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Pflanzenforschung als Passion

02.01.2007
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Pflanzenforschung als Passion

Von Axel Helmstädter, Marburg

 

Pharmazeuten spielten bei der Erforschung des Pflanzenreiches und in entsprechenden wissenschaftlichen Netzwerken seit dem 16. Jahrhundert eine große Rolle. Strukturen solcher Netzwerke waren Gegenstand eines interdisziplinären Symposiums an der Universität Marburg mit Wissenschaftshistorikern aus sechs europäischen Ländern.

 

Die Bedeutung von Apothekern für die frühe Botanik unterstrich Dr. Florike Egmond, Leiden, die das wissenschaftliche Netzwerk um den Botaniker Carolus Clusius (1526 bis 1609) anhand seines Briefwechsels untersucht. Clusius, der den botanischen Garten in Leiden anlegte und angeblich 1581 die erste Tulpe in Holland pflanzte, korrespondierte mit 325 Personen, von denen mindestens 34 Apotheker waren. Sie taten sich als Mittelsmänner der Korrespondenz und der Pflanzenverbreitung, aber auch als Sammler oder Gartenbesitzer hervor. Der Garten der niederländischen Universitätsstadt Leiden wurde, wie derjenige von Padua in Italien, zum Vorbild vieler ähnlicher Einrichtungen. Kürzlich aufgefundene Dokumente zur Bibliothek des Jacob Ligtvoet, der den Garten im 18. Jahrhundert fast 30 Jahre betreute, zeigen den Kenntnisreichtum und die Passion der für diese Einrichtungen Verantwortlichen. Die Gärten dienten der Erbauung, aber auch der Wissenschaft und der Lehre. So sah das didaktische Konzept in Padua vor, dass Studenten auf bestimmten Formularen die Pflanzennamen den jeweiligen Beeten zuordneten.

 

Nach Expertenmeinung wurde die Bedeutung der Pharmazeuten für die Entwicklung der wissenschaftlichen Botanik bisher deutlich unterschätzt, obwohl einige, die zu persönlichem Wohlstand gekommen waren, beträchtliches Vermögen einsetzten, um zum Beispiel selbst einen Garten anzulegen und die darin kultivierten Gewächse zu beschreiben. Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Heidelberg, nannte mit Georg Öllinger (1487 bis 1557), Basilius Besler (1561 bis 1629) und Philipp Stephan Sprenger (um 1536 bis vor 1608) drei prominente Beispiele des 16. Jahrhunderts, die im Gegensatz zu den »Vätern der Botanik« Brunfels, Bock und Fuchs, ursprünglich nicht dem »gelehrten Stand« angehörten. Von dem Nürnberger Apotheker Öllinger sind künstlerisch wertvolle Pflanzenbeschreibungen erhalten, die allerdings nicht gedruckt wurden. Basilius Besler, ebenfalls in Nürnberg berufstätig, wurde durch seinen »Hortus Eystettensis« bekannt und Sprenger, Hofapotheker in Heidelberg, legte einen botanischen Garten in der Universitätsstadt an, der auch zur Ausbildung von Medizinstudenten diente.

 

Apotheker leisteten, wie Professor Dr. Christoph Friedrich aus Marburg ausführte, auch noch im 18. Jahrhundert bedeutende Beiträge zur Erforschung der Pflanzenwelt. Neben der Chemie, die bisher in der Pharmaziegeschichtsschreibung mehr Berücksichtigung fand, zählte die Botanik zu den Hauptarbeitsgebieten wissenschaftlich ambitionierter Pharmazeuten. Während sich manche ihrer Leidenschaft nebenamtlich hingaben, verlegten sich andere ganz auf das Studium der Pflanzen: Einige gelernte Apotheker amtierten schließlich als Hochschullehrer für diese damals noch junge Disziplin. Ein Beispiel dafür ist Carl Ludwig Willdenow (1765 bis 1812), der 1798 Professor am Collegium medico-chirurgicum in Berlin wurde und 1810 ein Ordinariat an der Universität Breslau übernahm. Er gilt als Pflanzensystematiker von Weltruf und hinterließ ein Herbarium mit etwa 20.000 Arten.

 

Netzwerke strahlten von Mitteleuropa auch nach Skandinavien aus, deren Überlieferungswege Professor Kjell Lundquist, Alnarp (Schweden), nachzeichnete. So weisen Wege von dem Schweizer Botaniker Caspar Bauhin (1560 bis 1624) über den deutsch-dänischen Arzt Joachim Burser (1583 bis 1639) nach Schweden, wo der Arzt Olof Rudbeck (1630 bis 1702) pflanzensystematische Arbeiten begann, die der bekannte Systematiker Carl von Linné (1707 bis 1778) dann vollenden sollte.

 

Botanische Netzwerke erstreckten sich keineswegs nur in Europa, so interessierten sich zum Beispiel reisende Missionare häufig für die Pflanzenwelt des besuchten Kontinents. Dr. Sabine Anagnostou, Marburg, referierte über die Arbeiten des Jesuitenpaters Georg Joseph Kamel (1666 bis 1706), der die Flora der Philippinen beschrieb und zum weltweiten Wissensaustausch auf das Netzwerk seines Ordens zurückgreifen konnte. Er hatte entscheidenden Anteil an der Erforschung und Verbreitung der »Ignatiusbohne« (Strychnos ignatii).

 

Umgekehrt gelangten europäische Kenntnisse in ferne Länder, etwa durch niederländische Seefahrer, die nach Japan gekommen waren. Professor Dr. Harm Beukers, Leiden, konnte nachweisen, dass die frühe Botanik Japans durch das Kräuterbuch von Rembert Dodoens (1516/17 bis 1585) beeinflusst wurde, das holländische Seefahrer hohen japanischen Offiziellen zum Gastgeschenk gemacht hatten. Diese ließen sich die Inhalte des auf niederländisch geschriebenen Buches erklären und fertigten japanische Notizen darüber an, die, ebenso wie die Grundlagen in Originalsprache, bis heute erhalten sind.

 

Dr. Johannes Meyer, Würzburg, gab ein weiteres Beispiel dafür, dass genaue Textanalysen Hinweise auf die Überlieferungsgeschichte botanischen Wissens geben. So konnte inzwischen der Nachweis erbracht werden, dass der Autor des 1485 erstmals gedruckten »Gart der Gesundheit«, Johann Wonnecke, entgegen bisheriger Lehrmeinung nicht nur von deutschen, sondern auch von lateinischen Quellen, darunter Plinius, Pseudo-Serapion und Hildegard von Bingen zehrte. Der überaus wirkmächtige »Gart« ist also eine Art Quintessenz des gesamten mittelalterlichen botanischen Wissens.

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