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Apothekenbasiertes Betreuungskonzept

Prävention des diabetischen Fußsyndroms

23.02.2009
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PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissenschaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

Die meisten Ulzera werden durch banale Traumata, häufig durch unpassendes Schuhwerk oder inadäquate Fußpflege, ausgelöst. Eine diabetische Neuropathie oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit sind meist als verletzungsfördernde Risikobedingungen zusätzlich vorhanden. Nur die regelmäßige Inspektion der Füße erlaubt die Früherkennung von Fußverletzungen und die Identifizierung von Hochrisikopatienten für Fußläsionen.

 

Das diabetische Fußsyndrom ist ein äußerst komplexes Krankheitsbild mit außerordentlichen Anforderungen an alle Einrichtungen zur Betreuung der betroffenen Patienten. Da es sich um ein chronisches Krankheitsbild handelt und die Patienten lebenslang von einer Amputation mit all ihren Folgen bedroht bleiben, müssen diese Strukturen in der Regel eine effektive Betreuung  für das ganze restliche Patientenleben sichern. Patienten mit Diabetes können innerhalb kürzester Zeit von einer Risikogruppe ohne aktuell bedrohendes Ereignis (zum Beispiel Patienten mit Neuropathie und Fußdeformitäten) zu einer akut amputationsgefährdeten Gruppe (zum Beispiel bei progressiver Infektion nach einem Minimaltrauma) wechseln.

 

Bereits 1989 formulierten deshalb Vertreter der WHO und der internationalen Diabetesförderung (IDF) das Ziel, die Amputationsraten bei Diabetikern innerhalb von fünf Jahren um mehr als 50 Prozent zu reduzieren. Es sollten Pläne zur Verhütung, Erkennung und zur besseren Behandlung des Diabetes auf staatlicher und lokaler Ebene erarbeitet werden.

 

In der Versorgung der Diabetiker hat sich in den letzten 20 Jahren viel verändert, nicht zuletzt mit der Einführung der Disease-Management-Programme, in die insgesamt über 2,7 Millionen Typ-2-Diabetiker eingeschrieben sind.

 

Aber das Ziel der St.-Vincent-Deklaration aus dem Jahr 1989 ist dennoch nicht erreicht worden, sodass die Dringlichkeit, die Amputationsraten zu reduzieren, nach wie vor gegeben ist. Eine optimale Behandlung und Betreuung von Diabetespatienten setzt detailliertes Wissen und Erfahrungen mit dem diabetischen Fußsyndrom voraus. Zur Feststellung, welche Charakteristika und Symptome ein Hochrisikopatient beziehungsweise ein Patient mit bereits bestehendem Fußulkus hat und auf welche Warnzeichen der Apotheker beim Beratungsgespräch achten muss, wurden Anamnesebögen von Diabetespatienten einer podologischen Praxis analysiert. Diese Anamnesebögen werden bei jedem ersten Besuch eines Diabetikers in der podologischen Praxis ausgefüllt und erfassen demnach nur Patienten, die sich ihrer Fußprobleme bereits bewusst sind. Der Bogen enthält neben Fragen zur Diabeteserkrankung (Typ 1 oder 2), Diabetesdauer und -behandlungsart (Insulin oder OAD) verschiedene Merkmale zum aktuellen Fußstatus des Patienten. Fußdeformitäten, mykotische Erkrankungen, Schmerzen und erhöhte HBA1c-Werte sind nur einige Merkmale, die bei der Entstehung oder beim Vorhandensein eines diabetischen Fußsyndroms eine entscheidende Rolle spielen. In einer Querschnittsanalyse wurden 200 Anamnesebögen nach Häufigkeiten verschiedener Merkmale des Fußstatus von Diabetespatienten ausgewertet.

 

Die wichtigsten Ergebnisse der Querschnittsanalyse sind zusammengefasst:

 

64 Prozent der Diabetespatienten haben Mykosen am Fuß

68 Prozent klagen über Schmerzen in Füßen und Beinen

77 Prozent weisen starke Verhornungen durch erhöhte Druckbelastungen aufgrund von Fußdeformitäten und/oder falschem Schuhwerk auf

über 45 Prozent der Diabetiker sind über zehn Jahre zuckerkrank

69 Prozent der Diabetiker (n=133) haben einen HBA1c-Wert bis zu 8 Prozent

 

Alle genannten Merkmale begünstigen die Entstehung eines diabetischen Fußsyndroms und bestätigen die Notwendigkeit, entsprechende Krankheitszeichen so früh wie möglich zu erkennen und wirksam zu behandeln.

