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Wenn Ernährung krank macht

02.01.2006
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Allergien und Intoleranzen

Wenn Ernährung krank macht

von Carola Seifart, Marburg

 

Weitaus häufiger als die immunologisch bedingten Lebensmittelallergien sind Nahrungsmittelintoleranzen, die auf einem Stoffwechseldefekt beruhen. Der häufigste Defekt, der intestinale Laktasemangel, führt zur Laktoseintoleranz und spielt weltweit wie auch in Deutschland eine zunehmend wichtigere Rolle.

 

Essen ist Teil unseres täglichen Lebens. Aber nicht alle Menschen können ihr Essen auch genießen, denn sie wissen, dass sie mit Bauchschmerzen, Flatulenz, Meteorismus, Durchfällen oder einem unangenehmen Völlegefühl rechen müssen. Es handelt sich um körperliche Befindlichkeitsstörungen, die als einzelnes Symptom oder in Kombination viele Menschen zum Arzt führen. Manchmal vermutet der Patient schon einen Zusammenhang mit einem bestimmten Nahrungsmittel. Oft aber sind die Beschwerden wechselhaft oder treten nach fast jedem Essen auf, sodass der Betroffene sie keinem konkreten Nahrungsbestandteil zuordnen kann.

 

Einige Patienten mit Bauchschmerzen stellen ihre Diagnose gleich selbst: eindeutig Nahrungsmittelallergie! Doch hier ist festzuhalten, dass unter den abnormen Reaktionen auf Lebensmittel die »echten«, also rein immunologisch bedingten Allergien selten sind. Andere Ursachen sind etwa zehn- bis zwanzigfach häufiger.

 

Jeder Dritte betroffen

 

Zunächst muss der Arzt klären, ob sich hinter den Beschwerden tatsächlich eine pathologische Ursache versteckt. Denn unabhängig von Allergien, Intoleranzen oder Verwertungsstörungen führen bestimmte Nahrungsmittel auch bei einem großen Teil gesunder Personen zu unerwünschten Reaktionen wie Sodbrennen, Blähungen, Völle- und Druckgefühl, Bauchschmerzen und Durchfällen. Auslöser sind schwer verdauliche Lebensmittel oder solche mit Bestandteilen, die generell blähend wirken (Senföle, Lauchöle) oder die im Dünndarm nicht aufgenommen werden können.

 

Ein bekanntes Beispiel sind Hülsenfrüchte. Sie sind von einem unverdaulichen Samenhäutchen umkleidet, das die Zucker Stachyose und Raffinose enthält. Diese können im Dünndarm nicht gespalten werden und gelangen daher unverdaut in den Dickdarm. Dort werden sie durch Dickdarmbakterien zersetzt, die bei der Fermentation der Zucker erhebliche Mengen an Gasen produzieren. Die Folge: Völlegefühl und Flatulenz. 

 

Zwiebeln, Lauchzwiebeln und Lauch enthalten Lauchöle, Kohlgemüse wie Brokkoli, Weiß- und Rotkohl Senföle. Beim Zerkleinern oder Zerkauen der Gemüse werden die schwefelhaltigen Verbindungen frei, aus denen beim enzymatischen Abbau im Darm blähende Gase entstehen. Daher führt der Genuss dieser Gemüse auch bei Gesunden häufig zu »Unverträglichkeiten«.

 

Jeder Zucker, der unverdaut in den Dickdarm gelangt, ist eine Nahrungsquelle für Dickdarmbakterien. Das gilt auch für die Zuckeraustauschstoffe Sorbit und Fruktose, die in vielen diätetischen Lebensmitteln und auch in Brausetabletten enthalten sind. Fruktose wird im Dünndarm nur sehr langsam, Sorbit praktisch nicht resorbiert; beide gelangen großteils unverdaut in den Dickdarm. So kommt es, dass fünf von sieben Personen nach dem Trinken größerer Mengen Obstsaft unter Blähungen leiden.

