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Nahrungsmittelallergien

Fahndung nach dem Auslöser

26.02.2007
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Nahrungsmittelallergien

Fahndung nach dem Auslöser

Von Hannelore Gießen

 

Für die meisten Menschen sind Milch, Nüsse, Kiwi oder Fisch ein selbstverständlicher Genuss, für einige ein Problem oder sogar ein ernstes Risiko. Bis aber der Auslöser einer Allergie gefunden ist, vergehen oft Jahre.

 

Viele Menschen kennen das: Nach einer Mahlzeit grummelt und drückt der Bauch, die Nase juckt oder der Kopf schmerzt. Für den Laien steht meist die Diagnose fest: Nahrungsmittelallergie. Aber nicht bei jeder Reaktion auf Lebensmittel handelt es sich um echte Allergien. Diese sind von Pseudoallergien und sehr viel häufigeren Unverträglichkeiten zu unterscheiden. »Eine Lebensmittelallergie tritt bei Erwachsenen viel seltener auf, als angenommen wird«, betonte die Ökotrophologin Ute Körner bei der vom Institut für Qualitätssicherung in Ernährungstherapie und -beratung initiierten Veranstaltung in München.

 

Nur etwa 1 bis 3 Prozent aller Erwachsenen sind tatsächlich von einer Lebensmittelallergie betroffen. Bei Kleinkindern treten allergische Reaktionen gegen ein Lebensmittel mit 8 Prozent deutlich häufiger auf, wobei vor allem Allergien gegen Kuhmilch und Hühnerei bis zum Schulalter meist wieder verschwinden. Körner empfahl deshalb, ein bis zwei Jahre nach einer Erstdiagnose wieder einen Provokationstest vorzunehmen, um zu überprüfen, ob die Allergie noch besteht.

 

Die Symptome von Allergie und Pseudoallergie sind ähnlich, nur der zugrunde liegende Prozess ist verschieden. Bei einer echten Allergie spielt sich die klassische Antigen-Antikörper-Reaktion ab: Über einen IgE-vermittelten immunologischen Prozess wird Histamin freigesetzt. Bei einer pseudoallergischen Reaktion wird die Oberfläche der Mastzellen direkt geschädigt, die daraufhin Histamin und andere Botenstoffe ausschütten. Lebensmittelunverträglichkeiten beruhen meist auf einem Enzymmangel. Am weitaus häufigsten tritt ein Lactasemangel auf.

 

Als Allergene in Nahrungs- und Lebensmitteln kommen nur Proteine und Glukoproteine infrage, keine Fette und keine Kohlenhydrate. An einer Pseudoallergie sind dagegen oft Lebensmittelzusatzstoffe wie Aroma-, Farb- und Konservierungsstoffe beteiligt, aber auch Geschmacksverstärker und natürliche Aromen. Doch allergieähnliche Symptome können schon allein durch Nahrungsmittel ausgelöst werden, die viel Histamin enthalten, wie Thunfisch, reifer Käse, Rotwein oder Erdbeeren.

 

Nur selten löst eine Lebensmittelallergie eine anaphylaktische Reaktion aus. Weitaus häufiger manifestiert sich die typische Nahrungsmittelallergie isoliert an der Haut als Urtikaria oder als orales Allergiesyndrom, wobei Mundschleimhaut, Lippen und Zunge anschwellen und jucken. Oftmals fallen Heuschnupfen und Lebensmittelallergie zusammen. So reagieren viele Birkenpollenallergiker auf den Genuss eines Apfels mit einem heftigen Kribbeln im Mund. Der Grund: Die Proteine von Birkenpollen und Apfel ähneln sich in ihrer Struktur.

 

Suche mit Hindernissen

 

Am Anfang der Diagnostik stehe immer eine gründliche Anamnese anhand eines vom Patienten geführten Ernährungstagebuchs, sagte Körner. Ein Gespräch mit dem Patienten helfe auch, zwischen Lebensmittelallergie und einer Unverträglichkeit wie einem Lactasemangel zu differenzieren. Berichte der Patient, dass er zwar Käse, jedoch keine Milch vertrage, liege ein Mangel an dem Lactose spaltenden Enzym nahe. Könne dagegen jemand Ziegenmilch und Schafskäse ohne Probleme genießen, jedoch keine aus Kuhmilch hergestellten Nahrungsmittel, sei eine Allergie gegen Kuhmilchprotein wahrscheinlich.

