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Interview mit Nikolaus Becker

Immer wachsam bleiben

10.03.2015
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Von Nicole Schuster / Früherkennungsuntersuchungen sind nicht unumstritten. Professor Dr. Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg nimmt Stellung zu Nutzen und Risiken.

PZ: Sollte die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen verpflichtend sein?

 

Becker: Verpflichtende Maßnahmen im Gesundheitsbereich passen nicht in unser Verständnis von Selbstverantwortung und dürften kaum durchsetzbar sein. Auch rechtlich stellt sich die Frage, ob Menschen verpflichtet werden können zu Untersuchungen, die nicht risikofrei sind.

 

PZ: Wie groß ist der Nutzen tatsächlich?

 

Becker: Einen zweifelsfreien Nutzen haben die Abstrich­untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs, die vollständige Darmspiegelung zur Früherkennung von Darmkrebs sowie das Mammo­graphie-Screening. Eine statistische Überprüfung der Effektivität ist nur möglich, wenn eine Früherkennungs­untersuchung wie etwa die Mam­mographie bei Brustkrebs Teil eines qualitätsgesicherten Programms mit Datenerfassung ist.

 

PZ: Wie sinnvoll sind die zeitlichen Intervalle von Früherkennungsuntersuchungen? Auch zwischendurch kann ein Tumor wachsen.

 

Becker: Die Abstände richten sich nach der Art des Tumors und dem Früherkennungsverfahren. Intervalle von einmal jährlich sind in der Regel nicht sehr sinnvoll – nicht, weil sie zu selten, sondern weil sie zu häufig sind. Bei bis dato unauffälligen Personen reichen bezüglich Gebärmutterhalskrebs beispielsweise Abstrichunter­suchungen alle drei bis fünf Jahre und bei Darmkrebs Koloskopien im entsprechenden Altersbereich alle zehn Jahre. Aggressive Tumo­ren können in der Tat auch in der Zwischenzeit wachsen, doch sind sie durch häufigeres Screening nicht viel besser identifizierbar. Auch wer an Früherkennungs­untersuchungen teilnimmt, muss wachsam sein und bei Auffälligkeiten zum Arzt gehen.

 

PZ: Welche Risiken sind zu beachten?

 

Becker: Die wesentlichen Risiken sind falsch-positive Befunde und Überdiagnosen. Falsch-positiv nennt man Ergebnisse, die eine Auffälligkeit zeigen und Nachfolgeuntersuchungen erforderlich machen, bei denen sich dann herausstellt, dass es sich doch nicht um einen Tumor handelt. Dies ist natürlich ein Glück für die betreffende Person, aber die vorausgegangene Verängsti­gung wegen der zunächst mitgeteilten Auffälligkeit ist natürlich eine Belastung und sollte möglichst vermieden werden.

 

Als Überdiagnose bezeichnet man die Erkennung von bösartigem Gewebe, das zwar pathologisch wirklich existiert und daher keinen falsch-positiven Befund darstellt, aber niemals zu Beschwerden oder gar zum Tod geführt hätte. Überdiagnose stellt bei den drei genannten Krebsarten ein begrenztes Problem dar, tritt aber insbesondere beim PSA-Test auf, der entgegen wissenschaftlicher Empfehlungen immer noch außerhalb des gesetzlichen Früherkennungsprogramms auf Prostatakrebs eingesetzt wird.

 

PZ: Eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland ist Lungenkrebs. Warum wird hier keine Früherkennung angeboten?

 

Becker: Für die meisten Krebsarten gibt es kein als effektiv nachgewiesenes Früherkennungsverfahren. Dies gibt es derzeit nur für Gebärmutterhals-, Brust- und Darmkrebs. Bei Lungen­krebs laufen zurzeit große Forschungs­projekte, aus denen sich möglicher­weise Strategien für die Früherkennung ergeben. Primäres Ziel muss aber sein, gegen die maßgebliche Ur­sache von Lungenkrebs, den Tabak­konsum, vorzugehen. /

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