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AOK-Rabattvertrag

Allianz der Namenlosen

13.02.2007
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AOK-Rabattvertrag

Allianz der Namenlosen

Von Daniel Rücker

 

Die Zahl der Apotheker, die Präparate von Biomo oder Corax auf Lager haben, könnte bald deutlich steigen. Die Firmen gehören zu einer kleinen Schar von elf Generika-Unternehmen, die demnächst rund 30 Millionen AOK-Versicherte mit generischen Medikamenten versorgen sollen.

 

Im Herbst 2006 hatten die AOK-Landesverbände 89 Wirkstoffe ausgeschrieben. Die deutschen Pharmaunternehmen sollten Angebote machen, zu welchem Preis sie die rund 30 Millionen Versicherten der Ortskrankenkassen mit Arzneimitteln versorgen würden. In der vergangenen Woche ist sich die Kasse nun mit den Herstellern handelseinig geworden. Große Namen sucht man allerdings vergebens.

 

Die AOK präsentiert ihre Vereinbarung mit den Generika-Unternehmen als vollen Erfolg. Für 43 Wirkstoffe hätten die 16 AOK-Landesverbände Rabatte bis zu 37 Prozent ausgehandelt, meldete am 6. Februar der bei den Verhandlungen federführende AOK-Verband Baden-Württemberg. »Wir rechnen bundesweit mit jährlichen Einsparungen im interessanten zweistelligen Millionenbereich«, bezifferte der baden-württembergische AOK-Chef wenig konkret die avisierte Kostensenkung. Verglichen mit den rund 8 Milliarden Euro, die die AOK im vergangenen Jahr für Arzneimittel ausgegeben hat, stellen sich die Ziele der Rabattvereinbarung allerdings bescheiden dar.

 

Geringes Volumen

 

Wer einen Blick auf die vom AOK-Bundesverband zeitweise auch vor Apothekern sorgsam geheim gehaltene Liste der Vertragspartner wirft, wundert sich nicht mehr, dass die erwarteten Einsparungen trotz hoher prozentualer Abschläge so gering sind. Die Unternehmen können einfach nicht das Volumen liefern, das für größere Einsparungen notwendig wäre.

 

Die Allianz der Willigen ist auch eine der Namenlosen. Die deutschen Branchenführer sucht man auf der Liste vergeblich. Zusammen kam die AOK-Elf im Jahr 2006 auf einen Marktanteil von rund 2,5 Prozent nach Packungen und 1,3 Prozent nach Umsatz. Am bekanntesten sind wohl noch die Generikahersteller Wörwag, Krewel Meuselbach und Basics. Unternehmen wie AAA-Pharma, Actavis Deutschland, AWD.pharma, Biomo, Corax, Dexcel oder Dr. Friedrich Eberth Arzneimittel dürften vielen Apothekern dagegen unbekannt sein. Allein das israelische Unternehmen Teva zählt international zu den Großen der Branche. In Deutschland will man wohl nun über den Rabattvertrag einen Fuß in den Markt bekommen.

 

Die AOK verkauft den Vertragsabschluss mit den Nobodys dennoch als Durchbruch im Rabattgeschäft. Das Interesse der Hersteller sei groß gewesen, behauptet der Chef des AOK-Bundesverbands, Hans-Jürgen Ahrens. Für manchen ausgeschriebenen Wirkstoff hätten bis zu acht Angebote vorgelegen. Die AOK habe aber für jeden Wirkstoff höchstens drei Anbieter ausgewählt. Wenn dem so war, dann fragt es sich, warum die Ortskrankenkassen keine Unternehmen ausgewählt haben, die den Auftrag auch erfüllen könnten. Sehr optimistisch erscheint es etwa, dass die Versorgung der AOK-Versicherten mit Omeprazol allein in die Hände von Biomo aus Hennef gelegt wurde. Nach Brancheninformationen hatte Biomo bei Omeprazol im vergangenen Jahr einen Marktanteil von 1,2 Prozent. Dasselbe Unternehmen hat nach einer der PZ vorliegenden Wirkstoffliste außerdem Exklusivverträge für Gabapentin und Metformin.

 

Beim Interessensverband »Pro Generika« kommt für den Vertragsabschluss keine Hochachtung auf. Die vermeintliche Erfolgsstory der AOK sei ein »Rabatt-Knebelvertrag mit sehr bescheidenem Ergebnis«, sagt Geschäftsführer Hermann Hofmann. Er nahm es Ahrens auch übel, dass der parallel zum Vertragsabschluss behauptete, in Deutschland seien die Generikapreise höher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Diese Behauptung sei, so Hoffman, »peinliches Wort- und Zahlengetöse«.

 

Der Pro-Generika-Geschäftsführer gibt »ruinösen Knebelverträgen à la AOK« keine Zukunft. Pro Generika befürworte vertragliche Regelungen. Ein Vertragswettbewerb könne aber nur funktionieren, wenn es keine Nachfragekartelle gebe. Zum Rabatt gehöre als Gegenleistung eine Mengengarantie.