 

Befragt man gesunde Personen, so beklagt jeder Dritte für zumindest ein Nahrungsmittel eine »Unverträglichkeit«. Spitzenreiter sind Hülsenfrüchte (30,1 Prozent), Gurkensalat (28,6 Prozent) und Kohlsorten (etwa 20 Prozent). Direkt danach folgen Zwiebeln (15,8 Prozent), Bohnenkaffee (12,5 Prozent), Wein (6 bis 7 Prozent), Orangensaft und Milch (je circa 4,5 Prozent).

 

Allergien und Intoleranzen

 

Ist klar, dass es sich nicht um eine »Unverträglichkeit« von schwer verdaulichen Nahrungsmitteln handelt, beginnt die Suche nach der möglichen Ursache. Die häufig auftretenden Lebensmittelunverträglichkeiten (Nahrungsmittelintoleranzen) werden strikt von den selteneren Allergien abgegrenzt.

 

Nahrungsmittel können auf ganz verschiedene Art und Weise ein weites Spektrum von Befindlichkeitsstörungen oder Krankheiten auslösen - mit unterschiedlichen körperlichen und therapeutischen Konsequenzen. Einerseits gibt es die Nahrungsmittelallergien, die zu einer typischen allergischen Reaktion führen, die sich als klassische immunologische Früh- oder Spätreaktion manifestiert. Dagegen haben Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -intoleranzen mehrere mögliche Ursachen. Beispielsweise rufen verdorbene, toxische oder bakteriell verunreinigte Lebensmittel das akute Krankheitsbild einer Lebensmittelvergiftung hervor. Bei den klassischen Unverträglichkeiten oder so genannten Nahrungsmittel-Ideosynkrasien bedingt ein angeborener oder erworbener Enzymdefekt eine Verwertungsstörung bestimmter Nahrungsmittelbestandteile (Milchzucker, Fruchtzucker).

 

Einige Zusatzstoffe wie Histamin, Farbstoffe oder vasoaktive Amine wirken bei anfälligen Personen direkt auf die verschiedenen Effektororgane des Immunsystems: Augen, Atemwege und Haut. Da keine vorherige Aktivierung des Immunsystems stattfindet, spricht man von pseudo-allergischen oder pharmakologischen Reaktionen.

 

Die aktuelle Einteilung der europäischen Akademie für Allergologie und klinische Immunologie (EAACI) klassifiziert die unerwünschten oder abnormalen Reaktionen auf Lebensmittel in toxische Reaktionen und nicht toxische, immunologische oder nicht immunologische Reaktionen.

 

Nesselsucht als typische Folge

 

Nahrungsmittelallergien gehören zu den immunologischen, nicht toxischen Reaktionen. Sie lösen ein klares, reproduzierbares immunologisches Krankheitsbild aus. Es handelt sich dabei um eine typische Reaktion des Immunsystems auf Allergene, die in fast allen Fällen IgE-vermittelt ist und eine klassische Typ-I-Reaktion auslöst (immunologische Sofortreaktion). Dabei vernetzen Lebensmittel-Proteinkomplexe zellgebundenes IgE auf Mastzellen und basophilen Granulozyten. Diese immunologischen Effektorzellen werden dadurch aktiviert, setzen Sofortmediatoren wie Histamin frei, synthetisieren Leukotriene und Prostaglandine und induzieren die Produktion proallergener Zytokine.

 

Das Resultat nach wenigen Augenblicken: Die Haut rötet sich (Erythem), schwillt an und bildet Quaddeln, im Bronchialsystem schwillt die Atemwegsschleimhaut und die Atemwege verengen sich, es bildet sich vermehrt Schleim, die Nase meldet sich mit Niesattacken und beginnt zu laufen. Im schlimmsten Fall reagiert der ganze Körper mit Blutdruckabfall und Kreislaufzusammenbruch bei anaphylaktischem Schock. Diese Reaktion ist allerdings sehr selten.

 

Weitaus häufiger, nämlich in über der Hälfte der Fälle, manifestiert sich die typische Nahrungsmittelallergie isoliert an der Haut als Urtikaria oder als orales Allergiesyndrom mit Schwellung von Mundschleimhaut, Lippen und Zunge, Kratzen und Jucken im Hals sowie Schluckbeschwerden. Im Vergleich dazu sind der Gastrointestinaltrakt (Durchfälle) oder die Atemwege (Asthmaanfall) deutlich seltener betroffen. Weniger als ein Fünftel der Personen mit Nahrungsmittelallergien reagiert mit Symptomen der Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts.

