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Iberogast

Wirkmechanismen auf der Spur

08.02.2010  15:18 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, Bad Wörishofen / Die klinische Wirksamkeit des Phytopharmakons STW-5 (Iberogast®) ist seit Jahren bekannt. Nach den zellulären Wirkmechanismen des Präparates auf der Basis von Iberis amara fahnden Wissenschaftler im Labor. Sie fanden eine Modulation der Magenmotilität, der Reizantwort und Sekretion im Darm sowie antientzündliche Effekte.

Seit 50 Jahren ist STW-5 in unveränderter Zusammensetzung auf dem Markt. Die Komposition aus neun Arzneipflanzen ist zugelassen für die Therapie von Reizmagen- und Reizdarmbeschwerden. Etwa 10  bis 25 Prozent der Bevölkerung sollen an diesen funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen leiden. Wie die in Studien nachgewiesene klinische Wirksamkeit auf zellulärer Ebene erklärbar ist, untersuchten ­Forscher in vitro und am Tiermodell.

 

Reizantwort im Darm reduziert

 

Bei vielen Patienten mit funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen reagiert der Darm überempfindlich auf Reize. Diese viszerale Hypersensibilität gilt als einer der Schlüsselmechanismen, erklärte Professor Dr. Martin Kreis von der Ludwig-Maximilians-Universität, München, beim Jubiläums-Symposium in Bad Wörishofen. Die Arbeitsgruppe konnte durch elektrophysiologische Ableitungen an Dünndarmnerven narkotisierter Ratten nachweisen, dass der STW-5-Flüssigextrakt die Nervenreaktion auf mechanische und chemische Reize (Serotonin und Bradykinin) dämpft. Die intestinale Motilität wurde nicht beeinflusst.

Wie unterschiedlich STW-5 je nach Magenregion wirkt, zeigte die Gruppe um Professor Dr. Michael Schemann von der TU München. In vitro erweiterte der ­Extrakt den Magenspeicher (Fundus) über die Modulation intrazellulärer Calciumspeicher und stimulierte die Magenpumpe (Motilität im Antrum) durch Calciumeinstrom in die Zellen über spannungsabhängige L-Typ-Calciumkanäle. Dieser Mechanismus könne die klinische Wirksamkeit bei Patienten mit Reizmagen erklären, bei denen die Magenanpassung und -pumpe gestört ist. Die Tonussteigerung am unteren Ösophagus-Sphinkter deute auf einen möglichen Einsatz bei Refluxkrankheit hin, sagte Schemann.

 

Effekte im Darm wies die Gruppe im Labor an humaner Colonmuskulatur nach. Der Extrakt löste konzentrationsabhängig eine Erschlaffung aus. Zudem erhöhte er die Sekretion im Darm über Aktivierung von Chloridkanälen und aktivierte das enterale Nervensystem. Die spasmolytischen und prosekretorischen Effekte im Darm seien die Grundlage der klinischen ­Wirkung bei Reizdarmpatienten.

 

Antientzündlich wirksam

 

Die antientzündlichen Effekte von STW-5 untersuchte die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Karen Nieber von der Universität Leipzig am Entzündungsmodell des Rattendarms. Die Behandlung mit STW-5 oder -6 (Iberis-amara-Extrakt) konnte die experimentell induzierte Schädigung der Darmmukosa teilweise abfangen und die durch Entzündungsprozesse gestörten, Acetylcholin-induzierten Kontraktionen normalisieren. Der antiinflammatorische Effekt beruhe auf mehreren Mechanismen, erläuterte die Pharmakologin.

 

Bekannt ist, dass der Extrakt freie Radikale abfängt. An der antioxidativen Wirkung sind laut Nieber nachweislich alle Einzelkomponenten beteiligt. Das Phytopharmakon moduliert aber auch pro- und antientzündliche Zytokine. So verminderte STW-5, nicht aber STW-6 (Iberis amara alleine) in vitro die Genexpression des proinflammatorischen Tumornekrosefaktors TNF-α und hemmte dessen Freisetzung aus Human-Makrophagen. Dies werde über die Aktivierung von Adenosin-A2A-Rezeptoren vermittelt, erklärte Nieber. Dagegen war STW-6 in der Lage, die Genexpression des antiinflammatorischen Zytokins Interleukin-10 zu steigern. Die Wirkung der Phytoextrakte auf die Genexpression waren stark ausgeprägt. Nieber hält die Befunde auch deshalb für sehr interessant, da eine mögliche inflammatorische Komponente als eine der ursächlichen Störungen bei funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen diskutiert wird. / 

Seit 50 Jahren am Markt

Ein Klassiker unter den pflanzlichen Magenmitteln begeht seinen 50. ­Geburtstag: Anfang 1960 brachte die Firma Steigerwald das Phytopharmakon Iberogast® auf den Markt. Ziel war es, nicht nur ein Bittermittel oder ein Antazidum, sondern ein Arzneimittel mit möglichst umfassender Wirkung auf Magen und Darm zu entwickeln, erklärte Claudia B. Maier, Leiterin OTC-Management des Darmstädter Unternehmens. Die Kombination aus Iberis-amara-Extrakt und acht weiteren Heilpflanzenextrakten wird bis heute in unveränderter Rezeptur hergestellt. Das Präparat sei in Deutschland das einzige vom BfArM für Reizmagen und Reizdarm zugelassene Arzneimittel, hieß es bei dem Jubiläums-Symposium in Bad Wörishofen. Ebenso führe es die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in ihren Therapieleitlinien als einziges Mittel bei beiden Indikationen auf. Heute wird das Phytopharmakon nach Firmenangaben auf vier Kontinenten vermarktet.

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