 

Kartellrechtliche Zweifel

 

Ob die AOK-Ausschreibung gegen Kartellrecht verstößt, wollen zurzeit einige Pharmaunternehmen überprüfen lassen. Nach Informationen des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH) sind vor deutschen Gerichten mindestens zwei entsprechende Verfahren anhängig. Sollten diese scheitern, will der BAH nach Angaben seines Geschäftsführers Dr. Hermann Kortland Beschwerde gegen einen zuvor ergangenen Entscheid des Bundeskartellamts einlegen. Der BAH hatte das Amt aufgefordert, die AOK-Ausschreibung zu überprüfen. Die Beamten hatten zwar auch grundsätzliche Bedenken gegen die AOK-Ausschreibung, erklärten sich aber für Krankenkassen qua Gesetz nicht zuständig, weil diese nach deutschem Recht keine Unternehmen sind. Das Ziel der Pharmaunternehmen ist nun eine europäische Entscheidung. Dazu müsste ein Gericht den Europäischen Gerichtshof (EuGH) anrufen. Die Europäische Kommission und der EuGH teilen die deutsche Rechtsauffassung zu Krankenkassen nicht.

 

Apotheker sehen Probleme

 

Auch aus Sicht der Apotheker ist der AOK-Rabattvertrag kein Prunkstück. Grundsätzlich befürworten die Apothekerverbände zwar Vereinbarungen zwischen Herstellern und Krankenkassen. Gleichzeitig fordern sie aber auch, dass diejenigen, die die Verträge am Ende mit Leben erfüllen sollen - also die Apotheker - eingebunden werden. Die meisten Krankenkassen und Hersteller halten davon nicht viel.

 

Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Hermann S. Keller, hält gleich mehrere Aspekte der Vereinbarung für problematisch. »Die beteiligten Generika-Unternehmen haben einen Marktanteil von ungefähr einem Prozent. Wir befürchten, dass diese die flächendeckende Versorgung der AOK-Versicherten nicht garantieren können«, sagt Keller. Außerdem benötigten die Apothekensoftwarehäuser Zeit, die Vertragsinhalte in die EDV einzubauen. Bis zum Vertragsbeginn am 1. April sei dies nicht für alle möglich. Erschwerend sei hierbei, dass es für rund die Hälfte der rabattierten Wirkstoffe bislang keine Aut-idem-Regelungen gebe. Keller kündigte Gespräche mit der AOK und dem Bundesgesundheitsministerium an, den Vertragsbeginn an die EDV-Umsetzung in der Apotheke anzubinden.

 

Der DAV-Vorsitzende hätte es begrüßt, wenn die Apotheker frühzeitig in die Verhandlungen eingebunden worden wären. Nun gebe es einen Vertrag, dessen Umsetzung nicht in allen Punkten geklärt sei. So sei auch noch unklar, wer dafür hafte, wenn die Apotheker wegen zu erwartender Lieferschwierigkeiten der kleinen Generikahersteller ihrer gesetzlichen Pflicht zur Abgabe rabattierter Medikamente nicht nachkommen könnten. Eine Retaxierung, wie sie der AOK womöglich vorschwebe, sei in jedem Fall indiskutabel, da die Apotheker Lieferschwierigkeiten nicht zu verantworten hätten. Im GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz sei dieser Fall nicht ausreichend geregelt, kritisierte Keller. Deshalb müsse auch das mit Ministerium und AOK besprochen werden.

 

Auch der andere Partner in der Lieferkette, der Großhandel, betrachtet das aktuelle Geschehen mit einiger Verwunderung. Wie der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Pharmazeutischen Großhandels, Hermann Ringenaldus, bei einer Veranstaltung von »Management Forum« ausführte, hat die AOK den Verband aufgefordert, seine Mitgliedsunternehmen über die Inhalte des AOK-Vertrages zu informieren und ihnen eine ausreichende Bevorratung mit den rabattierten Präparaten nahezulegen. Ringenaldus lehnt es allerdings ab, Aufgaben der Vertragspartner kostenfrei zu übernehmen. Der pharmazeutische Großhandel werde die Produkte auf Lager legen, wenn die Nachfrage steige. Eine Bevorratung auf Verdacht berge erhebliche Risiken für die Großhändler, da die AOK wohl kaum dazu bereit sei, Lagerwertverluste oder Kosten einer Überbevorratung zu tragen.

 

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Henning Fahrenkamp, glaubt, dass Rabattverträge nur dann funktionieren können, wenn die Vertragspartner zusätzliche Umsetzungsverträge mit Apothekern und Großhändlern schließen. Das ist bislang nicht geschehen. Fahrenkamp hält es deshalb für ausgeschlossen, dass der Vertrag zum 1. April umgesetzt wird. Er rechnet mit einer erheblichen Verzögerung.

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