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Darmkrebsvorsorge

Zehn Jahre Felix-Burda-Stiftung

01.03.2011  14:24 Uhr

PZ / Seit zehn Jahren setzt sich die Felix-Burda-Stiftung für den Kampf gegen Darmkrebs ein. Im Interview sprach Stiftungsvorstand Dr. Christa Maar über die Gründungsgeschichte, die ersten Schritte, Ideen und noch ausstehende Ziele.

PZ: 2001 gründeten Sie die Felix-Burda-Stiftung. Was war der Anlass?

 

Maar: Der unmittelbare Anlass war, dass mein und Hubert Burdas Sohn Felix 2001 im Alter von 31 Jahren von einem auf den anderen Tag mit Darmkrebs diagnostiziert wurde. Bis dahin war der Vater zweier kleiner Kinder kerngesund. Der Krebs war bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Niemand in der Familie wusste von einem erhöhten Risiko, noch hat uns jemand da­rauf aufmerksam gemacht, dass man dann frühzeitig mit der Vorsorge beginnen muss. Wäre mein Sohn mit 25 zur Darmspiegelung gegangen, dann würde er heute noch leben und könnte seine Kinder aufwachsen sehen.

 

PZ: Ihre Stiftung hieß zu Beginn »Felix-Burda-Stiftung für Krebsforschung«. Wa­rum haben Sie schnell den Fokus Ihrer Arbeit von der Verbesserung der Therapieforschung auf Prävention und Früherkennung gelegt?

 

Maar: Leider mussten wir schnell einsehen, dass fortgeschrittener Darmkrebs damals und heute noch gleichbedeutend mit »nicht heilbar« ist. Man muss wissen, dass man bei der Forschung in Schritten von 10 bis 20 Jahren rechnet. Für akute Darmkrebsfälle hat dies keinen Effekt. Felix hat das Diagnosestadium nur zwei Jahre überlebt. Kurz vor seinem Tod hat er sich gewünscht, dass sich die Stiftung dafür einsetzt, anderen Menschen sein Schicksal zu ersparen. Das funktioniert nur, wenn Menschen über die Krankheit aufgeklärt werden und rechtzeitig zur Vorsorge gehen. Der Fokus der Aufklärungsarbeit liegt seither auf der Prävention und Früherkennung.

 

PZ: Im März 2001 haben Sie gemeinsam mit Partnern ein Symposium mit dem Titel »Darmkrebs durch Früherkennung besiegen« mit einer große Expertenrunde durchgeführt. Welches Ziel haben Sie mit dem Symposium verfolgt, und was war das Ergebnis?

 

Maar: Hauptziel des Symposiums war es, alle Stakeholder für den Bereich Darmkrebsvorsorge zusammenzubringen und darauf hinzuweisen, dass in diesem Bereich eine gemeinsame Anstrengung notwendig ist. Deutschland lag damals mit seiner hohen Neuerkrankungsrate von Darmkrebs und 58 Prozent tödlich verlaufenden Erkrankungen europaweit an der Spitze. Wir haben nicht nur Ärzte und Wissenschaftler eingeladen, sondern auch Vertreter der Gesundheitspolitik, Krankenkassen, Industrie sowie große Krebsorganisationen. Unmittelbares Ergebnis des Symposiums war die »Münchner Erklärung – Früherkennung von Dickdarmkrebs in Deutschland«. In ihr wird gefordert, dass durch konzertierte Aktionen die Teilnahmerate an der Darmkrebsvorsorge erhöht und die Todesfälle drastisch reduziert werden. Ein weiteres Ergebnis des Symposiums war die Konzeption eines nationalen Darmkrebsmonats, den alle großen Krebsorganisationen gemeinsam im März 2002 erstmals initiierten und der seitdem jedes Jahr stattfindet. Unmittelbarer Erfolg des ersten Aktionsmonats war die Einführung der gesetzlichen Vorsorgedarmspiegelung für alle Versicherten über 55 Jahre im Oktober 2002. Damit war Deutschland eines der ersten europäischen Länder mit einem Vorsorgeprogramm. Das war der Startschuss dafür, dass in die erstarrte Früherkennungssituation endlich Bewegung kam.

 

PZ: Was waren Ihre ersten Schritte nach der Gründung?