 

Die »Hitliste« der Nahrungsmittelallergene variiert mit den Lebensgewohnheiten. In Mitteleuropa sind Milch, Ei, Nüsse, Gewürze, Obst und Getreide die »Renner«, während Erdnüsse in Nordamerika und Fische in Skandinavien die Liste anführen.

 

Versteckte Allergene

 

Problematisch sind die versteckten Allergene in der Nahrung. Da in Deutschland keine vollständige Deklarationspflicht herrscht, sind bei Fertigprodukten nicht alle Bestandteile bei den Inhaltsstoffen aufgeführt. Ein typisches Beispiel ist Sojaöl, das industriell hergestellten Lebensmitteln wie Mayonnaise, Dressings oder Fertigsuppen zugesetzt wird, oder Soja in Pulverform als Zusatz zu manchen Curry-Gewürzmischungen. Ähnliches gilt für Guar (E412) oder Johannisbrotkernmehl (E410), die ein hohes allergenes Potenzial haben. Als Mehl verdicken und stabilisieren sie Lebensmittel wie Joghurt, Speiseeis und Fertigsoßen.

 

Die Patienten müssen durch ihre Ärzte und Apotheker auf die möglichen versteckten Zusätze hingewiesen werden und gegebenenfalls industriell hergestellte Fertigprodukte meiden oder auf Bio-Produkte ausweichen, die einer erheblich strengeren Deklarationspflicht unterliegen. Aktuell ist von der EU ein neues Gesetz erlassen worden, das potenzielle Allergene (Nüsse, Soja und andere) als deklarationspflichtig erklärt.

 

Therapiemöglichkeiten begrenzt

 

Was aber tun, wenn das Allergen unbekannt ist? Nicht immer weiß oder ahnt der Betroffene, welches Lebensmittel den unangenehmen Hautausschlag verursacht hat. Zuerst wird der Arzt versuchen, durch eine genaue Anamnese mehr Informationen zu gewinnen und dem Patienten zu einem Ernährungstagebuch raten. Eine allergologische Hauttestung und ein RAST (Radio-Allergo-Sorbent-Test) aus dem Blut können schnell Licht ins Dunkel bringen. Der RAST kann spezifisches IgE nachweisen, indem das IgE des Patienten an spezifische Allergene einer Testmatrix bindet und die gebildeten Antigen-Antikörper-Komplexe durch Fluoreszenz oder Radioaktivität sichtbar gemacht werden.

 

Natürlich beweisen diese Allergietests eine Allergie nicht, geben aber wertvolle Hinweise. Beweisend ist nur ein Provokationstest, auf den allerdings bei offensichtlichem Zusammenhang zwischen Allergen und Beschwerden verzichtet werden kann. Bei der Ursachenforschung muss unbedingt bedacht werden, dass einige Nahrungsmittel wie Nüsse oder Milch in gekochtem Zustand oft recht gut vertragen werden, während sie roh schwere Allergien auslösen können. Hier könnte dann ein Provokationstest zur Aufklärung beitragen.

 

Die therapeutischen Möglichkeiten einer Nahrungsmittelallergie beschränken sich auf Eliminationskost, Pharmakotherapie oder Hyposensibilisierung. Bei einer Eliminationsdiät muss der Betroffene das Lebensmittel absolut meiden. Sie ist daher die entscheidende Basismaßnahme. Eine Pharmakotherapie kommt nur akut symptomatisch zum Einsatz, denn die prophylaktische Dauertherapie mit Cromoglicinsäure konnte in aktuellen kontrollierten Studien nicht überzeugen.

