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Modernes Leben

Stress in der Stadt

09.01.2018
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Von Jennifer Evans, Berlin / Lärm, Hektik, Anonymität. Wie geht das Gehirn mit urbanen Reizen um und was können Stadtplaner für die psychische Gesundheit tun? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. Mazda Adli, Psychiater und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Berliner Charité.

Während 1950 nur jeder Dritte in der Stadt lebte, ist es heute bereits jeder Zweite und laut Prognosen werden es im Jahr 2050 rund zwei Drittel der Weltbevölkerung sein. Und das, obwohl »Städte uns eigentlich in gewisser Weise wahnsinnig machen«, sagte Adli kürzlich bei seinem Vortrag in der Berliner Urania. Unser Gehirn könne nicht all die Eindrücke verarbeiten, denen es permanent ausgesetzt ist. 

 

Das liege unter anderem daran, dass es – gemessen an der Menschheitsgeschichte – eine relativ neue Herausforderung für das Gehirn darstelle, sich mit Urbanisierung und Digitalisierung auseinanderzusetzen. »Die Evolution ist einfach zu langsam, um sich schnell genug an die neuen Umstände anzupassen«, so Adli, der auch Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin ist. Rund 120 000 Generationen von Menschen hätten als Jäger und Sammler gelebt, erst 500 seien sesshaft, zehn beeinflusste die Industrialisierung und nur eine die Digitalisierung. Das hat nach wie vor Auswirkungen auf die Anpassungsfähigkeit für das Leben in der Großstadt.

 

Menschen fühlen sich Adli zufolge daher in solchen Städten wesentlich sicherer, die ein Stadtzentrum besitzen, von dem aus sich der Rest ihrer Struktur erschließt. »Das geht auf die einst mittig gelegene Wasserstelle zurück«, sagt er. Emotional wesentlich schwerer zu erfassen ist demzufolge der blockartige Aufbau einer Stadt, wie er in vielen US-Metropolen zu finden ist. »In dieser Umgebung entwickelt sich auch ein Heimatgefühl wesentlich langsamer.«

 

Aktivere Amygdala in Metropolen

 

Der Psychiater plädiert dafür, dass es in Städten künftig mehr Verweilzonen statt Transitzonen gibt. »Freie Plätze stärken soziale Kontakte«, betont er. Auf Brachflächen könnten sich beispielweise Familien zum Grillen treffen. Untersuchungen aus Baltimore hätten zudem ergeben, dass je dichter die Baumkronen über einem Weg oder einer Straße gewachsen seien, desto größer sei die soziale Kooperationsbereitschaft von Menschen, die sich darunter aufhielten. Außerdem begründet er, warum Kultureinrichtungen wie Theater, Bibliotheken oder Museen zusätzlich einen sogenannten Public-Mental-Health-Auftrag erfüllen. »Sie schaffen Partizipationsanreize, besonders für Risikopopulationen, zu denen ältere Menschen, Migranten und Singles gehören.« Eine interessante Entdeckung machten auch Adlis Kollegen an der Charité: Demnach steigen die psychischen Beschwerden von Stadtmenschen nämlich nicht mit der eigenen, sondern mit der Armut des Nachbarn an. »Dabei spielen offenbar Abstiegsängste eine entscheidende Rolle.«

 

Stadtplaner sollten nach Ansicht des Wissenschaftlers solche Zusammenhänge kennen. Unüberlegte bauliche Veränderungen könnten Folgen für das Gehirn haben, das ständig mit den Reizen einer Großstadt interagiert. Faktoren wie Lärm, Hektik oder Anonymität erzeugen Stress, der wiederum das psychische Wohlbefinden beeinflusst. Messbar sind die Auswirkungen des städtischen Lebens in bestimmten Hirnregionen. »Die Amygdala ist deutlich aktiver, je größer die Stadt ist, in der eine Person lebt.« Dieses Areal sei gleichzeitig an der Entstehung von Angst und Depressionen beteiligt.