 

Maar: Einer der ersten Schritte war, dass wir eine Kommunikationsstrategie für eine Anzeigenkampagne entwickelten. Wir wollten die Menschen über eine Krankheit aufklären, die bis dahin ein Tabuthema war. Die Anzeigenkampagne lief ab Sommer 2001 fast ein Jahr lang. Das bekannteste Motiv wurde die Frau, die sich gerade einen Perlenohrring ins Ohr steckt, um auszugehen. Direkt neben der Perle steht der Satz: »So groß ist der unentdeckte Tumor in ihrem Darm.« Es folgte ein Fernsehspot, der dieses Motiv aufgriff. Die Zahl der Darmspiegelungen stieg in dieser Zeit schlagartig um mehr als 35 Prozent. Der Erfolg war überwältigend und wir haben gedacht, was kann man in einem Medienunternehmen wie Hubert Burda Media noch tun. Die Idee war, Prominente als Werbetestimonials zu gewinnen. Nina Ruge war die erste, die ich ansprach – und sie sagte auf Anhieb zu. Das war der Startschuss für die Unterstützung durch bekannte Menschen aus Showbusiness, Wirtschaft, Politik und Sport.

 

PZ: Was zeichnet die Kommunikationsarbeit der Stiftung aus?

 

Maar: Wir sind von Anfang an auf sehr unkonventionelle Weise mit dem Thema Darmkrebs umgegangen. Keiner hätte zuvor gedacht, dass Medien über dieses Thema berichten und man Prominente dazu bewegen kann, sich zu Darmkrebs zu äußern. Der Effekt, dass erstmals über dieses Thema öffentlich gesprochen wurde und dann auch noch bekannte Gesichter aus dem Fernsehen sich zu diesem Thema äußerten, war enorm. Von einem auf den anderen Tag, war Darmkrebs in aller Munde.

 

PZ: Sicherlich kann man so ein komplexes Thema nicht alleine bewegen?

Maar: Eine Werbekampagne kann einiges in den Köpfen der Menschen bewegen, aber sie kann doch nur ein erster Schritt sein. Denn auch wenn viele Menschen heute über Vorsorgeuntersuchungen Bescheid wissen, so bedeutet das noch nicht, dass sie tatsächlich hingehen.

 

Hier sind in erster Linie die Ärzte gefragt und die Krankenkassen, die ihre Patienten und Versicherten informieren und sie zur Teilnahme motivieren müssen. Außerdem muss sich der Gemeinsame Bundesausschuss endlich bewegen und für Menschen mit einem familiär erhöhten Risiko eine gesetzliche, risikoangepasste Vorsorge einführen.

 

PZ: Wie hilft die Stiftung Patienten und Angehörigen?

 

Maar: Was den Patienten und ihren Familien als Erstes hilft, sind Informationen. Viele wichtige medizinische Fragen beantwortet unsere Patientenwebsite darm krebs.de. Häufig kommen auch soziale Fragen auf. Oft geraten Familien in eine finanzielle Notlage, weil der bisherige »Ernährer« durch die Erkrankung ausfällt. Hierfür steht uns ein begrenzter Spendentopf zur Verfügung. Über die Jahre konnten wir so viele Patienten finanziell unterstützen.

 

PZ: Welche Visionen haben Sie?

 

Maar: Meine Vision ist eine Welt ohne Darmkrebs. Sie ist machbar. /

Verbesserte Vorsorge

Seit Einführung der Koloskopie in die Vorsorgeprogramme der gesetzlichen Krankenkassen in 2002 haben mehr als 4,3 Millionen Menschen die Untersuchung in Anspruch genommen. Das Ergebnis bis heute: 100 000 Menschen ist die Erkrankung an Darmkrebs erspart geblieben, und 50 000 Erkrankte konnten dank eines früh erkannten Karzinoms geheilt werden. Um das 2001 in der Münchner Erklärung postulierte Ziel, die jährliche Todeszahl von Darmkrebs von 30 000 auf 15 000 zu reduzieren, zu erreichen, ist noch einige Arbeit notwendig. Jedes Jahr erkranken immer noch rund 69 000 Menschen an Darmkrebs. Bei circa 27 000 wird die Krankheit erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt und nimmt einen tödlichen Verlauf. Ein inhaltlicher Schwerpunkte der Stiftung ist die verbesserte Vorsorgesituation von Menschen mit familiärem Risiko. Mehr Informationen unter: www.felix-burda-stiftung.de.

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