 

Doch nicht immer liegt der Zusammenhang auf der Hand. Oft gleicht die Fahndung nach dem Auslöser einer Lebensmittelallergie der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen. Wichtige Hinweise geben sogenannte Allergietests: Beim Prick-Test wird ein Allergenextrakt auf die Haut aufgetropft, die Haut mit einer Lanzette angeritzt, sodass die Substanzen eindringen können. Nach 20 Minuten wird die Reaktion mit der einer Positivkontrolle mit Histamin sowie einer Negativkontrolle mit Kochsalz verglichen. Prick-Tests können jedoch auch falsche Ergebnisse liefern. Falsch positiv kann ein Prick-Test ausfallen, weil auch nach einer Toleranzentwicklung möglicherweise erhöhte IgE-Spiegel im Blut vorhanden sind. Das ist häufig bei einer überwundenen Milch- und Ei-Allergie der Fall. Ein falsch negatives Ergebnis beruht meist auf einer fehlenden Standardisierung der Extrakte. Aussagekräftiger ist der Prick-to-Prick-Test, bei dem zuerst das native Lebensmittel, beispielsweise ein Apfel, den der Patient als Auslöser seiner Beschwerden vermutet, und anschließend die Haut angestochen werden.

 

Fällt der Prick-Test negativ aus, wird mit dem Intrakutan-Test, bei dem ein verdünnter Allergenextrakt in die Haut gespritzt wird, weiter nach dem Symptom auslösenden Lebensmittel gefahndet. Dieser Test ist sensibler als der Prick-Test, beinhaltet jedoch das Risiko einer heftigen allergischen Reaktion.

 

Doch für kleinere Kinder sind alle Hauttests ungeeignet. Bei ihnen weicht man auf einen RAST abgekürzten Radio-Allergo-Sorbent-Test oder den verfeinerten CAP-RAST aus, die spezifisches IgE im Blutserum des Patienten nachweisen. Dabei binden die Immunglobuline des Patienten an Nahrungsmittelproteine einer Testmatrix, und die gebildeten Antigen-Antikörper-Komplexe werden durch Fluoreszenz oder Radioaktivität sichtbar gemacht. Die Konzentration an IgE wird halbquantitativ beim RAST in vier Klassen, beim CAP-RAST in sechs Klassen unterteilt. Zeige das Ergebnis RAST-Klasse vier, so könne man mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit von einer Allergie ausgehen, urteilte die Ökotrophologin über die Aussagekraft der Tests. RAST diene auch dazu, einen positiven Prick-Test zu bestätigen.

 

Orale Provokation

 

Doch alle Allergietests sind bei Lebensmitteln keineswegs so zuverlässig wie bei Inhalationsallergenen. Goldstandard der Diagnostik von Lebensmittelallergien sei eine doppelblinde placebokontrollierte Nahrungsmittelprovokation, sagte Körner. Dabei erhält der Patient einen Tag lang eine Testmahlzeit mit dem zu untersuchenden Lebensmittel, eingebettet in eine allergenarme Basisnahrung. Einen Tag später wird die Testmahlzeit allein verabreicht. Dabei wissen weder Patient noch Behandler, an welchen Tagen das verdächtige Lebensmittel im Essen enthalten war. Dieser Test wird meist in der Klinik vorgenommen.

 

Bei deutlich positivem RAST oder Prick-Test könne statt der aufwendigen Nahrungsmittelprovokation auch eine Eliminationsdiät eingesetzt werden, führte Körner aus. Dabei wird über sieben bis vierzehn Tage das als Auslöser vermutete Lebensmittel vom Speisezettel verbannt. Verschwinden dabei die Symptome, bestätigt dies den Allergietest. Gerade bei Grundnahrungsmitteln solle der Test nach einiger Zeit wiederholt oder durch eine orale Provokation bestätigt werden, riet die Ökotrophologin.

