Pharmazeutische Zeitung online
Nanosilber

Kleiner ist nicht unbedingt besser

12.02.2013
Datenschutz bei der PZ

Die antimikrobiellen Eigenschaften von Silber macht sich der Mensch schon seit Langem zunutze. Da eine große spezifische Oberfläche die Wirksamkeit steigert, ist in den vergangenen Jahren fein zerkleinertes Mikro- und Nanosilber in Mode gekommen. Zur Toxikologie vor allem von Nanosilber gibt es momentan aber noch wenige Daten, wie Professor Dr. Rolf Daniels von der Universität Tübingen ausführte.

Silberionen töten Bakterien und Pilze bereits in niedrigen Konzentrationen. Die Wirkung beruht auf diversen Mechanismen. So binden Silberionen an die Oberfläche der Zellmembran, interkalieren zwischen Basenpaaren, verhindern die Bildung der Zellwand und von Biofilmen, binden an Thiolgruppen von Enzymen, bilden freie Radikale, blockieren Signalpeptide und hemmen durch Bindung an die 30S-Untereinheit der ribosomalen RNA die Proteinbiosynthese des Bakteriums.

»Weil Silber unspezifisch viele verschiedene Angriffspunkte nutzt, hat es ein breites Wirkspektrum«, erklärte Daniels. Einzig gegen Viren sei es unwirksam.

 

Viele mögliche Störfaktoren

 

Angaben zur minimalen Hemmkonzentration (MHK) von Silber schwanken zwischen 2 ng/l und 100 µg/ml. »Diese große Streuung zeigt schon, dass es kein standardisiertes Messverfahren gibt«, sagte der Pharmazeutische Technologe. Am realistischsten sei wohl eine MHK von 50 bis 80 µg/ml. Die Wirksamkeit hänge stark vom Nährmedium ab, da nicht nur die Erreger, sondern auch Salze und Proteine der Trägerlösung mit den Silberionen reagierten und so einen Teil des Silbers verbrauchten. Um seine antimikrobielle Wirkung zu entfalten, brauche das Edelmetall zudem eine Stunde Einwirkzeit. »Einmal kurz eine Silberlösung über eine Oberfläche zu spülen, hat daher sicher keinen Effekt«, so Daniels.

 

Metallisches Silber findet heute vor allem als Beschichtung von Wundauflagen breite Anwendung. Allerdings wirkt es selbst nicht antimikrobiell, sondern Silberionen, die auf der Oberfläche durch Oxidation gebildet werden. Um diese zu vergrößern, ist Mikrosilber in Gebrauch, dessen Teilchen durchschnittlich 10 µm groß und schwammartig geformt sind, was die spezifische Oberfläche auf 5 m2/g erhöht.

 

Hersteller von Mikrosilber bewerben ihre Produkte in vielfältigen Anwendungsgebieten. »Eine medizinische Rationale gibt es aber nur für den Einsatz in Hautpflegeprodukten für Neurodermitiker«, sagte Daniels. Mikrosilber-Partikel senken die Keimlast, die bei vielen Neurodermitis-Patienten durch eine vermehrte Besiedelung mit Staphylococcus aureus erhöht ist, und bessern dadurch den Hautzustand. Da es keine placebokontrollierten Studien mit Mikrosilber-haltigen Kosmetika gibt, wird die Anwendung in den Leitlinien allerdings nicht empfohlen. Patienten, die aufgrund der grauen Farbe der Produkte kosmetische Bedenken haben, kann der Apotheker beruhigen: Der Grauschleier ist auf der Haut nicht zu sehen. Ebenso unbegründet sind Daniels zufolge Befürchtungen, dass größere Mengen Silber durch die Haut penetrieren könnten.

 

Nanosilber kein Allheilmittel

 

Silberteilchen mit Partikelgrößen zwischen 1 und 100 nm bezeichnet man als Nano- oder auch kolloidales Silber. Seine Einsatzgebiete sind, wenn es nach den Herstellern geht, noch weiter gefasst als die des Mikrosilbers: Textilien, Fußbodenbeläge sowie Filter für Staubsauger und Klimaanlagen sind nur einige Beispiele. Auf Esoterikseiten im Internet wird sogenanntes Silberwasser als Allheilmittel angepriesen, das angeblich gezielt nur Krankheitserreger vernichtet und harmlose Bakterien verschont. »Tierversuche geben zwar keine Hinweise auf negative Effekte einer oralen oder inhalativen Aufnahme von Nanosilber. Für eine abschließende Bewertung ist die Datenlage aber noch viel zu dünn«, warnte Daniels.

 

Wie bei allen antimikrobiellen Substanzen bestehe auch beim Silber die Gefahr, dass sich bei großflächiger Verwendung Resistenzen bilden. So könnten Bakterien das Silber mithilfe von Effluxpumpen umgehend wieder loswerden. Erreger mit entsprechenden Resistenzgenen habe man bereits im Mund von Menschen mit Zahnfüllungen aus Silberamalgam gefunden. Um eine Zunahme der Silberresistenzen zu vermeiden und um Verbraucher keinem unklaren Gesundheitsrisiko auszusetzen, sollte vor allem Nanosilber nicht unkritisch eingesetzt werden.

Mehr von Avoxa