Pharmazeutische Zeitung online
Zur Diskussion gestellt

Freier Heilberuf anstelle staatlicher Gängelung

01.03.2011
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Von Dr. Klaus Michels / Auf die schwierige wirtschaftliche Situation unserer Apotheken nach dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz darf nicht mit einer Beschneidung unternehmerischer Spielräume reagiert werden. Nicht eine Abkoppelung, sondern eine Anknüpfung an das Wachstum des Gesundheitsmarktes stärkt den Heilberuf. Eine Antwort auf Friedemann Schmidts Beitrag Zur Diskussion gestellt: Kaufleute oder Heilberufler? in PZ 07/2011.

Ich will dem Kollegen Friedemann Schmidt aus Leipzig nicht zu nahe treten. Aber sein Beitrag in der Pharmazeutischen Zeitung wirkt auf mich und viele Kollegen ratlos und trostlos. Die Politik möge für die Vergütung der Apotheken sorgen, dann werde schon alles gut, lautet seine These. Dieser allzu fromme Wunsch scheint mir eher einer Betschwester angemessen zu sein als dem zunehmenden Leistungswettbewerb im Gesundheitswesen. Wäre nicht aus jener Stadt, die durch ihre Montagsdemonstrationen als genius loci der deutschen Wende von 1989 geadelt ist, etwas weniger Staatsgläubigkeit angebracht?

Freier Heilberuf oder staatliche Gängelung – darum geht im Kern die Initiative des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe zur Neuausrichtung unserer Berufspolitik, die nach dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) überfällig ist. Aus der ABDA-Spitze wird seit einiger Zeit gegenüber der Politik die These vertreten, dass die kaufmännische Komponente des Apothekerberufes weiter beschränkt werden müsse. Es ist höchst merkwürdig, wenn auf wirtschaftliche Einbußen mit Vorschlägen reagiert wird, die zwangsläufig weitere Einbußen nach sich ziehen. Ist das Selbstmord aus Angst vor dem Tode?

 

Auch in Zukunft kann und wird die Politik kein Honorar zur Verfügung stellen, welches das unternehmerische Risiko jedes einzelnen selbstständigen Apothekers angemessen abbildet. Trennt man den Apotheker von seinen wirtschaftlichen und auch heilberuflichen Optionen diesseits und jenseits des Arzneimittels und bindet man ihn ganz an das Budget der Gesetzlichen Krankenversicherung, ist die logische Konsequenz eine staatliche Steuerung des vorhandenen Honorarvolumens auf immer weniger sogenannte versorgungsrelevante Apotheken.

 

Wenn wir uns in Anlehnung an die Niederlande auf ein Fixhonorar konzentrieren, werden wir die Apothekendichte unserer Nachbarn schnell erreichen: Aus 21 500 werden dann 8 690 Apotheken. Ob Verbraucher und Patienten diesen Apotheken dann ein größeres Vertrauen als heute entgegenbringen, ist höchst zweifelhaft. Sicher ist dagegen, dass viele Existenzen vernichtet werden, die soziale Funktion der Apotheke verloren geht und die Wege zu ihr weiter werden.

 

Keine Frage, wir brauchen regelmäßige Honorarsteigerungen für unsere Leistungen bei der Versorgung mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Die wirtschaftliche Zukunft der Apotheke wird aber davon abhängen, ob es uns gelingt, am Wachstum des Arzneimittelmarktes und des Gesundheitsmarktes insgesamt wieder stärker teilzuhaben. Das kann mit einer Konzentration auf staatlich festgesetzte Honorare nicht gelingen. Wir brauchen daneben nicht einen geringeren, sondern wieder einen größeren Anteil an der Wertschöpfung des Arzneimittels.

»Wir brauchen keinen geringeren, sondern wieder einen größeren Anteil an der Wertschöpfung des Arzneimittels.«

Es gibt auch keinen vernünftigen Grund, den Apotheker bei Einkauf, Organisation und Sortiment unternehmerisch noch stärker zu beschränken. Vielmehr ist umgekehrt die konsequente Nutzung und behutsame Erweiterung der bestehenden Grenzen unternehmerischer Freiheit für den Apotheker geboten. Es spricht vieles dafür, ihm mehr Optionen zu eröffnen, die besondere Kompetenz seiner Mitarbeiter in Gesundheitsfragen auch für Dienstleistungen nutzbar zu machen, die bislang nicht oder nur außerhalb von Apotheken angeboten wurden.

 

Nichts sollte uns davon abhalten, vor allem neue heilberufliche oder pharmazeutische Dienstleistungen zu entwickeln. Doch dafür muss es nicht nur eine Nachfrage geben, sondern auch die Bereitschaft bei Patienten und Krankenkassen, zusätzliche Mittel bereitzustellen. Daran aber sind bisher alle Ansätze gescheitert. Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen, wenn wir weiter eine Beschneidung unserer Freiheit herbeireden.

 

Die Freiberuflichkeit unseres Berufes fordert weder eine Beschränkung allein auf das Arzneimittel, noch rechtfertigt sie Ansprüche auf Alimentation. Freiberuflichkeit ist die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben in privater Trägerschaft. Die private Trägerschaft bedeutet für alle freien Berufe ohne Niederlassungsbeschränkung wirtschaftliche Eigenverantwortung statt staatlicher Gängelung. Die Wahrnehmung der öffentlichen Aufgabe erfordert notwendigerweise auch Grenzen.

 

Die Apotheke kann und soll deshalb auch künftig kein bunter Gemischtwarenladen mit Rx-Ecke sein. Will sie wirtschaftlich in Freiheit überleben, muss sie aber die Möglichkeit haben, sich weiterzuentwickeln und als modernes Gesundheitszentrum zu positionieren – mit der Kernkompetenz Arzneimittel und Pharmazie. Der Fokus muss darauf liegen, was unsere Patienten, Kunden und die Gesellschaft von uns erwarten, nicht darauf, was sie nach unserem Glauben wollen sollen.

 

Wenn die Regierung ihrem Volk nicht mehr traut, soll sie sich ein neues wählen, lautet ein Satz von Bertold Brecht. Hat die ABDA das Vertrauen in den von ihr vertretenen Berufsstand verloren? Sehen wir den Apotheker als Nur-Pharmazeuten und glauben nicht an seine übergreifende Kompetenz in Gesundheitsfragen? Trauen wir uns nicht zu, unsere Kernaufgabe einer guten Arzneimittelversorgung auch ohne eine stärkere Beschneidung unserer unternehmerischen Freiheit verantwortlich wahrzunehmen? Warum sollten wir Angst haben, uns weiterzuentwickeln und für neue Angebote zu öffnen, die zu unserer Gesundheitskompetenz passen? Warum soll die Zukunft der Apotheke in einem System der strikteren Beschränkung auf die Arzneimittelabgabe und staatlicher Alimentation liegen?

 

Die Debatte darüber hat der Apothekerverband Westfalen-Lippe eröffnet. ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt stellt sich ihr. Dafür gebührt ihm Dank, weil diese Debatte öffentlich geführt werden muss. Die Zukunft unseres Berufs gehört nicht ins Hinterzimmer. / 

Dr. Klaus Michels ist Vorsitzender des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe in Münster und Inhaber der Drei-Hasen-Apotheke in Paderborn.

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