Pharmazeutische Zeitung online
Hochschulporträt

Leipziger Allerlei

15.03.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Sven Siebenand / Das eigene Süppchen zu kochen, ist am Institut für Pharmazie in Leipzig wenig beliebt. Vielmehr entsteht aus der engen Kooperation in Forschung und Lehre ein Leipziger Allerlei der besonderen Art. Die Zutatenliste für exquisite Pharmazie ist kein Geheimnis. Die PZ stellt sie im Hochschulporträt vor. Recipe.

»Wir sind klein, aber fein«, sagt die geschäftsführende Direktorin des Institutes, Professor Dr. Michaela Schulz-Siegmund. Von den 50 Pharmaziestudierenden pro Jahr schließen zwischen 40 und 45 ihr Studium erfolgreich ab, der Großteil von ihnen in der Regelstudienzeit von acht Semestern. Die Professorin für Pharmazeutische Technologie führt das auf die guten Stu­dienbedingungen zurück. Als Beispiele führt sie die modernen Labors und Geräte sowie die gute Studienorganisation und Absprache zwischen den Professoren an. Hinzu komme die gute Kommunikation und individuelle Betreuung. »Man kennt sich einfach«, bringt es Schulz-Siegmund auf den Punkt.

Das kann Christin Nitzschke nur bestätigen. »Zum einen haben die Professoren bei Problemen immer ein offenes Ohr, zum anderen helfen sich die Kommilitonen untereinander«, sagt die Studentin. So bekommt jeder Erstsemestler eine Patentante oder einen Patenonkel aus dem dritten Semester, der sich über das ganze Studium hinweg um ihn kümmert. Toll findet Nitzschke auch, dass die Professoren die Studierenden ermuntern, während des Studiums Forschungsluft zu schnuppern, zum Beispiel bei freiwilligen Praktika in den Semesterferien. Eine andere Möglichkeit, dies zu tun, besteht im Rahmen einer Diplomarbeit im Anschluss an das Studium. »Im vergangenen Studienjahr hat mehr als die Hälfte der Studierenden zusätzlich ein Diplom gemacht«, informiert Schulz-Siegmund. »Eine hervorragende Chance, die Studenten an die Forschung heranzuführen«, fügt Professor Dr. Jörg Rademann (Pharmazeutische/Medizinische Chemie) hinzu. Langfristiges Ziel sei es nämlich, die Anzahl der Promotionsstudenten am Institut deutlich zu erhöhen.

 

Von Kolbe bis Safran

 

Apropos Forschung: Die Kernthemen der Forschung der Leipziger Pharmazieprofessoren sind zum einen in das Zukunftskonzept der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie, zum anderen größtenteils in einen der Universitätsschwerpunkte, den profilbildenden Forschungsbereich 3, eingebunden. Daraus ergeben sich Schulz-Siegmund zufolge Kooperationsmöglichkeiten in dreierlei Weise: mit anderen Arbeitskreisen aus pharmazeutischen Disziplinen, fachübergreifend an der Hochschule und außeruniversitär, zum Beispiel mit Helmholtz-, Fraunhofer- oder Max-Planck-Instituten.

Das können die beiden Professoren für Pharmazeutische und Medizinische Chemie, Professor Dr. Jörg Rademann und Professor Dr. Detlef Briel, nur bestätigen. Rademann macht auf die lange Tradition der Pharmazeutischen Chemie in Leipzig aufmerksam. So waren sowohl Adolph Wilhelm Hermann Kolbe (Synthese von Salicylsäure) als auch Arthur Rudolph Hantzsch (Dihydropyridin-Synthese) Professoren an der Universität Leipzig. Einige Generationen später beschäftigen sich ihre Nachfolger heute unter anderem mit der Fragment-basierten Wirkstoffentwicklung. »Leitgedanke dieser Forschung ist, sehr kleine Moleküle, also Fragmente größerer Moleküle, einzusetzen, um potente Ausgangspunkte für die Wirkstoffentwicklung zu gewinnen«, erklärt Rademann. Targets sind unter anderem Alzheimer-relevante Proteasen, aber auch Proteasen, die für die Krebsentstehung oder vernachlässigte virale Erkrankungen wie Dengue eine Rolle spielen.

 

Ein anderer Schwerpunkt im Bereich Pharmazeutische/Medizinische Chemie liegt auf der Synthese ZNS-aktiver, heterocyclischer Wirkstoffe, die entweder als Therapeutika oder als Diagnostika zum Einsatz kommen könnten. Die zuletzt genannten Diagnostika sind ein gutes Beispiel für die enge Kooperation der unterschiedlichen Arbeitskreise.

