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Parodontitis

Gefährliche Allianz mit Diabetes

12.03.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Eine Parodontitis kann einen Diabetes mellitus anzeigen, denn Menschen mit gestörtem Glucosestoffwechsel leiden häufiger an einer Parodontitis als Nicht-Diabetiker. Und die Entzündung im Mund verläuft bei ihnen deutlich schwerer.

Geschwollenes gerötetes Zahnfleisch, Blutungen und Eiterbildung im Mund, lockere Zähne und veränderte Zahnstellung, schlechter Atem trotz Zähneputzen: Solche Beschwerden sind eigentlich auffällig und werden dennoch häufig übersehen. Sie können eine Parodontitis, eine bakteriell bedingte Entzündung des Zahnhalteapparats, anzeigen. »Wir müssen die Parodontitis auch als Risikomarker für einen Diabetes ernst nehmen«, forderte Professor Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger vom Klinikum München-Bogenhausen beim Kongress »Diabetologie grenzenlos« Anfang März in München. Ärzte sollten den Zahnstatus ihrer Patienten prüfen, und Zahnärzte sollten nach einem Diabetes fragen, wenn ein Patient gehäuft an Entzündungen im Mund leidet.

Hyperglykämie und Parodontitis fördern sich gegenseitig. Große Studien haben gezeigt, dass Diabetiker mit schlechter glykämischer Kontrolle ein dreifach höheres Risiko für die Zahnerkrankung haben als Stoffwechselgesunde. Zudem ist die Schwere der Parodontitis bei ihnen deutlich erhöht. Bei einer fortgeschrittenen Parodontitis steige die Sterblichkeit deutlich an, sagte Schumm-Dräger.

 

Von der Gingivitis zur Parodontitis

 

Eine Parodontitis entsteht auf dem Boden einer Zahnfleischentzündung (Gingivitis). Diese wiederum kann sich bei mangelhafter Mundhygiene innerhalb weniger Wochen ausbilden, wenn sich Mikroorganismen anhäufen und Biofilme und Beläge (Plaque) bilden. »Bei Patienten mit Parodontitis werden überwiegend gramnegative, anaerob wachsende Keime nachgewiesen«, erklärte Professor Dr. Jörg Meyle von der Universität Gießen. Das Zahnfleisch reagiere mit einer komplexen Entzündungsreaktion, die ihrerseits das Wachstum des Biofilms vorantreibt. Zahlreiche Entzündungsmediatoren wie Interleukin-1 , Tumornekrosefaktor-alfa oder Prostaglandin-E2 seien nachweisbar. Durch die Aktivierung von Osteoklasten können die Botenstoffe die lokale Knochendestruktion im Kiefer antreiben; sie gelangen aber auch in die Blutbahn. Die erhöhten Zytokinspiegel wiederum fördern die Insulinresistenz.

 

Bei Patienten mit Diabetes mellitus und Parodontitis sind diese Entzündungsprozesse deutlich stärker ausgeprägt als bei Stoffwechselgesunden. Bei ihnen wandert nicht nur eine höhere Zahl an Leukozyten in das entzündete Gewebe ein, sondern die Zellen sondern auch mehr Zytokine ab, berichtete Meyle. Eine Hyperglykämie treibe die Entzündung weiter an. Diabetes-typische »AGE«-Verbindungen – advanced glycation endproducts – könnten die Gewebedestruktion beschleunigen.

 

Neben Diabetes mellitus ist auch Übergewicht ein eindeutiger Prädiktor für eine Parodontitis, erklärte der Zahnarzt. Zugleich hätten übergewichtige Menschen häufiger einen gestörten Glucosestoffwechsel. »Die Insulinresistenz scheint das Bindeglied zwischen den Erkrankungen zu sein.«

 

Erst sanieren, dann gut pflegen

 

Die Experten plädierten für eine professionelle Entfernung des bakteriellen Biofilms und Behandlung der Parodontitis beim Zahnarzt. Tiefe Entzündungen in Zahnfleischtaschen müssen saniert werden. Laut Schumm-Draeger können diese Maßnahmen die Blutzuckereinstellung beim Diabetiker verbessern. Zudem sollte der Patient aufs Rauchen verzichten, denn dies ist ebenfalls ein Risikofaktor für eine Parodontitis.

 

Oberstes Gebot ist die regelmäßige sorgfältige Mundhygiene. »Die Patienten müssen eine gute Zahnputztechnik erlernen und immer ausreichend lange putzen«, erklärte Diplom-Biologe Michael H. Warncke, Medizinisch-wissenschaftlicher Leiter bei der Colgate-Palmolive GmbH, Hamburg. Er empfahl, den Mundraum zweimal täglich und die Interdentalräume einmal täglich zu reinigen. Dazu gibt es Zahnseide, Zahnhölzer und Interdentalbürstchen. Mundduschen könnten zwar Speisereste aus den Zahnzwischenräumen spülen, entfernen aber keine Plaque. Zahnkaugummis würden die Parodontitis nicht beeinflussen.

 

Zahnpasta und Mundspülungen mit antibakteriellen und entzündungshemmenden Zusätzen können die Zahnpflege laut Warncke unterstützen. Sie reduzieren die Bakterienfülle im Mund, vernichten sie aber nicht. Da Chlorhexidin viele Keime eliminiert und lange auf der Schleimhautoberfläche wirksam ist, solle man diese Spülungen nur einmal täglich und kurzzeitig anwenden. /

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