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Thüringen

Apothekenprojekt zur Hilfe bei häuslicher Gewalt startet

In der Pandemie wurde das Codewort »Maske 19« für Frauen und Mädchen etabliert, die wegen häuslicher Gewalt Hilfe in Apotheken suchen wollten. Eine langfristiges Konzept, das auch nach Corona noch Bestand haben soll, stammt von der Apothekerkammer Thüringen. Neues Codewort: Violind.
Christina Hohmann-Jeddi
25.11.2021  16:30 Uhr

Was können Mitarbeiter in Apotheken tun, wenn sie mit dem Thema häusliche Gewalt in Berührung kommen? Um in diesem Fall effektiv helfen zu können, hat die Landesapothekerkammer Thüringen (LAKT) in Kooperation mit den Thüringer Frauenhäusern ein Konzept mit dem Namen Violind entwickelt. Schulungen und Materialien sollen das Apothekenpersonal auf die schwierige Situation vorbereiten, um den Betroffenen bestmöglich helfen zu können.

In jeder Thüringer Apotheke ist in den vergangenen Wochen ein lila Päckchen mit Materialien von Violind angekommen, berichtete LAKT-Präsident Ronald Schreiber auf der Kammerversammlung am 17. November. In der Online-Versammlung stellte Lisa Michel von der LAKT das Konzept genauer vor. Der Hintergrund sei, dass sich die Problematik der häuslichen Gewalt im Lockdown verschärft habe. In Thüringen sei die Zahl entsprechender Delikte um 12,6 Prozent im Vergleich zu 2019 angestiegen, sagte Michel. Zudem sei der Zugang zu Hilfsangeboten durch Kontaktbeschränkungsmaßnahmen und etwa Home-Office-Pflicht für Betroffene erschwert worden. Insgesamt seien Frauenhäuser als Ort der Beratung und Hilfe noch zu unbekannt. Abhilfe soll hier das gemeinsame Projekt der Thüringer Apotheken und Frauenhäuser schaffen.

Die Materialien umfassen einen Türaufkleber und ein Plakat, mit denen Apotheken kenntlich machen können, dass sie an dem Violind-Projekt teilnehmen. Dies soll betroffene Frauen ermutigen, Hilfe in der Apotheke zu suchen, wo sie mit Kontaktdaten zu Beratungsangeboten versorgt werden können. Auf Wunsch kann das Apothekenpersonal auch Kontakt zum örtlichen Frauenhaus aufnehmen. Wie das Apothekenpersonal in solchen Situationen am besten handelt, welche Anzeichen für häusliche Gewalt und welche Möglichkeiten es gibt, Hilfe anzubieten, ist in einem Leitfaden zusammengefasst.

Violind-Pflasterbox mit Informationen und Kontakten

»Das Herzstück des Violind-Pakets ist die Pflasterbox«, sagte Michel. Sie dient als Tarnung, um betroffenen Frauen unauffällig Informationen zu häuslicher Gewalt in Form einer »Packungsbeilage« und Telefonnummern von örtlichen Beratungsstellen mitzugeben. Dort wird auch auf die Website Violind.de hingewiesen, auf der die wichtigsten Informationen und Kontaktdaten jederzeit abrufbar sind.

Apotheken, die sich an dem Projekt beteiligen wollen, erhalten eine Onlineschulung, die von Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser gehalten wird. Im Oktober und November fanden bereits drei solcher Veranstaltungen statt, an denen insgesamt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Apotheken teilgenommen haben, berichtet Michel. Weitere Schulungen sind für das Frühjahr 2022 geplant. Zudem sollen in Zukunft – sobald es die Corona-Infektionszahlen zulassen – die örtlichen Frauenhäuser das Apothekenpersonal direkt vor Ort schulen. Wenn genügend Apothekenteams geschult sind, werde man mit dem Projekt an die Öffentlichkeit gehen. 

Mit Violind käme auf Apotheken keine neue Aufgabe zu, betonte Michel. Sie hätten lediglich eine Vermittlungsfunktion. Die Beratung der Frauen erfolge ausschließlich in den Frauenhäusern. Violind solle vor allem eines sein: Ein sichtbares Zeichen, dass man nicht gewillt ist, wegzusehen.

Zunahme an häuslicher Gewalt 

Denn häusliche Gewalt ist ein unterschätztes Problem, auf den auch der heutige »Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen« aufmerksam macht: Jede vierte Frau ist im Laufe ihres Lebens davon betroffen. In 2020 ist die Zahl der angezeigten Gewalttaten unter Paaren und Ex-Partnern noch stärker gestiegen als in den Jahren zuvor, zeigt eine aktuelle Statistik des Bundeskriminalamtes. Dieser zufolge registrierten die Behörden im vergangenen Jahr bundesweit 146.655 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte – ein Anstieg um 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind Männer die Täter. 139 Frauen und 30 Männer wurden von ihrem aktuellen oder ehemaligen Partner getötet.

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