 

Die Erfahrungen mit einer Hyposensibilisierung bei Nahrungsmittelallergien sind noch sehr eingeschränkt. Da vorwiegend Kinder betroffen sind, bei denen die Prognose sehr gut ist (etwa 80 Prozent werden bis zum Schulalter tolerant), ist der Aufwand einer spezifischen Immuntherapie häufig nicht gerechtfertigt. Eine Ausnahme stellt die Erdnuss dar: Eine Erdnussallergie ist hartnäckig und tendiert zu lebenslangem Bestehen. Leider sind die Komplikationsraten einer spezifischen Erdnuss-Immuntherapie sehr hoch (etwa 40 Prozent), sodass man sehr gut abwägen muss, ob diese Therapie für den Patienten in Frage kommt.  

 

Intoleranzen: Die Milch machts

 

Im Gegensatz zu den Allergien liegt den Lebensmittelintoleranzen kein immunologisches Geschehen zu Grunde. Sie entstehen durch einen erworbenen oder angeborenen Mangel an Enzymen, die für die Aufspaltung von Kohlenhydraten notwendig sind, oder durch einen Transportdefekt.

 

Im Darm werden Monosaccharide aktiv durch die Oberflächenmembran der Enterozyten transportiert. Disaccharide müssen zuvor gespalten werden, da nur für Monosaccharide ein Transportsystem besteht. Ist dieses defekt, entsteht eine (seltene) Monosaccharid-Intoleranz. Sehr viel häufiger ist eine Intoleranz für Disaccharide, wenn das für die Spaltung notwendige Enzym fehlt oder seine Aktivität vermindert ist. Die beiden wichtigsten Disaccharide sind Laktose (Galaktose-β1,4-Glucose, Milchzucker) und Saccharose (Glucose-α1,β2-Fructose; Haushaltszucker).

 

Laktose macht die Milch süß - und das bei der Muttermilch nahezu aller Säugetiere. Nur die Milch von Seelöwen und Walrossen enthält keinen Milchzucker. Daher ist es ganz erstaunlich, dass nahezu die gesamte Weltbevölkerung zu wenig von dem Enzym Laktase besitzt, das den Milchzucker in seine Bestandteile Glucose und Galaktose zerlegt. Fast alle Bevölkerungsgruppen verlieren im Lauf des Erwachsenwerdens 75 bis 90 Prozent ihrer Laktaseaktivität im Darm. Die einzigen Ausnahmen sind Nordeuropäer, Beduinen und mehrere kleinere afrikanische Stämme. Hier verliert nur etwa ein Siebtel bis ein Fünftel der Menschen während der ersten drei Lebensjahrzehnte die Laktaseaktivität. Das bedeutet dennoch, dass in Deutschland etwa 15 Prozent aller Erwachsenen mit den Folgen eines latenten oder manifesten Laktasemangels zu kämpfen haben.

 

Laktase und Laktose

 

Interessanterweise ist die Laktoseintoleranz eine sehr alte Erkrankung. Die erste Beschreibung findet man bei Hippokrates. Dennoch hat es bis weit über die Mitte des letzten Jahrhunderts gedauert, bis Kenntnisse über die Erkrankung Einzug in den medizinischen Alltag gefunden haben.

 

Dabei muss zwischen einem Laktasemangel und der Laktoseintoleranz unterschieden werden. Beim Mangel handelt es sich um einen kompensierten Zustand, der durch Laktosezufuhr manifest wird, das heißt erhebliche Beschwerden auslöst. Auf Grund des Laktasemangels gelangt Laktose unverdaut in den Dickdarm, wo sie als Nahrung für Dickdarmbakterien dient und von diesen fermentiert wird. Dabei werden verschiedene toxische Substanzen freigesetzt, zum Beispiel Acetaldehyd, Ethanol, Butan-2,3-thiol, Methan, Formiat, kurzkettige Fettsäuren und Propan. Die Folge sind Bauchschmerzen, Borborygmus (kollerndes Geräusch im Darm), Flatulenz und Durchfall. Ebenso kommt es zu Übelkeit, Kopf- und Muskelschmerzen und bei vielen Patienten gerade nicht zu Durchfall, sondern auf Grund der herabgesetzten intestinalen Motilität zur Obstipation (Tabelle 1). Da die Erkrankung ein buntes Symptombild hervorrufen kann, wird sie häufig verkannt.

