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Canakinumab

Antikörper gegen seltene Erbkrankheit

05.01.2010  11:46 Uhr

Von Kerstin A. Gräfe / Seit Anfang Dezember ist der monoklonale Antikörper Canakinumab (Ilaris® 150 mg zur Herstellung einer Injektionslösung, Novartis Pharma) als Orphan Drug auf dem deutschen Markt verfügbar. Damit steht erstmals Patienten mit den sogenannten CAPS-Syndromen eine Therapieoption zur Verfügung.

Die erbliche Erkrankung ist selten. Schätzungsweise leiden in Deutschland 80 Menschen, also einer von einer Million Bundesbürgern, an den Cryopyrin-assoziierten periodischen Syndromen (CAPS). Die Diagnose bedeutete für viele Patienten, die oft schon im Säuglingsalter erkranken, einen lebenslangen Kampf gegen chronische Müdigkeit, Fieber und Arthralgien. Betroffen sind besonders Haut, Augen, Knochen und Gelenke. Andere schwerwiegende Komplikationen sind fortschreitender Hörverlust, visuelle und intellektuelle Beeinträchtigungen und Amyloidose – eine Anreicherung von Proteinen, die zum Versagen lebenswichtiger Organe führen kann. Etwa 25 Prozent der CAPS-Patienten entwickeln eine systemische Amyloidose, aus der meist ein Nierenversagen resultiert. Diese Patienten versterben in der Regel innerhalb von fünf bis zehn Jahren.

Das Krankheitsbild umfasst drei Erscheinungsbilder mit ansteigendem Schweregrad: das familiäre kälteinduzierte autoinflammatorische Syndrom (FCAS), das Muckle-Wells-Syndrom und NOMID (Neonatal Onset Multisystem Inflammatory Disease). Die Ursache aller CAP-Syndrome ist ein genetischer Defekt, der zu einer Überproduktion von Interleukin-1β (IL-1β) führt. Dies wiederum spielt eine zentrale Rolle bei der Entzündung und Gewebezerstörung und ist Auslöser der komplexen CAPS-Symptomatik. Hier setzt nun Canakinumab an: Der vollständig humane monoklonale Antikörper bindet mit hoher Affinität langfristig an humanes IL-1β und unterbindet dessen Interaktion mit IL-1β-Rezeptoren. Canakinumab erhielt die Zulassung zur Behandlung aller CAPS-Syndrome sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern ab vier Jahren. In den USA und der Schweiz wurde der Antikörper bereits seit Mitte des Jahres zugelassen.

 

Der neue Arzneistoff wird alle acht Wochen subkutan injiziert. Die empfohlene Dosis beträgt für Erwachsene (Körpergewicht größer als 40 kg) 150 mg. Bei Kindern ab vier Jahren (Körpergewicht zwischen 15 und 40 kg) werden pro Kilogramm 2 mg eingesetzt. Aufgrund fehlender Daten wird die Anwendung bei Kindern unter vier Jahren oder mit einem Körpergewicht von weniger als 15 Kilogramm nicht empfohlen. Wenn sich die Symptome nach sieben Tagen nicht bessern, kann eine zweite Gabe von 150 mg beziehungsweise 2 mg/kg in Betracht gezogen werden. Wird damit eine Besserung erzielt, sollte die doppelte Dosis alle acht Wochen beibehalten werden. Nach einer entsprechenden Einweisung können die Patienten sich das Arzneimittel selbst spritzen.

Patienten, die mit dem Antikörper behandelt werden, ist eine Warnkarte mit den zusammenfassenden Sicherheitsinformationen auszuhändigen. Da unter Canakinumab vermehrt schwerwiegende Infektionen aufgetreten sind, sollten die Patienten während und nach der Therapie auf Anzeichen von Infektionen überwacht werden. Vor Behandlungsbeginn muss eine aktive oder latente Tuberkuloseinfektion sowie eine Neutropenie ausgeschlossen sein. Da das Risiko schwerwiegender Infektionen ansteigen könnte, wird die gleichzeitige Gabe von TNF-Inhibitoren nicht empfohlen. Zytokine wie IL-1β können die Expression von hepatischen CYP450-Enzymen supprimieren. Folglich wird die Expression gesteigert, wenn eine Therapie mit Canakinumab eingeleitet wird. Diesem Umstand ist vor allem bei Arzneistoffen mit geringer therapeutischer Breite Rechnung zu tragen. Wie auch bei vielen anderen Antikörpern sollten während der Behandlung keine Lebendimpfstoffe verabreicht werden.

 

Die Zulassung beruht auf einer 48-wöchigen Studie mit 35 Patienten im Alter von vier bis 75 Jahren. Sie gliederte sich in drei Abschnitte. In den ersten acht Wochen erhielten die Patienten subkutan 150 mg Canakinumab. Die 31 Patienten, die auf die Therapie ansprachen, nahmen am zweiten Abschnitt teil: eine 24-wöchige, randomisierte und placebokontrollierte Doppelblindstudie. Die Patienten erhielten alle acht Wochen entweder Canakinumab oder Placebo. Primärer Endpunkt war die Anzahl Patienten, die nach dem 24-wöchigen Behandlungszeitraum keinen Krankheitsschub hatten. In der Canakinumab-Gruppe kam es bei keinem Patienten zu einem Krankheitsschub, hingegen traf es in der Placebogruppe 13 von 16. Im Anschluss an den zweiten Teil der Studie oder bei Auftreten eines Krankheitsschubes kamen die Patienten in die dritte Phase: Alle 31 Patienten erhielten nun über einen Zeitraum von mindestens 16 Wochen zwei weitere Behandlungen mit Canakinumab. 28 schlossen diese Studienphase ab, ohne ein Rezidiv zu entwickeln. Ein Patient erlitt am letzten Tag der Studie ein Rezidiv. Zwei Patienten brachen die Studie ab: einer wegen unbefriedigender Wirkung, einer wegen eines Harnwegsinfekts.

 

Der Antikörper wurde im Allgemeinen gut vertragen. Häufigste Nebenwirkungen waren Nasen- und Rachenentzündung, Schwindel sowie Reaktionen an der Einstichstelle.

 

Nach Angaben des Herstellers wird Canakinumab derzeit auch bei Gicht, systemischer juveniler idiopathischer Arthritis, COPD, Osteoarthritis und Typ-2-Diabetes geprüft. /

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