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Forschung

Wie gesund können wir sein?

07.02.2012  16:03 Uhr

Von Sarah Lena Grahn, Berlin / Wie gesund kann unsere Gesellschaft sein? Und wo sind einer gesunden Gesellschaft Grenzen gesetzt? Diese Frage diskutierten Experten in Berlin. Anlass ist das Jahr der Gesundheitsforschung, 2011 vom Bundes-ministerium für Bildung und Forschung ausgerufen.

Die demografische Entwicklung, der medizinisch-technische Fortschritt und eine neue Anspruchshaltung der Bevölkerung gelten als die wichtigsten Gründe für eine anhaltend steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Demgegenüber stehen ein chronisches Finanzierungsdefizit und die Frage, wo Einschnitte vorgenommen werden müssen.

 

Verteilungskonflikt schürt Gefahr der Rationierung

 

Aus Sicht des Direktors des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, Professor Dr. Dominik Groß, konkurrieren die Ausgaben im Gesundheitswesen mit Bereichen, die ebenso entscheidend sind für eine gesunde Gesellschaft.

Dazu zählten Bildung oder die Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit, sagte Groß während eines gemeinsam von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) organisierten Workshops zur Gesund­heits­forschung. Das aber sei ein Dilemma: »Er­hö­hen wir die Ausgaben im Gesundheits­wesen, müssen wir die Kosten in anderen Bereichen reduzieren.«

 

Die Diskussion umkreise heute drei we­sentliche Ansätze, dem Verteilungskonflikt im Gesundheitswesen verantwortungsbe­wusst zu begegnen, erläuterte Groß. Der Versuch, Effizienz und Produktivität mittels einer Rationalisierung zu steigern, reiche aber alleine nicht aus, um das Finanzie­rungsdefizit zu beheben. Auch möglich sei daher die Rationierung, also die Vorenthaltung medizinisch notwendiger Leistungen, ebenso wie die Priorisierung.

 

In einer gemeinsamen Umfrage der RWTH Aachen mit der Bertelsmann-Stiftung nach dem Vorrang bestimmter Patientengruppen seien unheilbar Kranke und ältere Patienten an erster Stelle genannt worden. Die Befragten akzeptierten nach Auskunft von Groß keine Vorzugsbehandlung derjenigen Kranken, die Früherkennungsuntersuchungen ausgelassen oder gesundheitsschädlich gelebt hatten und – zu allerletzt – eine Bevorzugung wohlhabender Patienten.

 

Einer Reform des Gesundheitswesens müsse angesichts dieser Entscheidungen eine offene Diskussion vorausgehen, sagte Groß. Es werde oft vernachlässigt, die Priorisierungsdebatte vor der Rationierungsdebatte zu führen. »Wir müssen zunächst wissen, in welchem Ordnungsrahmen Rationierungen greifen sollen.« Wesentlich sei auch, dass trotz aller Priorisierungs- und Rationierungsansätze der solidarische Grundgedanke bei der Leistungsverteilung erhalten bleibe. »Es muss aber klar sein, dass es künftig nur noch eine Basisversorgung nach einem Egalitätsprinzip wird geben können.«

 

Woran aber macht eine Gesellschaft aus, wie gesund sie ist und wie gesund sie sein will? Reichen Kriterien wie Mortalität, Morbidität und Lebensqualität aus, um Maß zu nehmen? Für den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Professor Dr. Reinhard Burger, ist das subjektive Fühlen eines jeden Einzelnen ein wichtiger Indikator zur Beschreibung des Gesundheitszustands. Der Anteil derer, die sich selbst als gesund oder sehr gesund einstuften, sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, sagte Burger.

 

Die häufigsten Todesursachen seien nach wie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Deutlich zugenommen hätten in den vergangenen Jahren aber Risikofaktoren wie Adipositas.

 

Arme haben geringere Lebenserwartung

 

Ein bedeutender Indikator für Gesundheit sei darüber hinaus die soziale Zugehörigkeit. Die Lebenserwartung in der niedrigsten Einkommensgruppe, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfüge, liege um zehn Jahre unter der Lebenserwartung der höchsten Einkommensgruppe (150 Prozent oder mehr des mittleren Einkommens).

 

Aufgabe des RKI sei es, diese Daten bereitzustellen, um Maßnahmen in Gang zu setzen, erläuterte Burger. »Wir können darauf hinweisen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Bildung und einer gesunden Lebensweise. Gefahren wie Alkohol oder Rauchen können eindeutig durch Aufklärung und Überzeugungsarbeit minimiert werden.«

 

»Politik muss den Bürgern zuhören«

 

Die Forschung könne den Verteilungskonflikt im Gesundheitswesen nicht lösen, sagte der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Dr. Georg Schütte. »Wir können die richtigen Lösungen nur adressieren.« Ein wesentliches Instrument seien Bürgerdialoge. »Politik muss sich darstellen, kommunizieren, zuhören«, sagte Schütte. »Die Medizin- und Gesundheitsfrage ist eine hochindividuelle.«

 

Das Ende 2010 verabschiedete Gesundheitsforschungsprogramm der Bundesregierung konzentriere sich auf die Untersuchung von Volkskrankheiten. Sechs Zentren bundesweit erforschten neurodegenerative Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionskrankheiten, Lungenkrankheiten und Krebserkrankungen, so Schütte.

 

Lücken in der Gesundheitsforschung

 

Natürlich gebe es auch Lücken: Ein Zentrum zur Erforschung psychischer Krankheiten existiere nicht. »Hier gibt es aber weitere Förderprogramme«, sagte der Staatssekretär. Letztlich stelle sich die Politik immer wieder die Frage: »Wie gestalten wir einen Prozess, der dazu führt, dass wir adäquat verteilen?« /

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