Tabelle 1: Symptome bei Laktoseintoleranz (Auswahl)

Organ Beschwerden
Magen-Darm-Trakt Bauchschmerzen, Borborygmus, Flatulenz, Durchfall, Obstipation, Übelkeit und Erbrechen, Völlegefühl
Bewegungsapparat Muskelschmerzen
allgemein Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten

Zudem ist es für die Betroffenen häufig nicht erkennbar, dass der auslösende Faktor Milchzucker ist. Denn auch wenn sie Milchprodukte meiden, hören die Beschwerden oftmals nicht vollständig auf. Das liegt daran, dass Laktose (nicht deklarationspflichtig) vielen Lebensmitteln, die nichts mit Milch oder Milchprodukten zu tun haben, zur Konsistenzanreicherung, als Süßungsmittel oder Geschmacksverstärker zugesetzt wird (Tabelle 2).

Tabelle 2: Einige typische Lebensmittel mit „versteckter” Laktose

Lebensmittel Beispiele
Fleisch- und Wurstwaren Wurst- und Putenaufschnitt, Salami, Wiener Würstchen, Fleischsalat, Hühnchenfleisch
Getreideprodukte Brot, Kekse
Milchprodukte, Süßspeisen Joghurt, Mayonnaise, Süßspeisen wie Pudding oder Cremes
Salat angemachte Salate (Fertigsalate), Salatsoßen
Getränke süße Mixgetränke, Frühstücksdrinks
Soßen Fertigsoßen, Soßenbinder
Diätetika Diätpulver

Diagnose aus der Ausatemluft

 

Zur Diagnose einer Laktoseintoleranz führt ein Facharzt einen Wasserstoffatemtest durch. Dabei trinkt ein nüchterner erwachsener Patient ein Getränk mit 50 g Laktose, was etwa dem Laktosegehalt eines Liters Kuhmilch entspricht. In den folgenden drei Stunden misst der Arzt jede halbe Stunde den Wasserstoffgehalt in der Ausatemluft des Patienten. Ist dieser erhöht, liegt eine Laktoseintoleranz vor. Der Wasserstoffgehalt der Atemluft steigt an, weil beim Abbau der Laktose durch die Dickdarmbakterien Wasserstoff entsteht, der bei normaler Spaltung der Laktose nicht entstünde. Der Wasserstoff wird resorbiert und zum Teil über die Lunge abgeatmet. Diesen Gehalt kann man messen, wobei ein Wert von 20 ppm oberhalb des Ausgangswerts als pathologisch gilt.

 

Der Wasserstoffatemtest, der als einziger nicht-invasiver Standardtest zurzeit zur Verfügung steht, hat allerdings einige Schwächen. Zwar hat er einen hohen positiven Prädiktionswert (95 Prozent), aber einen sehr schlechten negativen (34 Prozent). Dieser sinkt umso mehr, je kürzer der Test durchgeführt wird. Beispielsweise beträgt die gesamte Sensitivität des Tests nur noch 37 Prozent, wenn die Messungen auf eine Stunde reduziert werden.

 

Fällt der Test positiv aus, kann der Arzt mit großer Sicherheit von einer Laktoseintoleranz ausgehen; ist er negativ, schließt er eine Laktoseintoleranz nicht mit Sicherheit aus. Dies gilt besonders dann, wenn die Testperson während oder nach dem Test Beschwerden entwickelt. Daher fordern einige Fachärzte, Beschwerden als Bestandteil des Wasserstoffatemtests zu werten.

 

Hohe Sensitivität besitzt eine Eliminationsdiät, die tatsächlich laktosefrei ist. Reduzieren sich nach einigen Tagen die Beschwerden und bleibt der Patient unter Diät beschwerdefrei, gilt eine Laktoseintoleranz als gesichert. Einen regelrechten Beweis kann ein Arzt allerdings nur mit einer direkten Enzymaktivitätsbestimmung aus dem Darm führen.