 

Denn die von Briels Team synthetisierten selektiven PDE10A-Inhibitoren für Untersuchungen mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) werden von den Mitarbeitern um Professor Dr. Karen Nieber einer pharmakologisch-toxikologischen Testung unterzogen. »Wir erarbeiten auch den Safety Assessment Report als Voraussetzung für die Zulassung des Diagnostikums«, informiert Nieber.

Ein zweites Tätigkeitsfeld der Professorin für Pharmakologie sind Phytopharmaka mit antiinflammatorischer Wirkung im Gastrointestinaltrakt. Mit der Hemmung der TNF-α-Freisetzung und der Stimulation der Interleukin-10-Sekretion sei es zum Beispiel gelungen, zwei neue Wirkmechanismen von Iberogast® zu identifizieren. Aller guten Dinge sind drei: So beschäftigt sich Nieber zudem mit dem Thema Neuroprotektion. Die Professorin weist auf die Kommunikation zwischen Immunzellen und Neuronen im zentralen Nervensystem (ZNS) hin. Dessen Gleichgewicht sei entscheidend für die Neuroprotektion. »Innovative Rezeptorliganden sollen neue pharmakologische Zugänge bei unterschiedlichen ZNS-Erkrankungen schaffen«, so Nieber. Als Beispiel nennt sie die Testung von Liganden am Adeninrezeptor und Safran, welches antagonistisch am Glutamatrezeptor wirkt. »Safran ist mehr als ein Gewürz. Wir suchen nach der Komponente, die neuroprotektiv wirkt«, informiert Nieber.

 

Tissue Engineering und Soft Skills

 

Ähnlich wie in der Pharmakologie arbeitet auch die Arbeitsgruppe von Schulz-Siegmund in der Pharmazeutischen Technologie eng mit anderen Wissenschaftlern zusammen – im Institut, mit dem Institut für Biochemie der Uni Leipzig, mit der Medizin in Leipzig und Dresden, mit der Pharmazeutischen Technologie in Halle und Jena sowie mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie.

 

Schulz-Siegmund beschäftigt sich vor allem mit dem Tissue Engineering verschiedener Gewebe durch Kombination von Biomaterialien, adulten Stammzellen aus Fettgewebe und Knochenmark und kontrollierter Freisetzung. »Bei den Biomaterialien handelt es sich um bioabbaubare Polymere auf Basis quervernetzter Makromonomere, die kovalent mit Wirkstoffen modifiziert werden können«, erklärt Schulz-Siegmund. Die kontrollierte Freisetzung, so die Professorin, spiele zum Beispiel für Peptide, niedermolekulare Wirkstoffe sowie Nukleotide zur Unterstützung der Gewebeneubildung in vivo eine wichtige Rolle. Auch die Studenten sind im Rahmen der Praktika in die aktuelle Forschung eingebunden.

 

Ein Forschungsschwerpunkt der Pharmazeutischen Biologie im Arbeitskreis um Professor Dr. Hans-Wilhelm Rauwald bezieht sich auf die Identifizierung kardiovaskulärer Bestandteile von Herzgespannkraut (Leonurus cardiaca) aus einem in Kooperation mit dem Herzzentrum Leipzig entwickelten, antiarrhythmischen, antianginösen und kardioprotektiven Spezialextrakt. Ferner wurde die Entwicklung antiinfektiver Phytopharmaka aus Cistus- und Dipsacus-Arten zur Behandlung von Borreliose in präklinischen Studien anhand der Wachstumshemmung auf In-vitro-Kulturen von Borrelia burgdorferi in Kooperation mit dem Institut für Zelltherapie und Immunologie Leipzig in Angriff genommen.

Steckbrief: Universität Leipzig

Die Universität Leipzig wurde im Jahr 1409 gegründet. Die Alma Mater Lipsiensis ist damit die zweitälteste Universität Deutschlands. Fast 30 000 Menschen in rund 100 Studiengängen sind an der Volluniversität eingeschrieben. Studiengebühren fallen im Bundesland Sachsen nicht an. Das Fach Pharmazie hat eine lange Tradition in Leipzig, fiel aber zu DDR-Zeiten einer Hochschulreform zum Opfer. Mit Beginn des Studienjahres 1992/1993 wurden nach fast 25-jähriger Zwangspause wieder die ersten 25 Studierenden der Pharmazie an der Universität Leipzig immatrikuliert. Ende 1993 wurde dann das Institut für Pharmazie gegründet. Inzwischen werden jährlich zum Wintersemester etwa 50 Studierende im Fach Pharmazie immatrikuliert. Die Mitarbeiter der Pharmazeutischen Chemie sind im ursprünglichen Gebäude der Pharmazie in der Brüderstraße 34 untergebracht, die Pharmazeutische Biologie befindet sich in der Johannisallee 21-23, die Klinische Pharmazie und die Pharmazeutische Technologie sind in der Eilenburger Straße 15 a zu finden und die Mitarbeiter der Pharmakologie für Naturwissenschaftler forschen in dem Gebäude der ehemaligen Zoologie in der Talstraße 33 (siehe Bild oben).

