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Corona-Impfstoffe 

Apotheker und Großhandel legen Vertriebskonzept vor

Schon bald sollen auch Hausärzte Patienten gegen das Coronavirus impfen. Die Verteilung der mitunter hochsensiblen Vakzine ist eine Herausforderung für Großhändler und Apotheken. Die haben nun gemeinsam ein detailliertes Konzept für den Vertrieb ausgearbeitet.
Stephanie Schersch
22.02.2021  15:42 Uhr

Eigentlich ist sie der Ausweg aus der seit Monaten andauernden Pandemie. Doch seit Wochen sorgt die Impfung gegen das Coronavirus vor allem für eine Menge Ärger im Gesundheitswesen. So geht die Immunisierung der Bürger bislang nur schleppend voran, auch weil derzeit weniger Vakzine zur Verfügung steht als eigentlich gedacht. Hinzu kommt eine inzwischen weit verbreitete Skepsis, die viele dem Impfstoff von Astra-Zeneca entgegenbringen.

Eines allerdings steht trotz aller Probleme fest: Schon bald werden auch die niedergelassenen Ärzte und nicht allein die Impfzentren die Vakzine verabreichen. Zuletzt hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) das zweite Quartal als Zeitpunkt für diesen Systemwechsel genannt. Dann sollen die Impfstoffe über die normale Lieferkette auch in die Arztpraxen gelangen. Gemeinsam haben Apotheken und Großhändler nun ein Konzept ausgearbeitet, wie dieser Prozess organisiert werden kann. Demnach könnten spätestens ab April die täglich im Schnitt gelieferten Mengen an Impfstoffen die Kapazitäten der Impfzentren übersteigen –  vorausgesetzt, die Hersteller halten ihre Lieferversprechen ein. »Es ist daher notwendig, die niedergelassenen Ärzte in die Impfkampagne einzubeziehen«, heißt in dem Papier, das der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) zusammen mit der ABDA vorgelegt hat. Gemeinsam werde man die Versorgung der Arztpraxen sicherstellen, sodass diese »ihre Patienten wohnort- und zeitnah sowie in hoher Frequenz impfen können«.

Großhandel will Ultra-Tiefkühl-Logistik aufbauen

Mit den Präparaten von Biontech/Pfizer, Modern und Astra-Zeneca gibt es bislang drei Corona-Impfstoffe  am Markt, weitere Präparate sollen bald folgen. Comirnaty® (Biontech/Pfizer) stellt den Vertrieb dabei vor die größten Herausforderungen. So muss das Präparat sehr stark gekühlt und vor der Impfung aufgetaut werden. Der Großhandel will vor diesem Hintergrund eine Infrastruktur für eine sogenannte Ultra-Tiefkühl-Logistik aufbauen und prüfen, inwieweit man dabei auf Beschaffungsstrukturen des Bundes zurückgreifen kann. Derzeit werden die Impfstoffe bundesweit über verschiedenen Verteilzentren abgewickelt, bevor sie in die Impfzentren gelangen.

Grundsätzlich drängen Großhandel und Apotheke auf einen festgelegten Prozess mit zeitlich exakt vorgegebenen Fristen für die Verteilung der Präparate. Dabei schlagen sie ein Organisationsmodell vor, dass die Impfstofflieferungen für eine ganze Woche umfasst. So könnten Praxen Dosen aller drei Impfstoffe für die jeweils kommende Woche spätestens bis Dienstagmittag über ein Kassenrezept in der Apotheke ordern. Diese gibt die Bestellung bis 15 Uhr an den Großhandel weiter, der anschließend mit der Organisation der Impfdosen bei einem der Verteilzentren oder direkt beim Hersteller beginnt und die Vakzine in einer zum Drehkreuz ernannten Niederlassung zwischenlagert. Für Comirnaty sind dafür besondere Tiefkühlschränke geplant, die eine Lagerung bei bis zu minus 75 Grad möglich machen sollen. 

Jeweils Montagfrüh beginnt in der Großhandlung das Auftauen des Biontech-Impfstoffs, der schließlich in Kühlboxen bei 2 bis 8 Grad Celsius zusammen mit den Impfdosen der anderen Hersteller und einer entsprechenden Dokumentation bis spätestens 15 Uhr in die Apotheke kommt. Noch am gleichen Nachmittag liefert die Offizin an die Praxis aus, die zumindest Comirnaty dann in der Regel von Dienstag bis Freitag verimpft. Auch die Ärzte müssen somit genau planen, um am Ende der Woche keine Dosen verwerfen zu müssen. Denn das Biontech-Präparat ist nach dem Auftauen nur 120 Stunden lang haltbar. Etwas flexibler sind die Mediziner hingegen beim Einsatz der beiden anderen Impfstoffe

Zu große Gebinde für die Praxen

Derzeit regelt eine zentrale staatliche Stelle die Lieferströme der Vakzine in die Impfzentren, die diese Aufgabe voraussichtlich auch für den ambulanten Bereich übernehmen wird.  Da nicht immer alle Impfstoffe in gleicher Weise verfügbar sein werden, könnten Praxen nicht in jedem Fall mit den von ihnen bevorzugten Präparaten versorgt werden, schreiben ABDA und Phagro in ihrem Konzept. Aus ihrer Sicht sollten Ärzte allerdings zumindest die Art des Impfstoffs auswählen und damit etwa entscheiden können, ob sie einen Vektor- oder mRNA-Impfstoff bestellen wollen.

Darüber hinaus weisen beide Partner darauf hin, dass die bislang verfügbaren Impfstoff-Gebinde nicht unbedingt zum Bedarf einer Arztpraxis passen. So gebe es etwa Comirnaty nur in Kartons von mindestens 25 Vials, aus denen ganze 150 Dosen gezogen werden können. Damit die Liefermengen transparent bleiben, möchte der Großhandel aus den Originalgebinden nach Möglichkeit nicht auseinzeln. Stattdessen sollten die Hersteller ihre Packungen an den Bedarf der Praxen anpassen, fordern Apotheker und Großhandel.

Für maximale Transparenz drängen beide Seiten zudem auf eine möglichst frühzeitige Kommunikation. »Es ist zwingend erforderlich, vorab Kenntnis über die lieferbaren und zu distribuierenden Impfstoffe nach Art und Menge zu erlangen«, heißt es in dem Papier. Dabei müsse man auch Zubehör in einem entsprechenden Umfang organisieren, darunter Spritzen, Kanülen und Lösemittel.

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