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Arzneimittelfälschungen

Von wirkungslos bis gefährlich

15.01.2013  17:46 Uhr

Von Ulrike Holzgrabe / An Meldungen von Arzneimittelfälschungen aus Afrika haben wir uns schon gewöhnt, gehen aber immer davon aus, dass sie in Europa oder Amerika nicht vorkommen. Doch kamen auch in der sogenannten ersten Welt im vergangenen Jahr Fälschungen ans Tageslicht, und zwar so häufig wie nie zuvor.

Sicher haben noch viele die Probleme des mit übersulfatiertem Chondroitinsulfat (OSCS) verunreinigten Heparins im Gedächtnis, das in den Jahren 2008 und 2009 in den USA und Europa für eine große Zahl von Toten und anaphylaktoiden Reaktionen bei Dialysepatienten verantwortlich war. Die Arzneibücher erledigen derzeit die letzten Verbesserungen, um die Qualität sowohl der unfraktionierten wie auch der niedermolekularen Heparine sicherzustellen. In den USA wurde zusätzlich im Februar 2012 eine Leitlinie zur Qualitätssicherung des Heparin-Rohstoffs entworfen.

 

Spektakuläre Fälle

 

Die wohl aufsehenerregendste Arzneimittelfälschung des Jahres 2012 war der Fall des Avastins, das kein Bevacizumab zur Therapie von Darm-, Lungen-, Brust-, Nieren- und Eierstockkrebs enthielt. Einige Krankenhäuser in den USA hatten aufgrund des niedrigen Preises Avastin, das von der Roche-Tochter Genentech in den USA her­gestellt wird, bei einem Großhändler in Gainesboro, Tennessee, gekauft. Die Spur führte von dort zu einem Großhändler in Kanada, zu einem Zwischenhändler in Großbritannien, einer dänischen Firma, die bei einem Schweizer Händler gekauft hatte, der wiederum die Ware von einem ägyptischen Händler hatte. Dieser gab an, das Avastin von einem syrischen Händler in der Türkei zu haben. Dann verlor sich die verworrene Spur gänzlich. So oder so ähnlich verlief der Weg zweier verschiedener Avastin-Chargen.

Im Mai 2012 wurde in den USA von Fälschungen des Präparats Adderall berichtet, einem Arzneimittel gegen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen, dessen 30-mg-Tabletten Dextroamphetamin-Saccharat, Amphet­amin-Aspartat sowie Dextroamphet­amin- und Amphetamin-Sulfat enthalten sollen. Stattdessen wurden in den Laboratorien der US-Arzneimittelbehörde FDA in den Tabletten die Analgetika Paracetamol und Tramadol gefunden. Die Fälschungen waren an einigen Schreibfehlern auf der Verpackung leicht zu erkennen: Statt »Aspartate« war »Aspartrte«, statt »single« »singel« und statt »NDS« »NDC« zu lesen. Zusätzlich fehlten auf den Tabletten Beschriftungen, sie hatten eine falsche Farbe und waren in Blistern statt in Flaschen verpackt. Die Ware stammte übrigens aus dem Internet.

 

Ein besonders brisanter Fall von Hilfsstoffen schlechter Qualität wurde im April 2012 in China aufgedeckt. Zur Produktion von Industriegelatine für die Herstellung von Tabletten wurden Lederüberreste benutzt, die mit Calciumoxid und industriellen Säuren und Basen aufgearbeitet waren. Die Gelatine enthielt Chrom-VI in einer Konzentra­tion, die 90-fach höher war als zugelassen. Glücklicherweise ist diese Gelatine nicht in Europa und den USA zu Kapseln verarbeitet beziehungsweise in Fertigprodukten aus China gefunden worden. Dagegen erscheint der Bericht der FDA vom März 2012 über Hautcremes, antiseptische Seifen und Lotionen zur Behandlung von Altersflecken und zur Hautaufhellung, die allesamt mehr als die erlaubte Menge an Quecksilber enthielten, nahezu harmlos.

 

Frittieröl zur Arzneiherstellung

 

Besonders unappetitlich ist die Verwendung von sogenanntem Gutter Oil, also gebrauchtem Koch- oder Bratöl zur Produktion von Antibiotika. Da­rüber wurde im September 2012 in China berichtet. Gutteröl ist ein rudimentär reprozessiertes Öl aus Abfällen und Tierfett, gesammelt aus Frittierölen von Gaststätten, Abgüssen, Schmierfett und Schlacht­höfen. Dieses Öl wurde statt Sojaöl zur Fermenta­tion von 7-Aminocephalosporinsäure (7-ACA) eingesetzt.