 

Genetische Prädisposition

 

Neue Erkenntnisse haben ein wenig Aufhellung in die Frage nach der Ursache der Laktoseintoleranz gebracht. Kurz oberhalb des Laktasegens liegen zwei genetische Varianten (C/T-13910 + G/A-22018), die mit dem Verlust oder der Persistenz einer ausreichenden Laktaseaktivität korrelieren. Obwohl der pathogenetische Zusammenhang noch nicht in letzter Konsequenz geklärt ist, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass beide Varianten den Promoter des Laktasegens direkt regulieren und sich daher ursächlich auf das Ausmaß der Laktaseaktivität auswirken.

 

Aktuell wird ein Test zur Identifikation einer genetischen Prädisposition erarbeitet. Dieser könnte es Ärzten und Patienten erleichtern, die Diagnose einer Laktoseintoleranz zu stellen.

 

Auf Milchzucker verzichten

 

Die effektivste Therapie der Laktoseintoleranz besteht darin, dass der Betroffene laktosehaltige Nahrungsmittel wie Milch und Milchprodukte meidet oder nur noch in geringen Mengen zu sich nimmt. 100 ml Milch enthalten etwa 5 g Laktose. Solche moderaten Mengen führen im Allgemeinen nicht mehr zu Durchfällen, vielfach aber noch zu Bauchschmerzen, Krämpfen, Obstipation und Blähungen. Eine nahezu laktosefreie Diät verhindert meist alle Beschwerden. Dabei sollten die Betroffenen selbst ausprobieren, wie viel Milchzucker sie vertragen, bevor sich Beschwerden bemerkbar machen.

 

Statistisch gesehen verträgt ein Patient mit Laktoseintoleranz etwa 10 g Laktose am Tag, was etwa 200 bis 220 ml Milch entspricht. Schlagsahne, Eiscreme und Pudding enthalten ebenso viel Laktose wie Milch. Vielen Joghurts, bei denen ein Teil der Laktose zu Milchsäure fermentiert ist und die daher einen deutlich geringeren Laktoseanteil haben, wird Magermilchpulver zugesetzt. Die Folge: Der Laktosegehalt gleicht dem der Milch oder ist sogar noch höher. Hartkäse enthält meist sehr wenig Milchzucker, in Butter finden sich nur Spuren davon. Schokolade und andere Süßigkeiten haben teilweise einen sehr hohen Gehalt und werden daher nur in kleinsten Mengen vertragen.

 

Allerdings kann man die Laktoseverträglichkeit auch über Monate durch moderaten Genuss von laktosehaltigen Lebensmitteln steigern, wobei der Verträglichkeitsgewinn der intestinalen Flora zu verdanken ist. Verschiedene Spezies von Mikroorganismen können lernen, die Laktose auch schon in den höher gelegenen Darmabschnitten zu verstoffwechseln. Denn entgegen vielen Gerüchten kann Laktosezufuhr die Laktaseaktivität im Darm nicht stimulieren.

 

Die Verträglichkeit hängt auch vom aktuellen Gesundheitszustand ab. Manchmal kann ein Patient während eines grippalen Infekts noch nicht einmal ein paar Schlucke Milch trinken, ohne Beschwerden zu bekommen. Nach Abklingen der Infektion verträgt er dagegen ohne weiteres eine oder zwei Tassen Milch. Oft bemerken Betroffene die Unverträglichkeit zum ersten Mal nach oder während einer Infektion des Magen-Darm-Trakts. Denn bei dem Infekt sterben entzündete Schleimhautzellen ab, sodass die Laktasekonzentration kurzfristig abnimmt. Dann machen schon geringe Mengen Laktose erhebliche Beschwerden. Nach Abklingen der Infektion kann sich der Darm wieder erholen, der Laktasemangel kann aber auch unverändert bestehen bleiben.

 

Eine milchfreie Diät hat ihre Kehrseite. Besonders Kinder und Frauen müssen zwingend auf eine ausreichende Calciumzufuhr achten. Der Mineralsalzgehalt der Knochen bei Patienten mit Laktoseintoleranz, die jahrelang eine konsequent milchfreie Diät einhalten, ist reduziert und damit das Osteoporoserisiko erhöht.