 

Kommen Belastungen durch Gene, den Stresshormon-Haushalt, pränatale Einflüsse, Kindheitserfahrungen oder persönliche Krisen hinzu, ist die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken, hoch. Das Risiko, eine Schizophrenie zu entwickeln, ist nach Adlis Angaben bei Stadtmenschen doppelt so hoch wie bei der Landbevölkerung. Ebenso steigt dasselbe Risiko linear an, je mehr Zeit eine Person innerhalb ihrer ersten 15 Lebensjahre in der Stadt verbracht hat. Je höher dabei die Dosis, desto schlimmer, sprich: je größer die Stadt, desto höher das Schizophrenie-Risiko. Städter leiden zudem 1,5 Mal häufiger an Depressionen und haben 1,2 Mal öfter Angststörungen verglichen mit Landbewohnern.

 

Die Kombination aus sozialer Isolation und sozialer Dichte sind häufige Auslöser von Stress. »Mehr noch als Alkoholkonsum, Rauchen oder Übergewicht hat die soziale Isolation Einfluss auf frühzeitige Sterblichkeit«, so der Stressforscher. Soziale Dichte entstehe durch sogenanntes Overcrowding und erzeuge Verhaltensänderungen und Reizbarkeit und könne so letztlich zu psychischen Störungen führen.

 

Anonymität auch positiv

 

Doch auch Anonymität könne man positiv bewerten, so der Wissenschaftler. Das Gefühl der Einsamkeit entstehe erst, wenn viele fremde und geschäftige Menschen um einen herum sind, die einem das Gefühl geben, nicht am Leben teilzunehmen. Bei einem Spaziergang allein im Wald entstehe dieses Gefühl kaum, weil man dort den Zustand des Alleinseins bewusst genieße. Diese Fähigkeit kann man sich nach Adlis Ansicht auch für die Stadt aneignen. Zum Beispiel die eigene Wohnung als Ruhezone schätzen lernen, in der man neue Energie tankt. Ein Vorteil städtischen Lebens sei es für viele Menschen auch, seinen persönlichen Lebensstil ohne allzu große Kontrolle pflegen zu können.

 

Wer Anonymität jedoch entgegenwirken will, sollte seinen Wohnort und das Viertel, in dem er lebt, gründlich erkunden. Kennen sollte man Adli zufolge, die Geschäfte, die Menschen und den »Geruch« seiner Wohnstraße. So entstehe ein positives Heimatgefühl. »Und sollte einem doch einmal die Decke auf den Kopf fallen, finden sich in einer Metropole garantiert Gleichgesinnte.« Adlis Vision: durch einen neuen Wohnungsbau mit Begegnungsflächen und -räumen wie gemeinsamen Küchen und Gärten die Städter von morgen näher zusammenzubringen.

 

Bessere Gesundheit

 

Fußgänger sind heute durchschnittlich 10 Prozent schneller in den Weltmetropolen unterwegs als noch vor gut 20 Jahren. Doch trotz Hektik und nicht unbedingt nur positiver Veränderungen, die das urbane Leben mit sich bringt, bleibt Adli ein Städte-Freund. »Zu den sogenannten Urban-Advantages gehören größerer Wohlstand, bessere Gesundheitsversorgung, kulturelle Vielfalt, mehr Bildungschancen und umfangreichere Förderprogramme für Kinder«, betont er. Der Wissenschaftler will Städte auch in Zukunft so lebenswert wie möglich erhalten und war daher 2015 Mitgründer der interdisziplinären Forschungsgruppe Neurourbanistik. Dafür haben sich Architekten, Stadtplaner, Psychiater, Sozialwissenschaftler und Neurowissenschaftler zusammengetan. Ihr Ziel: Das Phänomen Stadtstress und dessen Einflüsse auf Verhalten und Emotionen besser zu verstehen, um das Stadtleben gesünder zu gestalten. /

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