 

Hierbei handelt es sich zwar »nur« um ein Zwischenprodukt, oder man könnte auch sagen, Ausgangsprodukt, zur Herstellung von Cephalosporinen. Allerdings sind die Reinigungsprozesse dieses Fermentationsproduktes nicht auf die Verwendung dieses auf dem Schwarzmarkt reichlich gehandelten Abfallöls ausgerichtet, sodass zu befürchten ist, dass 7-ACA mit Verunreinigungen wie Kanzerogenen und Toxinen kontaminiert ist. Deshalb haben die deutsche und die europäische Arzneibuchkommission Überlegungen angestellt, wie man die Qualität von Fermentationsprodukten besser sichern kann. Da Gutteröl in China auch wieder in die Nahrungskette eingeflossen ist, hat der Skandal dort zur Verhaftung einiger Dutzend Verdächtiger geführt.

 

Bis(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) ist ein Weichmacher für flexible Polyvinylchlorid-Produkte, das nicht an die Polymere gebunden wird und deshalb aus der Matrix in das verpackte Produkt diffundieren kann. DEHP ist als Ligand der Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptoren (PPAR) bekannt. Lind et al. konnten im vergangenen Jahr den Zusammenhang zwischen Phthalaten und Diabetes durch eine klinische Studie nachweisen.

 

2011 wurden in Taiwan und Hongkong in vielen Lebensmitteln viel zu hohe Dosen von DEHP gefunden, da dieses als Ersatz für Palmöl benutzt worden war. Auch in Augmentin von GSK wurde DEHP entdeckt, allerdings konnten die anfangs vermuteten Überdosierungen nicht bestätigt werden.

 

Jährlich werden weltweit 2 Millionen Tonnen DEHP produziert und in einer Vielzahl von Produkten verarbeitet, zum Beispiel in Spielzeug, Möbeln, Haarspray, Parfüms, Kosmetika, aber auch in vielen Medizinprodukten wie Dialyseschläuchen, Kathetern und Materialien für parenterale Ernährung. Deshalb hat die Europäische Union bereits 2005 eine Direktive (2005/84/EG) herausgegeben, die DEHP, Dibutylphthalat (DBP) und Benzyl-butylphthalat (BBP) als Reproduktionsgiftstoffe einstuft. Außerdem wurden von offizieller Seite neue, empfindlichere Nachweismethoden entwickelt. Die USA haben im Dezember 2012 eine Richtlinie erlassen, die die Dosis einiger Phthalate in Hilfsstoffen limitiert auf 0,1 mg/kg/d für DBP und 0,02 mg/kg/d für DEHP und die Suche nach alternativen Hilfsstoffen empfiehlt.

 

Erwähnt werden soll auch, dass in Lahore, Pakistan, mehr als 100 Menschen an Isotab-Tabletten starben, die statt 20 mg Isosorbid-Mononitrat eine Überdosis Pyrimethamin enthielten. Auch wurde wieder von Antimalaria­arzneimitteln schlechter Qualität berichtet, und natürlich von Nahrungsergänzungsmitteln zur Potenzsteigerung, die undeklariert Sildenafil, Hydroxy­thiohomosildenafil oder Tadalafil, Sildenafil, Sulfosildenafil, Sulfoaildenafil und Hydroxythiohomosildenafil (Mojo Nights) enthielten, um nur einige wenige zu nennen.

 

Gefahrenquelle Internet

 

Die hier zusammengestellte Sammlung erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit. Sie zeigt allerdings eindrucksvoll, dass nicht nur in Schwellenländern oder in der sogenannten Dritten Welt lebenswichtige Arzneimittel gefälscht werden, und dass sich die Fälschungen im Wesentlichen nicht nur auf den Lifestyle-Sektor (Bodybuilding, Potenzmittel, Abmagerungsmittel et cetera) beschränken. Viel Gefahr droht aus dem Internet. Deshalb hat die FDA im Herbst 2012 Tausende von Internetapotheken geschlossen.

 

In Deutschland kontrolliert das Zollkriminalamt den Onlinehandel und konfisziert regelmäßig viele Tausend Packungen, sieht dabei allerdings nur die Spitze des Eisbergs. 2012 ist in Europa von keinen Arzneimittelfälschungen und Arzneistoffen schlechter, lebensbedrohlicher Qualität berichtet worden. Aber das kann sich jederzeit ändern! /

 

Literatur bei der Verfasserin

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