 

Ein Plus an Laktase

 

Eine Alternative zu der strikten Eliminationsdiät ist die exogene Zufuhr des Enzyms Laktase in Form von Pulver, Tabletten oder Tropfen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Laktase möglichst zeitgleich mit den Speisen eingenommen wird, da schon bei einer Einnahme 30 Minuten vor dem Essen keine Laktaseaktivität oder freie Galaktose mehr nachweisbar ist.

 

Inzwischen bieten viele Supermärkte Milchprodukte wie Milch, Kakao, Joghurt und Sahne mit einem Laktosegehalt unter 0,1 Gramm pro Liter an. In diesen Lebensmitteln ist die Laktose in ihre Monosaccharide gespalten, was sie zwar vermehrt süßt, aber den Nährwert- und Mineralstoffgehalt nicht beeinträchtigt.

 

Helfen Probiotika?

 

Vielfältige Werbespots legen nahe, dass der Verzehr von probiotischen Lebensmitteln Magen-Darm-Beschwerden und geradezu die gesamte Verdauung positiv beeinflusst, wenn nicht sogar von üblen gastrointestinalen Beschwerden befreien kann. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die zur Herstellung beispielsweise von Joghurt oder Milchmixgetränken verwendet oder diesen zugesetzt werden. Sie sollen helfen, Völlegefühl und Verdauungsprobleme zu beseitigen. Auch die Aufnahme von Laktose im Darm soll gesteigert und die Symptome einer Intoleranz reduziert werden.

 

Tatsächlich gibt es wissenschaftlich fundierte Studien, die einen entsprechenden Zusammenhang belegen. Eine große Metaanalyse, die zehn Studien aus den Jahren 1966 bis 2002 systematisch analysierte, kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis (Levri, 2005). Je ein Drittel der Untersuchungen kam nämlich zu positiven, negativen oder sogar gemischten Ergebnissen.

 

Gegenwärtig lässt sich daher keine generelle Empfehlung für probiotische Nahrungsmittelzusätze oder -bestandteile für Patienten mit Laktoseintoleranz geben. Jedoch spricht vieles dafür, laktoseintoleranten Patienten einen Versuch mit Probiotika nahe zu legen. Dabei sollen sie darauf hingewiesen werden, dass die handelsüblichen probiotischen Milchprodukte unterschiedliche Kulturen, Konzentrationen und Präparationen enthalten und daher möglicherweise verschiedene Produkte getestet werden müssen.

 

Seltenere Intoleranzen

 

Ein deutlich kleinerer Anteil der Deutschen verträgt andere Zucker schlecht oder gar nicht. Angeführt wird diese Liste von Fruchtzucker (Fruktose), dessen Intoleranz mit 2 bis 4 Prozent noch recht häufig ist. Danach folgen Saccharose-Isomaltase-, Trehalose-, Glucose-, Galaktose- und Amylose-Intoleranz (Amylase-Defizienz), die alle extrem selten sind.

 

Der Fruktoseintoleranz liegt kein Enzymmangel zu Grunde; die Patienten leiden vermutlich an einem Transportdefekt für Fruktose im Darm. Daher verdauen sie den Fruchtzucker noch langsamer als Gesunde, denn Fruchtzucker wird an sich schon langsamer als Traubenzucker (Glucose) aus dem Darm resorbiert. Bei Fruchtzucker-empfindlichen Menschen gelangen daher größere Mengen Fruktose in den Dickdarm, wo er wie alle Zucker Bakterien als Nährstoff dient und zersetzt wird. Auch hier die Folgen: Bauchschmerzen, Koliken, Blähungen oder Durchfälle.

 

Ein gesunder Erwachsener verträgt einmalig etwa 30 g Fruktose, größere Mengen führen zu Beschwerden. Der Haushaltszucker besteht zur Hälfte aus Fruktose, im Honig sind 40 g pro 100 g und in Schokolade 25 pro 100 g enthalten. In Früchten finden sich unterschiedliche Mengen Fruktose, etwa zwischen 2 und 10 g/100 g, wobei Ananas, Banane, Apfel und Honigmelone die Spitzenreiter sind und am unteren Ende Kiwi, Beeren und Orangen stehen. Gemüse (etwa 3 g/100 g) und Vollkornprodukte (unter 1 g/100 g) enthalten weniger Fruktose.

