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Apotheken-Plattform

Apothekerkammer geht gegen Doc Morris Express vor

Makeln durch die Hintertür? Im Zuge der Einführung des E-Rezepts fürchten die Vor-Ort-Apotheken eine unerlaubte Weiterleitung der Verordnung an Dritte. Die Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) mahnt nun Doc Morris wegen seines Plattformkonzepts ab.
Ev Tebroke
23.09.2021  15:38 Uhr

Mit dem Start des E-Rezepts braucht es künftig nur noch einen Klick über die entsprechende Gematik-App und die Verordnung gelangt in die gewünschte Apotheke vor Ort – oder zu einer Versandapotheke. Apothekengeführte Online-Plattformen wollen den Offizinen hier die Möglichkeit einer digitalen Präsenz bieten. Patienten sollen ihre elektronische Verordnung ganz leicht an eine stationäre Apotheke ihrer Wahl schicken können. Darüber hinaus sollen die Offizinen sich mit zusätzlichen Services und Beratungsangeboten auf diesen Plattformen präsentieren können. Auch die großen EU-Versender wie Doc Morris oder Shop Apotheke bauen derzeit entsprechende Online-Marktplätze auf und werben um die Teilnahme der Vor-Ort-Apotheken. Denn sie benötigen die stationären Offizinen, um ihre tagesaktuellen Lieferfristen gewährleisten zu können. Diese Plattformen sind häufig als in sich geschlossene Gesundheitsportale gedacht, auf denen der Patient sich auch telemedizinisch versorgen lassen und sein Rezept dann direkt auf der Plattform auch einlösen kann. Hier besteht aus Sicht der Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) die Gefahr möglicher Wettbewerbsverzerrungen.

Zwar gibt es mit dem Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG) seit 2020 ein Makelverbot für die elektronische Verordnung. Dieses wurde zuletzt auch auf den für die Rezepteinlösung erforderlichen E-Rezept-Token ausgeweitet. Die Regelung war eine entscheidende Forderung der ABDA gewesen, um die großen Versender daran zu hindern, digitale Verordnungen im großen Stil abzugreifen. Aber für die Vor-Ort-Apotheken hierzulande scheint die Gefahr einer unerlaubten Rezeptweiterleitung nach wie vor präsent. Wie wichtig das Thema Makelverbot den Apothekern ist, zeigten auch entsprechende Anträge auf dem derzeit in Düsseldorf stattfindenden Deutschen Apothekertag (DAT). Mehrere Kammern hatten auf strengere Regeln für die E-Rezeptübermittlung gedrängt. Die AKNR ist nun erneut juristisch gegen einen Plattform-Anbieter vorgegangen: Sie sieht in dem Konzept von Doc Morris Express einen zweifachen Verstoß gegen das Apothekengesetz.

Schutz vor unerlaubten Kooperationen

Der Kammer geht es nach eigenen Angaben unter anderem darum, »frühzeitig unerlaubte Kooperationen aufzuzeigen, zum Schutze der niedergelassenen Apotheker, die gehalten sind, nur rechtmäßige Kooperationen einzugehen, weil sie ansonsten Gefahr laufen, ihre Betriebserlaubnis zu verlieren«, so die Erklärung auf Nachfrage der PZ.

Die Präsenz auf Doc Morris Express ist für Partnerapotheken bis zum Jahresende noch kostenlos, ab 2022 muss jede teilnehmende Apotheke monatlich eine Gebühr von 399 Euro zahlen. Dann müssen die Partnerapotheken zudem auf alle Bestellungen von Produkten, die nicht ärztlich verordnet sind, eine Transaktionsgebühr in Höhe von 10 Prozent des Nettoverkaufspreises entrichten.

Für die AKNR ist ein solches Geschäftsmodell ein fragwürdiges Unterfangen. Sie befürchtet in diesem Plattformkonzept eine mögliche Umgehung des Makelverbots (§11 Abs. 1 a Apothekengesetz ApoG) und hat dem Versender mit Sitz im niederländischen Heerlen eine Abmahnung geschickt. Doc Morris beziehungsweise die für die Plattform zuständige Tochtergesellschaft Tanimis B.V. soll es unterlassen, den Vor-Ort-Apotheken hierzulande einen Vertrag anzubieten, wenn die Offizinen dabei für eine monatliche Gebühr von 399 Euro eine Rezept-Übermittlung erwarten können. Auch sieht die AKNR in den Transaktionsgebühren mit Blick auf die nicht preisgebundenen Arzneimittel einen Verstoß gegen § 8 Satz 2 ApoG. Diese Norm erklärt Vereinbarungen für unzulässig, »bei denen die Vergütung für dem Erlaubnisinhaber gewährte Darlehen oder sonst überlassene Vermögenswerte am Umsatz oder am Gewinn der Apotheke ausgerichtet ist, insbesondere auch am Umsatz oder Gewinn ausgerichtete Mietverträge«.

Vertrag über Plattform-Präsenz mit Mietvertrag gleichzusetzen

Laut besagten §11 Absatz 1a ist es für Dritte unzulässig, »Verschreibungen, auch Verschreibungen in elektronischer Form oder elektronische Zugangsdaten zu Verschreibungen in elektronischer Form, zu sammeln, an Apotheken zu vermitteln oder weiterzuleiten und dafür für sich oder andere einen Vorteil zu fordern, sich einen Vorteil versprechen zu lassen, anzunehmen oder zu gewähren«. Nichts anderes macht Doc Morris aber aus Sicht der Kammer. Sinn und Zweck der Plattform sei es schließlich, Rezepte zu sammeln und an die Apotheken zu vermitteln. Zudem werde den teilnehmenden Apotheken ein zusätzlicher Umsatz von rund 380.000 Euro in Aussicht gestellt, erklärte die Kammer auf Anfrage der PZ. Mit dieser Umsatzspanne hatte Doc Morris selbst zuletzt bei den Apotheken um ihre Teilnahme geworben.  Aus Sicht der Kammer geht es insoweit um die »Überlassung der Darstellung der Apotheke auf der Plattform«, so die Erklärung gegenüber der PZ. Aufgrund des zunehmenden Absatzes von Arzneimitteln im Internet habe die Darstellung auf einer Plattform, insbesondere wenn ihr ein solcher wirtschaftlicher Wert beigemessen werde, eine vergleichbare Bedeutung mit einem Mietvertrag.

Doc Morris zeigt sich derweil von der Abmahnung unbeeindruckt: »Wir haben uns mit den juristischen Vorwürfen auseinandergesetzt und halten diese für unbegründet«, heißt es auf Anfrage der PZ. Man werde daher »alle Schritte unternehmen, die für die vollständige Umsetzung unserer Plattform-Strategie notwendig sind«.

Laut AKNR ist die Abmahnung an Doc Morris nicht die einzige. Auch gegen die Plattform-Konzepte von Shop Apotheke, die mit den Telemedizinern von Zava kooperiert sowie die Plattform »gospring« ist die Kammer juristisch vorgegangen.

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