, so Schaberg. »Wir haben einen gefährlichen Tiger erwartet und heraus kam ein kleines Mäuschen«, verglich der Mediziner. Die vermutet geringe Gefährlichkeit der Schweinegrippe führte zu einer verharmlosenden Berichterstattung in den Medien.

 

Nebenwirkungen der Impfung wurden dagegen als verhältnismäßig schwerwiegend dargestellt, was wiederum die Akzeptanz der Impfung verschlechterte. Das Resultat: Nur etwa 6,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ließen sich gegen das pandemische Influenza-Virus A H1N1/2009 impfen, wie Dr. Helmut Uphoff vom hessischen Sozialministerium sagte. Die Impfquoten in den Bundesländern differierten dabei von 4,2 Prozent in Baden-Württemberg bis 10,9 Prozent in Sachsen-Anhalt.

 

Dabei ist die kolportierte Harmlosigkeit der Schweinegrippe durchaus differenziert zu betrachten. Denn tatsächlich war die Mortalität für ein Grippe-Virus verhältnismäßig gering – in Deutschland wurden Schaberg zufolge 186 Todesfälle bei 150 000 Erkrankungen registriert, das entspricht einer Sterberate von etwa 0,12 Prozent. »Aber anders als bei der saisonalen Influenza, der üblicherweise vor allem Ältere und multimorbide Patienten zum Opfer fallen, war die Schweinegrippe besonders für Jüngere und andere Risikogruppen gefährlich, die sonst nicht betroffen sind«, erklärte Schaberg.

 

Um die Vorbereitung auf künftige Pandemien zu optimieren, sollte daher aus Schabergs Sicht die Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch die Gefährlichkeit und nicht nur die Ausbreitung eines Erregers berücksichtigen. Dazu müsse zunächst die Überwachung der Pathogenität von infrage kommenden Erregern verbessert werden. Ziel sei, diejenigen Patientengruppen früher zu bestimmen, die durch den neuen Keim besonders gefährdet seien. So könnten auch neue Impfkonzepte entwickelt werden, die Erfolg versprechender seien als bei der Schweinegrippe.

 

Vorbild Schweden

 

Dass jedoch auch schon bei der Schweinegrippe-Impfung eine erfolgreiche Impfstrategie möglich war, zeigt das Beispiel Schweden. Hier haben sich mehr als 60 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Mit einer gezielten Informationskampagne appellierten dort die staatlichen Stellen vor allem an das Pflichtbewusstsein der Bürger. Die Botschaft: »Schütze nicht nur dich selbst, sondern auch andere, die eine schwere Erkrankung riskieren oder nicht geimpft werden können.«

 

Da in Schweden nur sehr wenige Schweinegrippe-Fälle auftraten, sei es eine kommunikative Herausforderung gewesen, die Bevölkerung von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen, berichtete Dr. Åke Örtqvist vom Stockholmer Gesundheitsamt. Auf die etwas neidische Frage seiner Kollegen, wie denn die hohe Impfquote trotzdem erreicht werden konnte, antwortete er lakonisch: »Wir Schweden sind eben bekannt dafür, dass wir im Großen und Ganzen tun, was uns gesagt wird.« / 

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