 

Apotheker haben in der Regel schon in den Anfangsstadien der Erkrankung Kontakt zu diesen Patienten, wenn eine Versorgung mit Antidiabetika erfolgt. Gerade im Rahmen der Selbstmedikation kann der Apotheker durch gezieltes Nachfragen ein diabetisches Fußsyndrom identifizieren, wenn der Patient häufiger Produkte zur Behandlung von Fuß- und Nagelpilzerkrankungen oder keratolytische Produkte verlangt. Auch wenn Patienten über Schmerzen in den Beinen, über Kältegefühl und Wadenkrämpfe oder über geschwollene Füße und schwere Beine klagen, sollte der Apotheker diese Patienten an den Hausarzt verweisen, da dies Symptome für die Entstehung eines diabetischen Fußsyndroms sein können.

 

Um Diabetespatienten für das Thema diabetisches Fußsyndrom allgemein zu sensibilisieren, kann der Apotheker zum Beispiel Informationsflyer auslegen, Adresslisten von podologischen Praxen vorhalten oder Aktionstage beziehungsweise Patientenveranstaltungen zur Fußprävention organisieren. Berichtet ein Diabetiker von schlecht heilenden Wunden und/oder Veränderungen am Fuß, sollte umgehend ein Verweis an den Hausarzt erfolgen. Zudem sollte in jedem Beratungsgespräch mit Diabetikern auf prophylaktisch zu ergreifende Maßnahmen hingewiesen werden.

 

Zusammenfassung und Fazit

 

Um die Versorgungssituation von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom zu verbessern und dadurch die Häufigkeit von Fußverletzungen und Amputationen bei Diabetikern zu reduzieren, müssen in Zukunft Risikopatienten frühzeitiger erkannt, intensiv geschult und betreut werden. Dazu sollten alle Berufsgruppen, die Diabetiker betreuen, optimal zusammenarbeiten und über eine gemeinsame Wissensbasis verfügen.

 

Im Rahmen eines strukturierten Betreuungskonzeptes kann der Apotheker sowohl in der Primärprävention, als auch in der Sekundärprävention des diabetischen Fußsyndroms erfolgreich mitarbeiten und somit zu einer qualitätsgesicherten Patientenversorgung beitragen und die Amputationsraten verringern.

 

Der Apotheker hat hierbei vor allem die Aufgabe, auf entsprechende Patientenäußerungen zu achten, bei bestimmten Produkten zur Selbstmedikation aufmerksam zu werden oder auch gezielt nach bestimmten Symptomen oder Fußverletzungen zu fragen. Entsprechende Beratungsstandards sollten im Rahmen eines Qualitätsmanagements in der Apotheke etabliert werden.

 

 

Dieser Artikel basiert auf einer Masterarbeit im Studiengang Consumer Health Care an der Charité Universitätsmedizin Berlin, 2009.

 

 

Kontakt:

Silke Lauterbach

Apotheke Rotes-Kreuz-Krankenhaus

Hansteinstraße 29

34121 Kassel

lauterbach(at)rkh-kassel.de

Empfehlungen des Apothekers zur Prävention und/oder Therapie des diabetischen Fußes

optimale Blutzuckereinstellung

Schulung und Aufklärung des Patienten, seiner Angehörigen und des
begleitenden Pflegedienstes, etwa durch leicht verständliche Informationsflyer

offene Hautstellen am Fuß sollten unverzüglich von einem qualifizierten Arzt untersucht und behandelt werden

tägliche Inspektion der Füße und Schuhe

sorgfältiges Trocknen der Interdigitalräume nach dem Waschen

angemessenes und passendes Schuhwerk, weiches Leder, weiche Einlage, gegebenenfalls Maßschuh

professionelle Nagel- und Fußpflege durch Podologen

Patienten sollten immer daran denken, zur regelmäßigen Inspektion der Füße beim Arzt sowohl die Schuhe als auch die Socken auszuziehen

Pilzinfektionen, insbesondere zwischen den Zehen, müssen konsequent behandelt werden

niemals keratolytische Produkte (Hühneraugenpflaster oder Tinkturen) verwenden

trockene Haut sollte stets mit einer geeigneten Feuchtigkeitspflege behandelt werden

 

Literatur

Reike H.; Das Diabetische Fußsyndrom; Heppenheim: UPJohn GmbH; Medical Sciences Liasion; 1993

Risse A. Besonderheiten von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom und ihren Therapeuten; Internist, 1999, 40, 1051-1055

Hauner H. et.al. Ambulante Versorgung von Patienten mit Diabetes mellitus im Jahr 2001. Analyse einer Versichertenstichprobe der AOK Hessen/KV Hessen. Dtsch Med Wochenschr. 2003, 128, 2638-2643

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Diagnostik, Behandlung und Prävention des diabetischen Fußsyndroms (2008) Paul Hartmann AG

Schulz M. et. al. Prävention, Erkennen und Unterstützung der Therapie des Diabetischen-Fuß-Syndroms (2006)

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Häussler et.al. Weißbuch Diabetes in Deutschland; Thieme Verlag Stuttgart, 2006

 

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