»Wir sind stolz darauf, eine Professur für Klinische Pharmazie eingerichtet zu haben«, sagt Schulz-Siegmund. Großzügige Unterstützung habe es dabei durch die Sächsische Apothekerkammer gegeben, mit der man gut zusammenarbeit und gemeinsam daran interessiert ist, Schüler und Studierende für das Fach Pharmazie zu begeistern. Die Professur für Klinische Pharmazie hat Professor Dr. Thilo Bertsche inne. Er ist zudem Leiter der Studienunterkommission Pharmazie. »Wir arbeiten eng mit Ärzten, Apothekern und weiteren Gesundheitsberufen in Kliniken und im ambulanten Sektor zusammen«, sagt Bertsche. Dabei drehe sich praktisch alles um das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit. Einerseits gehe es darum, die Wirksamkeit einer medikamentösen Therapie zu optimieren, andererseits, die Risiken einer solchen zu minimieren. »Besondere Aufmerksamkeit widmen wir sensiblen Patientengruppen wie Kindern und alten Patienten«, informiert Bertsche.

Welche Methoden kommen dabei zum Einsatz? Der Apotheker nennt einige Beispiele: prospektive kontrollierte Inter­ventionsstudien, Arzneimittel-Infor­mations­technologien, Pharmaceutical Care, pharmakoepidemiologische Methoden sowie der Einsatz von Apothekern auf Station. Jedoch müssen die Patienten in Leipziger Kliniken damit rechnen, dass neben Apothekern auch Pharmaziestudierende auf Station anwesend sind. Denn jeder Student hat die Möglichkeit, so Bertsche, an einer Lehrvisite im Krankenhaus teilzuneh­men. »Im Rahmen des Wahlpflicht­faches werden die Studenten in die Arbeitskreise integriert, erheben Daten und werten diese schließlich aus«, fasst Bertsche zusammen.

 

Das kommt bei den Studierenden gut an, wie Nitzschke bestätigen kann. Gut findet sie auch, dass – dank der Organisation des Studiums in Modulen – Vorlesungen und die dazugehörigen Seminare und Praktika in der Regel parallel stattfinden. »Dadurch kann man sich viel intensiver mit der Thematik beschäftigen.« Nitzschke verweist zudem auf den Anklang, den die Übungsapotheke und die Kommunikationsseminare bei ihren Kommilitonen finden.

 

Wir-Gefühl statt Solo-Auftritt

 

Was die Kommunikation untereinander betrifft, hebt Nitzschke noch die interdisziplinäre Verknüpfung im Fachschaftsrat mit Biologie- und Biochemiestudenten sowie insbesondere die Website www.pharmaboard.de hervor, die von zwei Leipziger Studenten entwickelt wurde und über welche die Studenten sich fachlich austauschen können. Nitzschke bezeichnet sie als »sehr wertvoll«. Das sehen die Professoren ähnlich. Diese haben nämlich den Link zur Plattform auf der Institutshomepage integriert. Nieber: »Auch ich schaue dort regelmäßig mal rein und informiere mich, worüber die Studenten sich austauschen und welche Fragen ihnen in Vorlesung oder Praktikum eventuell nicht ausreichend beantwortet wurden.«

 

»Anstatt über Laborplätze zu streiten, helfen wir uns gegenseitig über das Pharma­board«, geht Nitzschke noch mal auf den Teamgeist der Leipziger Studenten ein. Dieser Spirit ist ganz offensichtlich auch bei den Professoren vorhanden. »Mit den peptidbasierten Wirkstoffen haben wir uns erst kürzlich auf ein gemeinsames Forschungsgebiet verständigt, das nun in allen Arbeitskreisen verstärkt bearbeitet werden soll«, informiert Nieber. Zudem ziehen die Hochschullehrer auch bei den Themen Fort- und Weiterbildung an einem Strang. Das Pharmazeutische Kolleg ist eine Fortbildungsveranstaltung der Sächsischen Apothekerkammer, bei welcher die Leipziger Professoren regelmäßig als Referenten vertreten sind. Ebenso engagiert sich das Institut in der DPhG-Landesgruppe. Zudem ist am Institut eine Weiterbildung zum Fachapotheker für Arzneimittelinformation oder Klinische Pharmazie möglich. / 

Mehr von Avoxa