 

Keinerlei Aussagekraft bei Lebensmittelallergien besitze ein erhöhter IgG-Wert, warnte Körner. Dieses Immunglobulin wird als physiologische Antwort des Immunsystems im Lauf der Toleranzentwicklung gebildet, sodass auch völlig gesunde Personen bisweilen einen erhöhten IgG-Wert aufweisen.

 

Häufig tritt eine Lebensmittelallergie gemeinsam mit anderen allergischen Erkrankungen wie atopischer Dermatitis, Heuschnupfen oder allergischem Asthma auf. Fast 40 Prozent aller Kleinkinder mit mittelschwerer atopischer Dermatitis leiden an einer Lebensmittelallergie mit Auswirkungen auf die Haut, wobei fast immer nur ein oder zwei Lebensmittel betroffen sind, meist Kuhmilch und Hühnerei. Die Suche nach den sensibilisierenden Auslösern lohne sich also, unterstrich die Expertin. Sie rate gerade bei Kindern mit atopischer Dermatitis dazu, die Allergene mithilfe einer oralen Provokation eindeutig zu identifizieren. Wenn zu viele Lebensmittel aus Verdacht weggelassen würden, bestehe die Gefahr einer Mangelernährung für das Kind. »Viele Kinder quälen sich mit einer unnötigen Diät«, machte Körner deutlich.

 

Eine Vermeidungsstrategie

 

Ist der Auslöser einer Lebensmittelallergie bekannt, sollte er möglichst gemieden werden. Hummer oder Kiwi vom Speiseplan zu streichen, dürfte auch kein Problem sein. Sind Grundnahrungsmittel wie Milch, Ei oder Getreide betroffen, wird es schon schwieriger. Problematisch für Lebensmittelallergiker sind vor allem versteckte Allergene. Wer vermutet schon Milch im Wiener Würstchen oder Weizen in Eiscreme? Doch seit November 2005 ist die neue Kennzeichnungsrichtlinie in Kraft, und damit haben Lebensmittelallergiker einen besseren Einblick in die Zusammensetzung eines Produktes. Während der Hersteller bisher nur Bestandteile aufführen musste, die mehr als 25 Prozent der Zutaten ausmachen, wurde diese Schwelle jetzt auf 2 Prozent gesenkt. Doch die Kennzeichnungspflicht gelte nicht für lose Ware und sehr kleine Produkteinheiten wie einzelne Müsliriegel, schränkte die Münchner Ökotrophologin Dr. Irmgard Reese ein. Zudem haftet der Hersteller für das Produkt, sodass er sich durch unzählige Warnhinweise absichert, beispielsweise auf mögliche Spuren von Erdnuss. Unter diesem Aspekt sei die Situation für Allergiker sogar schwieriger geworden, urteilte Reese über die neue Kennzeichnungspflicht.

 

Auf ein neues, wenig bekanntes Risiko wies die Ökotrophologin noch hin: Die Aromen in den beliebten »Coffee-to-go«-Produkten würden auf der Grundlage von Erdnüssen hergestellt, sodass Erdnussallergiker mit Problemen rechnen müssten. Das Beispiel zeige, wie wichtig eine profunde Beratung sei, unterstrich Reese. Einem Lebensmittelallergiker drohen bei fehlenden oder fehlerhaften Informationen jedoch nicht nur allergische Symptome, sondern auch eine Mangelversorgung wegen spekulativer Auslassversuche.

Versteckte Allergene

Versteckte Milch- oder Milchbestandteilquellen: Fleisch- oder Wurstwaren, Brot oder panierte Nahrungsmittel, Frühstücksflocken, Konfekt oder Schokolade, Margarine, Fertigsuppen und Fertigsaucen

 

Versteckte Erdnussquellen: Süßigkeiten und Schokolade, aromarisierter Kaffee, exotische Nahrungsmittel oder Gerichte (zum Beispiel chinesische oder thailändische Speisen)

 

Versteckte Eiquellen: Spezialgetränke wie Fertigcappuccino und Ei-Ersatz-Produkte

 

Versteckte Fisch- oder Schalentierquellen: asiatische Saucen, Steak- oder Worcestersauce

 

Versteckte Sojaquellen: Erdnussbutter, Thunfisch in Dosen, Müsli, Backwaren, Fertiggerichte

 

Versteckte Weizenquellen: Eiscreme und Fleischersatzprodukte

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