 

Die Empfindlichkeit gegenüber Fruktose ist bei Kindern und Erwachsenen mit einer Intoleranz ganz unterschiedlich. Die Schwelle liegt bei 10 bis 15 g, bei sehr empfindlichen Personen bei nur 1 g. Therapeutisch hilft nur eine Eliminationsdiät, die sich nach den individuellen Gegebenheiten richten muss. Dabei ist zu bedenken, dass nicht nur Früchte Fruchtzucker enthalten, sondern auch der übliche Haushaltszucker zur Hälfte aus Fruktose besteht.

 

Bei den anderen Zuckerintoleranzen kann jeweils ein Di- oder Monosaccharid nicht verdaut werden. Die Enzym- oder intestinalen Transportdefekte sind angeboren; eine Glucoseintoleranz ist für die betroffenen Säuglinge lebensbedrohlich. Eliminationsdiäten, beispielsweise durch Austausch von Glucose gegen Fruktose oder Vermeiden von Pilzen bei Trehalose-Intoleranz, sind therapeutisch entscheidend.

 

Zu den Nahrungsmittelintoleranzen zählt auch die einheimische Sprue (Zöliakie), bei der Betroffene Gluten, einen Bestandteil verschiedener Getreidesorten, nicht vertragen. Dabei handelt es sich um eine ernste Erkrankung, der ein immunologisches Geschehen zu Grunde liegt. Es lassen sich Antikörper gegen die Gliadenfraktion des Glutens nachweisen. Die Zufuhr von Gluten führt zu einer chronischen Entzündung der Darmschleimhaut, die umgebaut wird und ihre Funktion verliert. Durchfälle und Mangelversorgung sind die Folgen, außerdem erhöht sich die Gefahr für Darmkrebs. Die Eliminationsdiät muss alle Getreideprodukte wie Brot und Nudeln strikt meiden, denn schon kleinste Spuren von Gluten lösen das immunologische Geschehen aus. Ersatz für diese Grundnahrungsmittel können durch Reis, Hirse und Maisprodukte geschaffen werden.

Literatur

Levri, K. M., et al., Do probiotics reduce adult lactose intolerance? A systematic review. J. Fam. Prac. 54 (7) (2005) 613-620.

Mathews, S., et al., Systemic lactose intolerance: a new perspective on an old problem. Postgr. Med. J. 81 (2005) 167-175.

Teuber, S. S., Porch-Curren, C., Unproved diagnostic and therapeutic approaches to food allergy and intolerance. Curr. Opin. Allergy Clin. Immunol. 3 (3) (2003) 217-221.

Wolf, E., Zöliakie/Sprue: Kahlschlag unter den Darmzotten. Pharm. Ztg. 148, Nr. 43 (2003) 3854-3861.

 

Die Autorin

Carola Seifart studierte Medizin und fertigte ihre Dissertation am Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums der Philipps-Universität Marburg an. Nach der Promotion 1997 arbeitete sie in Marburg als Teilprojektleiterin der klinischen Forschergruppe zur Erforschung zellulärer Reaktionsmechanismen chronischer Atemwegserkrankungen, absolvierte Forschungsaufenthalte an der Pennsylvania State University, USA, und am Netherlands Cancer Institut, Amsterdam. Dr. Seifart ist Fachärztin für Innere Medizin sowie für Lungen- und Bronchialheilkunde. Seit 2001 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Innere Medizin, Schwerpunkt Pneumologie, des Universitätsklinikums Marburg und absolvierte zudem ein Aufbaustudium Health Care Management. Dr. Seifart erhielt mehrfach Stipendien und Preise für ihre Arbeiten, zuletzt eine DFG-Sachbeihilfe für ein Forschungsprojekt zur Emphysemtherapie.

 

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:

Dr. Carola Seifart

Universität Gießen und Marburg

Standort Marburg

Zentrum für Innere Medizin

zwiebel(at)mailer.uni-marburg.de

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